Lot 3016 - A162 Gemälde Alter Meister - Freitag, 21. September 2012, 15.00 Uhr

CLEVE, JOOS VAN UND WERKSTATT

(um 1485 Antwerpen 1540)
Christus und Johannes als Kinder, einander umarmend.
Öl auf Holz.
97,2 x 59 cm.

Provenienz:
- Auktion von 1837, Los 168 (Deux enfans jouant ensemble, H., 2 pieds, I I p. L. 23 pouces).
- Auktion von 1839, Los 321 (Deux enfans jouant ensemble. Le premier plan du tableau est fermé par une arcade architecturale chargée d'ornamens. Les deux enfans s'embrassent. Un oiseau est perché sur un tertre voisin, et l'on remarque encore deux oiseaux sur le devant de la composition, H., 2 pieds, I I p. L., 22 pounces).
- Auktion von 1843, Los 341 (Dans un paysage frais et agréable et sur une pelouse émaillée de fleurs, deux enfants jouent et se caressent. L'horizon et limité d'un coté par un tertre qui couronne ce joli groupe et qui est surmonté de gazon et d'arbustes; une espèce de portique cintré, garni d'ornements et de moulures dorés ou en grisaille sert d'encadrement au tableau, de chaque coté de ce portique sont des colonnes en agate dont les ondulations forment et simulent des vagues dans lesquelles nagent des monstres marins ; un oiseau se repose sous l'extrémité du tertre et deux autres sur l'epaisseur du portique. Deux figures. B. - H. 0.95. L., 0.59).
- Sammlung A. Aguada. - Dessen Auktion Hotel Drouot, Paris, 3. 4. 1883, Los 4 als Léonardo da Vinci.
- Sammlung Prof. G. Bellesi, London.
- Privatbesitz Schweiz.

Literatur:
- Leonardo da Vinci, edizione curata dallaMostra di Leonardo da Vinci in Milano, Istituto Geografico De Agostini, 1939, S. 190, als Léonardo da Vinci.
- Leonardo e il leonardismo a Napoli e a Roma kuratiert von Alessandro Vezzosi (u.a.), Ausstel. Kat., Guinti 1983, S. 204 -206, Abb. 440 als Mabuse.
- Pedretti, Carlo (Hrsg.): Achademia Leonardi Vinci. Journal of Leonardo Studies & Bibliography of Vinciana, Bd. VI,1993, S. 205, Abb. 21 als nordischer Künstler tätig in der Werkstatt Leonardos (Ambrosius Benson?).
-Pedretti, Carlo: Leonardo: The Swedish Courier...6. The Machenzie Joconde nue, in: Accademia Leonardi Vinci, 8, 1995, S. 242-43. - Leonardo da Vinci, Uitvinder wetenshapper en kunstenaar, Kunsthal Rotterdam, Ausstel. Kat. hrsg. von Meinrad Maria Grewenig und Otto Letze, Ostfildern-Ruit bei Stuttgart 1995, als aus der Schule Leonardo da Vinci, S. 184, Abb. S. 195.
- Leonardo da Vinci, Wissenschaftler Erfinder Künstler, Historisches Museum, Wien, Ausstel. Kat. hrsg. von Meinrad Maria Grewenig und Otto Letze, Wien 1996, S. 192, Abb. S. 193. - Leonardo da Vinci, Scientist Inventor Artist, Museum of Science, Boston, USA, Ausstel. Kat. hrsg. von Meinrad Maria Grewenig und Otto Letze, Ostfildern-Ruit 1997, S. 192, Abb. S. 193. - Il tema di due faciulli che si baciano e abbracciano tra leonardismo italiano e leonardismo fiammingo, in: RaccoltaVinciana, Bd. XXVII, Mailand 1997, S. 418, Abb. 9.
- Hand, John Oliver: Joos Van Cleve. The Complete Paintings, New Haven/London 2004, Nr. 84.8, S. 166 as copy of Joos van Cleve.
- Leeflang, Micha: Joos van Cleves Werkstatt und der Kunsthandel in: Joos van Cleve. Leonardo des Nordens, hrsg. von Peter van den Brink (u.a.), Ausst. Kat. Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, Stuttgart 2011, Abb. 130, S. 151.

Ausstellungen:
- Rotterdam, Kunsthal, Leonardo da Vinci, Uitvinder wetenshapper en kunstenaar, 26. 11. 1995 - 17. 3. 1996, als aus der Schule Leonardo da Vinci.
- Wien, Historisches Museum, Leonardo da Vinci, Wissenschaftler Erfinder Künstler, 1. 11. 1996 - 2. 2. 1997, als aus der Schule Leonardo da Vinci.
- Boston, Museum of Science, Leonardo da Vinci, Scientist Inventor Artist, 3. 10. 1997- 1. 2. 1998, als aus der Schule Leonardo da Vinci.

