Lot 3025* - A198 Gemälde Alter Meister - Freitag, 01. Oktober 2021, 14.00 Uhr

GOVAERT FLINCK

(Kleve 1615–1660 Amsterdam)
Tronie eines bärtigen Mannes. 1650.
Öl auf Leinwand.
Oben rechts signiert und datiert: G. flinck. f. 1650.
61,5 × 50,7 cm.

Provenienz:
- Privatsammlung, England, ca. 1831–1857 (gemäss verso Stempel auf dem Keilrahmen von Francis Leedham, einem zu dieser Zeit in London tätigen Restaurator).
- Auktion Sotheby's, London, 1.7.1953, Los 60.
- Martin B. Asscher, London, vor 1970.
- Schweizer Privatsammlung, bis 2012.
- Auktion Dobiaschofsky, Bern, 11.5.2012, Los 307.
- Europäischer Privatbesitz.

Ausstellung:
Amsterdam 2018, Ferdinand Bol and Govaert Flinck: Rembrandt's Master Pupils, 13.10.2017–18.2.2018, Museum Het Rembrandthuis, Nr. 28.

Literatur:
- Helmut Börsch-Supan: Die Gemälde im Jagdschloss Grunewald, Berlin 1964, S. 66, Nr. 82.
- J. W. von Moltke: Govaert Flinck: 1615–1660, Amsterdam 1965, S. 79, Nr. 67, Abb. 67.
- Werner Sumowski: Gemälde der Rembrandt-Schüler, Landau 1983, Bd. II, S. 1030 und 1082, Nr. 650.
- Norbert Middelkoop, L. van Sloten, Tom van der Molen: Ferdinand Bol and Govaert Flinck: Rembrandt's Master Pupils, Amsterdam 2017, Kat.-Nr. 28, Abb. 65, S. 56, Beschreibung S. 228.
- Tom van der Molen: Catalogue raisonné of the Paintings of Govaert Flinck (zu erscheinen).

Dieses eindrückliche Bildnis eines greisen Mannes mit Bart von Govaert Flinck wurde zuletzt 2018 in der Amsterdamer Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert. Es handelt sich hierbei um ein sogenanntes Tronie, eine für das 17. Jahrhundert typische Bildgattung, die eine porträtähnliche Charakterstudie in Phantasietracht oder mit interessanter Physiognomie zeigt. Der skizzenhafte Malstil unseres Gemäldes lässt dabei den Dargestellten besonders lebendig und lebensnah erscheinen, seine grauen Bart- und Haupthaare sind durch einzelne pastose Pinselstriche virtuos gestaltet.

Govaert Flinck war einer der bedeutendsten Schüler Rembrandts van Rijn (1606–1669). Er war zwischen 1635 und 1636 in der Amsterdamer Werkstatt des Meisters tätig und etablierte sich anschliessend als eigenständiger Maler (siehe Arnold Houbraken: De Groote Schouburgh de Nederlantsche kontschilders en schilderessen…, Amsterdam 1718–1721, Bd. II, S. 18).

J. W. Von Moltke beschreibt den hier dargestellten Mann als Heiligen Petrus (siehe Literatur), während Werner Sumowski betont, dass die fehlenden Attribute eine wohl gewollte Zweideutigkeit entstehen lassen. Der nicht identifizierte weise Mann scheint ebenfalls Rembrandt Modell gestanden zu haben, so beispielsweise in seinem berühmten 1636 entstandenen „Opfer Isaaks“, heute in der Eremitage in Sankt Petersburg (Inv.-Nr. ГЭ-727). Die Feinheit des vorliegenden Tronies deutet darauf hin, dass es sicherlich nach dem lebenden Modell gemalt wurde, worauf der äusserst detailliert gemalte Bart und die tiefen Falten des Gesichts und der Hand sowie ein mögliches Pentimento im Scheitel hindeuten. Die gut erhaltene Maloberfläche ist durch eine energische, virtuose Farbgebung, eine flüssige Pinselführung in den Haaren und im Bart und eine feine Gesichtsmodellierung charakterisiert, die besonders typisch für das letzte Lebensjahrzehnt des Künstlers ist. Der weich verlaufende Farbauftrag unterscheidet sich stilistisch von Rembrandts Tronies und spiegelt Flincks Unabhängigkeit vom Meister in seinem Reifewerk wider.

Tom van der Molen bestätigt die Eigenhändigkeit nach Prüfung des Originals und wird das Gemälde in dem zu erscheinenden Werkverzeichnis des Künstlers publizieren. Er betont, dass es sich um ein charakteristisches und qualitatives Beispiel der späten Tronien von Govaert Flinck handelt.

CHF 700 000 / 900 000

€ 654 210 / 841 120

Verkauft für CHF 833 300 (inkl. Aufgeld)
Angaben ohne Gewähr