Lot 3419 - Z31 Grafik & Multiples - Freitag, 09. Dezember 2011, 11.00 Uhr

KIRCHNER, ERNST LUDWIG

(Aschaffenburg 1880 - 1938 bei Davos)
Wintermondnacht. 1919.
Colour wood cut made from several blocks in light and dark blue, white, yellow, rust red, pink and green. One of 12 known exemplars.
Farbholzschnitt von mehreren Stöcken in hell- und dunkelblau, weiss, gelb, rostrot, rosa und grün. Eines der 12 bekannten Exemplare. Unten rechts signiert: EL Kirchner, sowie unten links vom Künstler bezeichnet: Handdruck. Handschriftlich betitelt: Monduntergang.* Darstellung 31 x 29,4 cm auf Kupferdruckpapier 44,6 x 39,8 cm.
Image 31 x 29.4 cm on copper press paper 44.6 x 39.8 cm.

Wir danken Herrn Prof. Dr. Gercken für seine wissenschaftliche Unterstützung. Das Werk wird in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Druckgraphik Ernst Ludwig Kirchners von Herrn Prof. Dr. Gercken aufgenommen. Ebenso ist es als 12. Exemplar im Kirchner-Archiv Wichtrach/ Bern erfasst. Provenienz: - Sammlung Carlo von Wedekind, direkt während eines Kuraufenthaltes in Davos beim Künstler erworben. - Seitdem in Familienbesitz. Von den 12 bekannnten Exemplaren befinden sich 6 in öffentlichen Sammlungen: - Sprengel Museum Hannover - Folkwang Museum Essen - Städel Museum Frankfurt - Kunstmuseum Basel - Museum of Modern Art New York - The Art Institut Chicago Werkverzeichnis: - Dube, Nr. 390/ 2. - Schiefler, Nr. 360. Literatur: - vgl.: Ausstellungskatalog "Ernst Ludwig Kirchner. Retrospektive", Städel Museum Frankfurt 23.04. - 25.07.2010. - vgl.: Ausstellungskatalog "Ernst Ludwig Kirchner. Farbige Druckgraphik", Brücke Museum Berlin 13.09. - 23.11.2008, Paul-Modersohn-Becker-Museum Bremen, 7.12.2008 - 15.02.2009. - vgl.: Ausstellungskatalog "Expressionismus aus den Bergen. Kirchner, Bauknecht, Wiegers und die Gruppe Rot-Blau", Kunstmuseum Berlin 27.04. - 19.08.2007, Groninger Museum 22.09.2007 - 13.01.2008, Bündner Kunstmuseum Chur 16.02. - 25.05.2008. - vgl.: Ausstellungskatalog "Ernst Ludwig Kirchner. Die frühen Davoser Jahre 1917 - 1926", Kunstmuseum Basel 27.09.2003 - 4.01.2004, S. 15. - Grisebach, Lucius (Hrsg.), Ernst Ludwig Kirchner. Davoser Tagebuch, Ostfildern 1997. - vgl.: Ausstellungskatalog "Ernst Ludwig Kirchner. 1880-1938", Nationalgalerie Berlin 29.11.1979 - 20.01.1980, Haus der Kunst München 9.02. - 13.04.1980, u.a., S. 244. - E.L. Kirchner. Briefe an Nele und Henry van de Velde, München 1961. - vgl.: Ausstellungskatalog "Ernst Ludwig Kirchner", Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, 9.09. - 30.10.1960. *Bei der Beschneidung des Blattes wurde der Titel abgeschnitten, aber auf die Rückseite des Rahmens geklebt. "Heute früh vor Sonnenaufgang war ein herrlicher Monduntergang, die Berge ganz blau, der Himmel rötlich violett mit rosa Wölkchen und der gelbe sichelnde Mond. Es war einfach toll schön, aber wahnsinnig kalt. Oh, wenn man das malen könnte. Man kann es ja leider mit diesen schrecklichen Farben nicht wiedergeben." (aus: Briefe an Nele, S. 16). Diese Zeilen schreibt Ernst Ludwig Kirchner begleitet von einer Skizze am 20. Januar 1919 an Nele van de Velde, mit der er einen regen und freundschaftlichen Briefaustausch pflegt. Ebenso äussert er sich am selben Tag gegenüber der Arztgattin Helene Spengler in einem Brief (siehe Ausstell.