Lot 3231 - A197 Impressionismus & Moderne - Freitag, 02. Juli 2021, 17.00 Uhr

ERICH HECKEL

(Döbeln 1883–1970 Radolfzell)
Frau am Tisch (Siddi Heckel). 1914.
Öl auf Leinwand.
Unten rechts signiert: Heckel.
64 × 38,5 cm.

Wir bedanken uns bei Christina Feilchenfeldt für die freundliche Hilfe und die wissenschaftliche Unterstützung.

Provenienz:
- Sammlung Alfred Hess, Erfurt, direkt beim Künstler erworben.
- Hans Hess, Berlin/Paris/London, 1931 durch Erbschaft von Obigem erhalten.
- Peter Herkenrath, Köln.
- Auktion Lempertz, Köln, 17. Mai 1974, Los 269.
- Galerie Rosenbach, Hannover, an obiger Auktion erworben.
- Schweizer Privatsammlung, am 24. Juni 1974 in obiger Galerie erworben und seither im gleichen Familienbesitz.

Ausstellungen:
- Basel 1933, Moderne Deutsche Malerei aus Privatbesitz, Kunsthalle Basel, 7.–29. Oktober 1933, Nr. 17.
- Zürich 1934, Neue Deutsche Malerei, Verkaufsausstellung, Kunsthaus Zürich, 21. Juni–15. Juli 1934, Nr. 47.

Literatur:
- Andreas Hüneke: Erich Heckel. Werkverzeichnis der Gemälde, Wandbilder und Skulpturen, Bd. I (1904–1918), München 2017, S. 281, Nr. 1914-4 (mit s/w Abb.).
- Paul Vogt: Erich Heckel, Recklinghausen 1965, Nr. 1914-3 (mit Abb.).

Das Gemälde "Frau am Tisch" entsteht 1914. Dargestellt ist Siddi Heckel, die damalige Freundin und liebstes Modell Erich Heckels. 1915 heiratet das Paar und es folgt eine lange und glückliche Ehe. Das ausserordentlich ausdrucksstarke, typisch expressionistische Gemälde stammt aus einer der besten Zeiten des Künstlers - kurz nach der Auflösung der Künstlergruppe "die Brücke", zu einer Zeit der politischen Spannungen und wohl nur einige Wochen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Gleichzeitig muss Siddi durch eine schwere Erkrankung einige Wochen das Krankenbett hüten. Die ungefähr 35 Ölgemälde, die Heckel laut Hünekes Werkverzeichnis im Jahr 1914 malt, sind vorwiegend Landschaften mit oder ohne Figuren sowie einige wenige Porträts. Wie auch bei "Frau am Tisch" malt der Künstler die Porträtierten nicht bewegt oder voller Lebensfreude, vielmehr werden sie begleitet von einer inneren Melancholie, konzentriert und besonnen auf das eigene Sein. Sie sind ein Spiegel von Heckels Gefühlswelt. Dabei bleibt Heckel stilistisch seinem charakteristisch scharfkantigen, dynamischen Expressionismus treu.

"Frau am Tisch" galt knapp 40 Jahre lang als verschollen, bis es Mitte der 1970er Jahre an einer Auktion in Deutschland wieder auftauchte. Durch intensive Recherchen und mit der kompetenten Hilfe von Christina Feilchenfeldt konnte Koller die hoch interessante Geschichte des Gemäldes rekonstruieren und die fraglichen Lücken füllen.

Das zur Auktion kommende Gemälde war ursprünglich im Besitz des Erfurter Kunstsammlers Alfred Hess. Hess war einer der bedeutendsten Kunstmäzenen seiner Zeit. Mit Leidenschaft und grossem Gespür für die zeitgenössische Avantgarde baute er bis zu seinem Tod 1931 eine der wichtigsten Sammlungen Deutscher Expressionistischer Kunst auf, die Werke von Kirchner, Franz Marc, Feininger, Macke, Heckel, Schmidt-Rottluff, Pechstein, Otto Mueller etc. enthielt.

Erich Heckel und Alfred Hess muss neben der beruflichen Unterstützung seitens Hess auch eine persönliche Freundschaft verbunden haben, hat Heckel ihn doch mehrfach porträtiert. Seine Sammlung beinhaltete 10 Ölgemälde von Heckel, darunter auch das vorliegende Porträt "Frau am Tisch", welches Hess wohl direkt bei Heckel erworben hatte.

Nach dem Tod von Alfred Hess ging die Kunstsammlung an seinen Sohn Hans Hess über. Dieser emigrierte im Frühjahr 1933 zunächst nach Frankreich und später weiter nach England. Die Sammlung blieb in der Obhut seiner Mutter Tekla Hess.

