Lot 3007 - A152 Gemälde Alter Meister - Freitag, 26. März 2010, 15.00 Uhr

AREZZO 1410-1420

Reliquientabernakel mit Maria und dem Kind zwischen Johannes dem Täufer und Maria Magdalena.
Holz, Gips, Vergoldung, Bemalung.
100 x 52,5 cm.

Provenienz: Schweizer Privatbesitz. Gutachten: Prof. Dr. Francesco Caglioti, 19.11.2009. Mit einer dendrochronologischen Analyse von Dr. Georges Bonani, ETH Zürich, vom 10.7.2009, die das Wachstum des mittleren Reliefholzes zwischen 1301 und 1407 belegt. Dieses kürzlich in einer Schweizer Sammlung entdeckte Tabernakel ist ein äusserst seltenes und bedeutendes Gesamtkunstwerk, das aus Holz, Gips, Vergoldung und Malerei geschaffen wurde und stilistisch an die Spätgotik des späten 14./ frühen 15. Jahrhunderts in Florenz, Siena und Arezzo anknüpft. Der Rahmen und der Bildträger wurden in Holz geschnitzt, während die Figuren sowie die floralen Elemente in Gips modelliert und wahrscheinlich separat angebracht wurden. Die Holzoberfläche wurde vergoldet und mit Farbakzenten versehen; so im Bereich der Augen, Brauen, Wangen und Lippen sowie bei den Wappen unten rechts und links. Das hier angebotene Tabernakel zählt zu einer Gruppe, die äusserst selten ist und in Patrizier Häusern der Toskana in der Spätgotik zu finden war. Sie stellt eine hochwertige Alternative zu den bescheidenen Hausaltären, den sogenannten "Colmi", dar, die nur einfach vergoldet und bemalt waren. Leider sind nicht zuletzt aufgrund der Fragilität jegliche Vergleichsbeispiele verschollen, so dass die genaue Bestimmung der einzelnen Künstler, die für Schnitzerei, Gipsmodellierung, Vergoldung und Bemalung verantwortlich waren, erschwert wird. Prof. Caglioti vermerkt, dass die Ausführung der Figuren stilistisch zwischen Florenz und Siena gegen Ende des 14. /Anfang des 15. Jahrhunderts zu platzieren ist. Die Schnitzkunst des Rahmens weißt allerdings direkt auf den florentinischen Einfluss hin. Diese Merkmale lässt Caglioti den Blick auf Arezzo richten, da Arezzo seit 1384 politisch an Florenz gebunden war, allerdings unterlag es künstlerisch sowohl dem Einfluss von Florenz wie auch von Siena. Ein Hinweis auf Arezzo bilden auch die Reliquien der Heiligen. Insbesondere "Hippolytus von Rom" und "Cassianus von Imola", die unten zur Linken angebracht sind, und "Laurentinus und Pergentinus" in dem äusseren Segment zur Rechten. Hippolytus und Cassianus sind die Namensträger für mindestens drei bedeutende Kirchen im Umkreis von Arezzo, wohingegen Laurentinus und Pergentinus die Stadtheiligen von Arezzo und Namensträger der Hauptkirche im Zentrum der Stadt sind. Die Reliquien der in der Mitte platzierten Heiligen sind von Bonifacius IV. und Eleutherius. Der bedeutendeste Künstler in Arezzo dieser Zeit war Spinello (1345/52 - 1410), von dem eine Kreuzigung bekannt ist, die heute im Museo dell'Opera de Duomo in Orvieto zu finden ist. Der Gesamtaufbau, die Proportionen und die Rahmenarchitektur dieser Kreuzigung zeigen zahlreiche Parallelen mit dem hier vorliegenden Tabernakel (vgl. Weppelmann, Stefan: Spinello Aretino und die toskanische Malerei des 14. Jahrhunderts, Firenze 2003, S. 254-255, Kat. 58). Es kann wahrscheinlich nicht davon ausgegangen werden, dass Spinello der Autor dieser Arbeit ist, aber die Künstler haben sich stark an seinem Werk orientiert und zeichnen sich durch besondere Hochwertigkeit in der Ausführung aus. Als Datierung unseres Tabernakels schlägt Caglioti den Zeitraum von 1410-1420 vor. Wir danken Prof. Francesco Caglioti für die wissenschaftliche Unterstützung bei der Katalogisierung dieses Tabernakels, welches er im Original untersucht hat. Ebenso danken wir Bruno W. Häuptli für seine wissenschaftlichen Hinweise zu den Heiligenreliquien.

CHF 50 000 / 70 000

€ 46 730 / 65 420

Verkauft für CHF 57 000 (inkl. Aufgeld)
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