Joos van Cleve war einer der bedeutendsten Künstler in Antwerpen zu Beginn des 16. Jahrhunderts und diese äusserst seltene Tafel bringt sein künstlerisches Schaffen eindrücklich zum Ausdruck. Die leuchtende Farbigkeit und die detailreiche Wiedergabe der Szene, die durch naturalistische Präzision in der Darstellung von Flora und Fauna sowie den kleinen Vögeln und Insekten und nicht zuletzt der reich mit Ornamenten und Architekturelementen verzierten Umrahmung bestimmt wird, verbildlichen in charakteristischer Weise das künstlerische Schaffen dieses herausragenden Künstlers. Neben einigen Ausstellungen in den 90er Jahren war dieses Gemälde aus Schweizer Privatbesitz seit längerem nicht mehr der Öffentlichkeit zugänglich und stellt eine besondere Rarität dar. Das Motiv zweier sitzender Kinder, die sich umarmen bzw. küssen, geht ohne Zweifel auf eine Idee Leonardo da Vincis zurück und ist auf einer Zeichnung aus dessen Werkstatt (heute in der Royal Collection, Windsor Castle, abgebildet in: Joos van Cleve. Leonardo des Nordens, hrsg. von Peter van den Brink (u.a.), Ausst. Kat. Suermondt-Ludwig Museum Aachen 2011, Nr. 94, S. 120) überliefert. John Oliver Hand vermutet, dass Leonardo die verschollene Originalzeichnung in Mailand um 1490 anfertigte, als er mit der Felsgrottenmadonna, heute im Musée du Louvre, Paris, beschäftigt war (Hand 2004, S. 96). Somit verwundert es auch nicht, dass diese hier angebotene Darstellung mit den beiden Knaben noch im 19. Jahrhundert als ein Werk Leonardos verstanden wurde. Dieses Motiv wurde von zahlreichen seiner Nachahmer darunter Giampietrino, Bernardo Luini, Marco d'Oggiono und Bernardino de' Conti aufgegriffen und gelangte ebenfalls in den Norden, wo es sich besonders in den Niederlanden grösster Beliebtheit erfreute. Im Sammlungsinventar der Margarete von Österreich von 1516 wird ein solches Motiv erwähnt: "Les painctures estans en la librairye de Madame. Premierement ung tab-leau de deux petitz josnes effans qui se baisent l'ung l'autre" (zitiert aus Hecht, Ilse: The Infants Christ and St. John Embracing. Notes on a Composition by Joos van Cleve, in: Apollo, Bd. 113, 1981, S. 226). Margarete galt als anspruchsvolle Kunstkennerin und die Tatsache, dass dieses Gemälde als Erstes genannt wird, lässt auf die Qualität und den Stellenwert in ihrer Sammlung deuten. Es wird davon ausgegangen, dass es sich bei diesem Gemälde um dasjenige von Marco d'Oggiono in der Royal Collection in London handelt (siehe Ewing, Dan: Joos van Cleve und Leonardo. Italienische Kunst in niederländischer Übersetzung, in: Joos van Cleve 2011, S. 120, Abb. 96, S. 121, Kat. Nr. 38). Dan Ewing hebt hervor, dass Margarete die erste Sammlerin in den Niederlanden war, in deren Sammlung sich eine Version der "Küssenden Kinder" um 1516 oder zuvor befand und es erhebt sich die plausible Vermutung, dass diese Fassung als Prototyp für Joos van Cleve zu bezeichnen ist. Durch den regen Künstleraustausch an ihrem Hofe in Mechelen kann davon ausgegangen werden, dass Cleve das Gemälde auch dort im Original studiert haben wird. Die Konturlinien der Figuren in dem Gemälde von d'Oggiono in der Royal Collection sind ferner identisch mit jenen in mehreren Versionen von Cleve, wie beispielsweise die Tafeln in Chicago, Brüssel und Den Haag (siehe Joos van Cleve 2011, Kat. Nr. 40, Abb. 97, 98, 131). Die Anzahl der eigenhändigen und Werkstatt Versionen zu diesem Thema des Joos van Cleve lassen auf eine grosse Nachfrage in Antwerpen zu Beginn des 16. Jahrhunderts schliessen. Dabei variieren sowohl die Formate als auch die Kulisse und die Hintergrundgestaltung. Die weniger aufwendigen Fassungen zeigen die beiden küssenden Knaben ohne Landschaft im Hintergrund in einem schlichten Interieur mit roter hängender Drapierung wie in Wien (Akademie der Bildenden Künste, Wien, ebd., Kat. Nr. 41, Abb. 100) und Neapel (Museo die Capodimonte, siehe Hand 2004, Nr. 80, S. 164, Abb. 105, S. 98). Die elaborierteren Versionen zeigen die beiden Knaben in einer Palastarchitektur vor einer niederländisch inspirierten Landschaftskulisse, wie diejenigen in Brüssel (Koninklijke Musea voor Schone Kunsten van Blegië, in: Joos van Cleve 2011, Nr. 97, Abb. S. 122) und in Chicago (The Art Institute of Chicago, Charles H. and Mary F. S. Worcester Collection, ebd., Nr. 131, S. 152). Diesen schliesst sich auch die hier angebotene Tafel an, wobei der Blick durch die architektonische Umrahmung, die an ein Fenster erinnert, auf die beiden sich umarmenden Knaben gerichtet ist, die in der Natur auf begrüntem Grund sitzen und von einer felsigen Landschaft, wie schützend, umrahmt werden. Links gleitet der Blick in die Ferne. Zusätzlich wird die Szene durch kleine Vögel, die in verschiedenen Ebenen des Gemäldes platziert sind, belebt, wodurch ferner der Realitätscharakter erhöht wird. Von der Komposition existiert eine weitere Version von Cleve und dessen Werkstatt, die sich in einer Privatsammlung in den USA befindet (abgebildet in: Leeflang 2011, S. 150, Abb. 129).

Dr. Micha Leeflang wird dieses hier angebotene Werk in ihrer Publikation "Joos van Cleve. Studio, Production and Working Methods", welches im nächsten Jahr erscheinen soll, aufnehmen.

CHF 220 000 / 280 000

€ 183 330 / 233 330

Verkauft für CHF 1 066 500 (inkl. Aufgeld)
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