-Kat. Ernst Ludwig Kirchner. Die frühen Davoser Jahre, S. 15). Dieses intensive Naturerlebnis hat den Künstler dermassen beeindruckt, dass er am 06. Februar des selben Jahres ebenfalls an Nele schreibt:"Ich habe jetzt meine Presse hier und versuche mich in Farbholzschnitten, wenn einmal etwas Gutes gedruckt ist, sende ich Ihnen davon. Ich muss in die Technik mich erst wieder einarbeiten. Jetzt mache ich einen Schnitt nach der Skizze mit dem Mond, die ich Ihnen zeichnete" (aus: Briefe an Nele, S. 17). Und so entsteht einer der herausragendsten Farbholzschnitte Kirchners: "Wintermondnacht". Der Blick des Betrachters geht talabwärts aus dem Fenster des Hauses "In den Lärchen" über die Längmatte mit dem Altstein und dem Tinzenhorn im Hintergrund. Die Komposition entspricht der Skizze aus Neles Brief. Bei unserem Blatt handelt es sich um einen Farbholzschnitt von mehreren Stöcken, wobei sich diese teilweise überschneiden, so dass es zu einer aussergewöhnlich verwobenen Komposition von Farbe und Form kommt, in der die einzelnen Stöcke nicht mehr eindeutig benannt werden können. Durch das Zusammendrucken und Zusammensetzen der mindestens vier Stöcke entstehen beim Drucken Grate und Farbnasen, die im vorliegenden Blatt tadellos erhalten sind und die die von Kirchner meisterhaft beherrschte Technik eindrücklich veranschaulichen. Bei den bisher bekannten 12 Drucken lassen sich drei verschiedene Farbkombinationen erkennen, wobei durch Übereinanderdrucken der unterschiedlichen Stöcke noch diverse Mischfarben hinzukommen. Bei unserem Holzschnitt sind folgende Druckfarben zu erkennen: hell- und dunkelblau, weiss, gelb, rostrot, rosa und grün. Kirchner beschränkt sich auf eine kleine Farbpalette und durch die klare Zuweisung von Farbe und Form, wie wir hier eindrucksvoll sehen, meistert er die Herausforderung dieser Technik. Die herausragende Qualität des Holzschnittes im Vergleich zu dem gleichnamigen Gemälde beschreibt Gercken wie folgt: "Im Vergleich mit dem Gemälde besticht der Holzschnitt durch die in den Farbflächen sichtbare graphische Struktur der Berge, durch welche die Komposition eine noch grössere Geschlossenheit erhält." (zit. Gercken, in: Ausstell.-Kat. Ernst Ludwig Kirchner. Farbige Druckgraphik, S. 31). Kaum ein zweiter Künstler des 20. Jahrhunderts beherrscht die Technik des Farbholzschnittes, wie auch die übrigen farbigen Drucktechniken, künstlerisch und technisch so perfekt wie Ernst Ludwig Kirchner. Gercken definiert drei Höhepunkte bei Kirchners Holzschnitten: erstmals um 1915 mit "Kokotten auf der Strasse" und der "Schlemihl-Folge", dann 1919 mit "Wintermondnacht" und "Wettertannen" und 1933/34 mit "Kopf Dr. Frédéric Bauer". Form und Ausdruckskraft dieser drei Phasen sind vollkommen unterschiedlich, zeigen aber eindrücklich seine Meisterschaft in Entwicklung seines eigenen Stils und seines technischen Könnens. Der vorliegende Holzschnitt ist - typisch für Kirchners Holzschnitte aus der Schweizer Zeit - ganz aus der Farbe gestaltet und die Zeichnung ist auf