In der Hoffnung, die Kunstwerke in der Schweiz vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen und bei Gelegenheit auch Käufer für die Kunstwerke zu finden, versendete Tekla Hess im Sommer des Jahres 1933 rund 100 Kunstwerke auf Freipass nach Basel. Die Gemälde, darunter auch "Frau am Tisch", wurden in der Ausstellung "Moderne deutsche Malerei aus Privatbesitz" im Oktober in der Kunsthalle Basel präsentiert. Ein Jahr später wurde das Porträt im Kunsthaus Zürich gezeigt, wo es nach der Ausstellung zusammen mit den anderen Werken der Sammlung zunächst verblieb. Trotz der immer stärker werdenden Repressionen gegenüber allen Juden in Deutschland, bat Tekla Hess den damaligen Direktor des Züricher Kunsthauses um Rücksendungen der Werke aus ihrem Besitz nach Deutschland. Nach dem Krieg bekundete Tekla Hess an Eides statt, dass die Gestapo sie aufgefordert hatte, die noch in der Schweiz befindlichen Bilder der Sammlung nach Deutschland zurückzuholen. Im März 1937 wurde ein Transport von 70 Kunstwerken an den Kölnischen Kunstverein getätigt, darunter befand sich auch unser Werk von Erich Heckel.

Der damalige Direktor des Kölnischen Kunstvereins, Herr Walter Klug, hatte Frau Hess eine kostenlose Aufbewahrung der Bilder in Aussicht gestellt und bot diese im Folgenden auch zum Verkauf an. Auf diesem Weg wurde unter anderem das bedeutende Gemälde "Berliner Strassenszene" von Ernst Ludwig Kirchner, das ebenfalls nach Basel und Zürich versandt und dann wieder nach Deutschland zurückbeordert worden war, vom Kölnischen Kunstverein an den Sammler Carl Hagemann verkauft.

Tekla Hess, die wie Ihr Mann jüdischer Abstammung war, sah sich gezwungen, vor dem Nationalsozialistischen Regime zu fliehen und emigrierte 1939 nach England, wo sich ihr Sohn bereits befand. Einen Teil der Sammlung, vor allem Arbeiten auf Papier aber auch einige Gemälde, hatte sie noch vor ihrer Emigration zu ihrem Sohn nach England senden können. Ein anderer Teil der Sammlung blieb im Kölnischen Kunstverein zurück. Der Hausmeister des Kunstvereins, Joseph Jenniches, hatte für die Lagerung der Bilder eine grosse Holzkiste gezimmert und diese im Keller des Kunstvereins untergestellt. In dieser Kiste befand sich auch das Porträt von Siddi Heckel.

Durch einen Bombenangriff am 29. Juli 1943 brannte der Kölnische Kunstverein bis auf den Keller nieder. Die sich im Keller befindenden Kunstwerke und Gegenstände wurden einen Tag später mit einem Transporter in Sicherheit gebracht. Aufgrund Platzmangels, wie es später hieß, wurde die Kiste mit den Bildern der Sammlung Hess zurückgelassen und ging dann vergessen. Als sich Tekla Hess nach dem Krieg bemühte, etwas über den Verbleib der eingelagerten Bilder zu erfahren, wurde ihr mitgeteilt, dass die Bilder verbrannt und nicht mehr vorhanden seien.

Was genau mit dem Gemälde "Frau am Tisch" geschehen war , konnte bis heute nicht vollständig aufgeklärt werden. Als Jenniches 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, fand er den teils unter Wasser stehenden Keller vor und darin die aufgebrochene Hess-Kiste . Es ist bekannt, dass Jenniches bereits vor dem Krieg einzelne Werke aus der Kiste entwendet und veräussert hatte, wofür er 1950 auch angeklagt und verurteilt worden war .
Das Porträt von Siddi gelangte danach an den Kunstmaler Peter Herkenrath. Dieser hatte im Gerichtsprozess als Zeuge zugegeben, zwei seiner vier Bilder aus der Hess-Sammlung von Jenniches erworben zu haben, "Frau am Tisch" erwähnte er in diesem Fall aber nicht. Bekannt ist, dass Herkenrath selber im Kellner des Kölnischen Kunstvereins gewesen war und sich ein Gemälde von Heckel aus der Hess-Kiste genommen hatte. Ob es sich dabei um dieses Werk gehandelt hatte, ist aber nicht beweisbar.

Das Gemälde hatte ursprünglich die Masse 80 × 70 cm, zeigte einen Tisch und etwas mehr Hintergrund. In dem von Paul Vogt erstellten Werkverzeichnis der Gemälde von Erich Heckel aus dem Jahr 1965 wird Herkenrath als Besitzer des Werks genannt sowie die Tatsache, dass das Werk zu diesem Zeitpunkt aufgrund seines Kriegsschadens unter Mitwirkung von Erich Heckel bereits beschnitten und auch von ihm erneut signiert worden war. Die heutigen Besitzer haben das Gemälde am 24. Juni 1974 an der Art Basel beim Kunsthändler Detlev Rosenbach erworben, der es seinerseits kurz zuvor bei Lempertz ersteigert hatte.

Aufgrund der Rechercheergebnisse zur Provenienz des vorliegenden Werkes hat die heutige Besitzerfamilie Kontakt mit den Erben nach Alfred Hess aufgenommen und mit diesen eine Vereinbarung im Rahmen einer fairen und gerechten Lösung in Anlehnung an die Washington Priniciples geschlossen, welche es uns ermöglicht, das Gemälde am 2. Juli 2021 zu versteigern.

CHF 300 000 / 500 000

€ 280 370 / 467 290