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Lot 3646* - Z24 PostWar & Contemporary - Montag, 30. Juni 2008, 14.00 Uhr

ANSELM KIEFER

(Donaueschingen 1945–lebt und arbeitet u.a. in Paris)
Tryptichon mit Selbstbildnis. 1968-69.
Bleistift, Collage, Fotografie, Kohle, Deckweiss auf dünnem Malkarton auf C.M. Fabriano Bütten, Italia.
Alle signiert und datiert: Anselm Kiefer 68 oder 69.
Jedes Werk 49 x 67 cm.

Provenienz: - Vom Künstler direkt erworben. - Deutsche Privatsammlung. "Karlsruhe, Motorrad, Marmor, Jean Genet, Huysmans, Ludwig II von Bayern, Paestum, Adolf Hitler, Julia, Gemälde: Heroische Landschaften" fasst Anselm Kiefer in einer Autobiographie das Jahr 1969 zusammen, in dem er sein Kunststudium unter Horst Antes in Karlsruhe fortgesetzt hatte (abgedruckt z.B. bei Mark Rosenthal, Anselm Kiefer, Chicago [etc.]: Prestel, 1987, S. 11.) Tatsächlich ist "Marmor" eines der vorherrschenden Themen dieses Jahres. Ihm widmet er das Künstlerbuch "Marmorlandschaften", in dem er mit weisser Acrylfarbe weisse Äderungen auf Fotografien und Zeitschriftenausschnitten aufbringt und so "Marmor herstellt". Selbst die Scheiben seines Ateliers "marmoriert" er, und so wird ihm "(…) die ganze Landschaft aus dem Fenster (…) zu Marmor (…)", notiert er wie ein einem Tagebuch (Zitat nach: Toni Stooss, Des Malers Atelier, in: Katalog Tübingen, S. 24-33, hier S. 26.). Mit diesen Marmorbildern reüssiert Kiefer auch bei seiner ersten Einzelausstellung, die die "Galerie am Kaiserplatz" in Karlsruhe im Februar 1970 für ihn ausrichtet. Abb. 1 (Ausstellungsplakat zur Einzelausstellung"Anselm Kiefer, Bilder und Bücher", Galerie am Kaiserplatz, Karlsruhe, vom 03.2. bis 27.02.1970. Privatbesitz.) zeigt das Originalplakat dieser Schau, das ebenfalls von unserem Einlieferer zur Verfügung gestellt wurde. Kiefer posiert hier im Innenhof der Karlsruher Akademie - deutlich zu identifizieren anhand der Kacheln im Vordergrund und an der rechts von Kiefer befindlichen Säule. Diese Abbildung verdeutlicht, welch gewaltigen Oberflächen Kiefer sich bereits in diesem Jahr vorgenommen und bewältigt hatte. Der Rezensent der örtlichen Lokalzeitung sprach damals von "Marmorpalästen". >R< Stooss erblickt in den "Marmorlandschaften" nicht nur Kiefers Interesse an der illusionistischen Erzeugung von Marmor, sondern auch die "prägenden Momente der 'Historisierung' seiner unmittelbaren Umgebung" (Stooss, ebd.), ein Ansatz, den Kiefer vor allem in den 1980er Jahren konsequent weiterverfolgte. Mit äusserst umstrittenen Werken wie "Athanor" von 1983-84 (Abb. 2, Athanor, 1983. Öl, Acryl Emulsion, Schellack und Stroh auf Fotografie auf Leinwand. 225 x 380 cm. Toledo Museum of Art, Ohio, USA) oder "Dem unbekannten Maler" von 1983, das an den Ehrenhof der von Albert Speer für Hitler entworfenen Neuen Reichkanzlei in Berlin erinnert (Mark Rosenthal, Steinerne Hallen in: Anselm Kiefer, Die sieben HimmelsPaläste 1973-2001, Katalog zur Ausstellung in der Fondation Beyeler, Riehen, 28. Okt. 2001 - 17. Feb. 2002 mit einem Essay von Christoph Ransmayr und Beitr. von Markus Brüderlin .[et al.], Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz, 2001, S. 51-53, hier S. 52) überschritt Kiefer das Tabu der Verwendung von Symbolen des Dritten Reichs in der Kunst und zwang die deutsche Öffentlichkeit, sich mit dem Missbrauch der Kunst durch die NS-Diktatur auseinanderzusetzen. Wesentlich zur beklemmenden Wirkung dieser Werke trägt die Zentralperspektive bei, die auf den Betrachter eine Sogwirkung ausübt; er fühlt sich durch den von Kiefer gewählten Winkel der Fluchtlinien direkt in die dargestellte Nazi-Architektur versetzt. (Siehe zur Zentralperspektive in Kiefers "Deutschen Räumen" insbesondere Wulf Herzogenrath, Bilder entstehen nicht aus "Nach-Denken" sondern aus "Vor-Leben", in: Anselm Kiefer, Katalog der Ausstellung in der Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz, 10. März-20. Mai 1991, Red. Angela Schneider [et al.], Berlin: SMPK, cop. 1991, S. 93-100, hier S. 99.). >R< In der Mitte des hier angebotenen, in den Jahren 1968-69 entstandenen Tryptichons präsentiert sich Kiefer selbst mit seinem Abbild gleichsam als Krönung einer monumentalen Altar-Architektur oder eines Ehrendenkmals. Das dreiteilige Werk nimmt mit seinem streng zentralperspektivischen Aufbau und dem trompe l'oil-Effekt der marmorierten Oberfläche die spätere intensive Auseinandersetzung mit den Überresten der Nazibauten und ihrem mystifizierten Marmor vorweg. Mir, dem Maler, so scheint Kiefer uns aufzufordern, ist die gleiche Verehrung wie den Grossen der Kunstgeschichte entgegenzubringen. Nun ist ja ein marmornes Denkmal für einen blutjungen und ziemlich lebendigen Akademiestudenten ein etwas morbides, vor allem aber sehr selbstbewusstes Ansinnen. Die (Selbst)Ironie dieser Heldenpose ist denn auch gar nicht zu übersehen: Des Malers Bildnis besteht aus einem Passfoto, dessen billige und schnelle Machart sich offensichtlich von der Kostbarkeit des ihn umgebenden "weissen Goldes" absetzt und den Verehrungswürdigen als lächerlich kleinen Kopf verewigt. Und so stellt Kiefer das Getöse des gewaltigen Aufbaus, dieses Potemkinsche Dorf auch in die völlige Leere der grossen Papierbögen: Das Ganze ist raumlos, zeitlos, nutzlos. >R<Das "Tryptichon" darf als einer der ganz wenigen erhaltenen Zeugnisse von Kiefers "Marmorphase" gelten und besitzt Seltenheitswert.

CHF 50 000 / 70 000 | (€ 50 000 / 70 000)

Verkauft für CHF 60 000