mehrere Stöcke verteilt. So entsteht nur durch den Zusammendruck der Stöcke das vollständige Bild und bildet einen wesentlichen Unterschied zu den Drucken mit Zeichnungen auf einem Stock, wie er sie in der Berliner Zeit bevorzugt hat. Der angebotene Holzschnitt ist ganz und gar von Kirchners Hand: er schneidet die Druckstöcke, färbt sie selbst ein und nimmt auch den Druck mit Reiberpresse oder der eigenen Druckpresse selbst vor. Aus diesem Grund gibt es keine grossen Auflagen, sondern oftmals nur wenige Exemplare. Er bearbeitet die Druckstöcke, die Druckreihenfolge und die Farben, wodurch jedes Blatt ein wenig anders ist und auch Wirkung und Atmosphäre eines jeden Blattes sich unterscheiden. Auf diese Weise schafft Kirchner von einem Holzschnitt eine Serie von Farbvarianten, ein Prinzip, dass z.B. von Andy Warhol aufgegriffen wird. Die grosse Bedeutung der Farbholzschnitte für Kirchner selbst und auch für seine Gemälde lässt sich aus seiner Äusserung an Nele van de Velde erkennen: "Dann will ich mal möglichst neue Farbholzschnitte machen, grosse. Es hilft mir vielleicht die etwas auseinander gegangenen Farben und Compositionen wieder zu bekommen" (aus: Briefe an Nele, S. 23). Für Kirchner sind "die farbigen Graphiken [...] Bilder im eigentlichen Sinn." (zit. Davoser Tagebuch, S. 169.) 1917 kommt der schwerkranke und vom Ersten Weltkrieg traumatisierte Ernst Ludwig Kirchner erstmals zu ärztlicher Behandlung nach Davos. Von Lähmungserscheinungen in Beinen und Armen sowie seiner Drogen- und Medikamentensucht gezeichnet, soll die Schweiz ein kurzfristiger Zufluchtsort der Genesung und Erholung sein, wird aber schnell zur neuen Heimat und Motor für eine neue Schaffensphase in seinem Oeuvre. Bereits im darauffolgenden Jahr mietet er das Haus "In den Lärchen", das er als Sommersitz behält. 1921 siedelt seine Lebensgefährtin Erna Schilling endgültig in die Schweiz über und 1923 ziehen beide in ihr neues Haus auf dem Wildboden bei Frauenkirch. Für Kirchner bietet die Bergwelt Schutz vor dem Krieg. Er klammert sich an die von ihm so positiv empfundene Landschaft, erkundet die neue Umgebung und sucht aktiv den Kontakt mit den Bauern, was ihm über seine psychischen und physischen Probleme einstweilen hin weghilft. Reidemeister beschreibt Kirchners Weg nach Davos wie folgt: "... nach mannigfaltigen Stationen einer qualvollen Krankheitsgeschichte [hat er] in der Bergwelt des Davoser Tals wieder Wurzeln geschlagen, um dort zum Interpreten einer grandiosen Natur und eines starken, in ihren Rhythmus eingebundenen Menschengeschlechts zu werden." (zit. Reidemeister, in: Ausstell.-Kat. Expressionismus in den Bergen, S. 9). Unser vorliegender Farbholzschnitt fällt in die frühe Davoser Zeit, in der Kirchner inhaltlich sich die neue, unbekannte Umgebung der imposanten Bergwelt erarbeitet und zu "kraftvollen, monumentalen und beruhigten, zunächst jedoch oft menschenleeren Landschaftsdarstellungen" findet. (zit. Ritter, in: Ausstell.-Kat. Ernst Ludwig Kirchner. Retrospektive, S. 176). Gerade Ernst Ludwig Kirchners imposanten und eindrücklichen Darstellungen der Bergwel

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