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Sale A166 Lot 178 - 16 September 2013 10:00 to 16 October 2013 10:00

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*MANUSKRIPTE - Breviarium. Lateinische Handschrift auf Pergament mit 16 (davon 10 figürl., 3 fast ganzs.) farbig ausgemalten und goldgehöhten Initialen sowie teils figürlichem Rankenwerk, 3 Tabellen, 4 S. Noten u. zahlr. roten u. blauen Initialen u. Rubriken. Deutschland, wohl Niedersachsen bzw. Mitteldeutschland, zweite Hälfte 15. Jahrhundert. 277 fols. Blattgrösse 106 x 75 mm. 13 Zeilen auf vorgezogenen Linien. Ledereinband um 1600 über Holzdeckeln mit reicher floraler Blindprägung auf Deckeln, 2 Messing-Schliessen, auf vorderem Innendeckel figürliche Elfenbein-Intarsie mit gemalter, floraler Rankenornamentik, Leder-Blattweiser teils erhalten (Kapitalbändchen u. VInnengelenk gelockert, Rücken berieben).
Zahlr. alt einmontierte, ornamental ausgestatte Initialen. Erste 8 Bll. minimal wurmstichig (ohne Textverlust). Stellenweise Finger- u. leichte Stockflecken. Fast durchgängig feuchtrandig (die Initalen nicht davon betroffen). Gem. hs. Paginierung von alter Hand fehlen min. 7 Bll. Zahlr. figürliche Randzeichnungen (wohl von anderer Hand).

4 S. Musiknoten am Schluss.

Die figürlichen Initialen, teilweise aus der Vita Christi, gehen teils über die ganze Seite. Dargestellt sind: König David Harfe spielend, Anbetung des Christuskindes, Maria und Joseph mit dem Christuskind, Christus mit der Dornenkrone, Gekreuzigter Christus, Verurteilung Christi, Hl. mit Schalmei, Kreuzigung, Beweinung Christi, Auferstehung Christi.
Die Intarsie mit zeitgen. Darstellung der Handwaschung des Pilatus.

Provenienz: Laut hs. Vermerk von G. H. Sch[äffe]r auf dem hinteren Innendeckel gehörte das vorliegende Manuskript zur Bibliothek von Bülow auf Schloss Beyernaumburg im südlichen Harzvorland (bei Sangershausen). Die bedeutende Sammlung wurde 1834-1836 versteigert. Der von G. H. Schäffer bearbeitete Katalog, dessen dritter Band die Handschriften verzeichnet, ist für uns in keiner Schweizer Bibliothek nachweisbar.

Das Breviar ist eine bescheidene Arbeit eines klosterinternen Skriptoriums mit Illustratoren, die ihr Handwerk nie in einer Künstlerwerkstatt erlernt hatten. Es muss wohl für ein männliches Benediktinerkloster oder ein Kloster eines Benediktiner Ordenszweigs entstanden sein. Aus dem Kalender ergibt sich, dass die Translation des Benedikt eigens gedacht wird. Wegen des sehr rückständigen Malstils ist eine chronologische Ansetzung des Manuskriptes nicht einfach, doch die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts scheint wahrscheinlich. Vergleichbare bescheidene Illustrationen finden wir im hochrheinischen Bereich in Einsiedeln MS 710, einem in Konstanz produzierten Manuskript, das in das letzte Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts zu datieren ist.
Der im Kalender unter dem Monat März aufgeführte, offenbar am 10. März verstorbene Prior Prior noster obiit Johan de D(r)a(n)sfeldi (Johannes von Dransfeld) stammte anscheinend aus Dransfeld. Dieser Ort liegt in Niedersachsen ca. 10 km östlich von Göttingen. Der Stadtpatron von Göttingen Sankt Gotthard ist im Kalender unter den im April gefeierten Heiligen aufgeführt, andere ebenfalls im Kalender aufgeführte Heilige wurden in den umliegenden Zentren verehrt, so der Heilige Wenzel (Vencelaus) in Erfurt u. Hannover, Gorgonius in Minden.
Damit dürfte feststehen, dass das Breviar für ein Kloster des Benediktinerordens oder eines ihm angeschlossenen Ordens entstanden ist, das wohl im Gebiet im Umkreis von Göttingen oder sonst wo in Niedersachsen lag. Wenngleich die Herkunft des Priors nicht unbedingt auf die geographische Lage des von ihm geführten Klosters schliessen lässt, so dürfte aufgrund der im Kalender vermerkten Heiligen eine solche Herkunft wohl zutreffen.
Stilistisch ist das provinzielle Werk schwer einzuordnen, aber die oben bemerkte Datierung in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts - wohl gar ins letzten Viertel des 15 Jh. - dürfte wahrscheinlich zutreffen. Die Randornamente erscheinen als provinzielle Umformung in der zweiten Hälfte des 15 Jh. in der deutschen Buchmalerei gängiger Dekorationsprinzipien.

Prof. Dr. Gaudenz Freuler

CHF 15 000.- / 20 000.-
€ 12 500.- / 16 670.-