Lot 3026 - A166 Gemälde Alter Meister - Freitag, 20. September 2013, 15.00 Uhr

LUCAS CRANACH d. Ä.

(Kronach 1472–1553 Weimar)
Anbetung Christi.
Öl auf Holz.
Rechts mittig mit dem Schlangeninsignum signiert.
14,5 × 20 cm.

Provenienz:
- Englische Privatsammlung (verso Etikette).
- Auktion Christie's, Monaco, 22.6.1991, Los 114.
- Auktion Fischer, Luzern, 2.12.1993, Los 2155.
- Schweizer Privatsammlung.

Dr. Dieter Koepplin bestätigt die Eigenhändigkeit dieses Gemäldes von Lucas Cranach d. Ä., wofür wir ihm danken.

Lucas Cranachs Anfänge liegen im Dunkeln. Um 1472 muss er im oberfränkischen Kronach geboren worden sein, wie sein Familienname vermuten lässt, als Sohn des wohlhabenden Kronacher Bürgers Hans Maler, bei dem er vermutlich auch seine künstlerische Ausbildung erhalten hat. Ab 1501 wird er als Künstler in Wien fassbar. Vier Jahre später gelingt ihm der für seine künstlerische Karriere wie seinen sozialen Aufstieg entscheidende Durchbruch: Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen (1463-1525) ernennt ihn zum Hofmaler und verleiht ihm 1508 ein Familienwappen. Dieses stolze Emblem, eine geflügelte Schlange mit Rubinring im Maul, hebt sich auf unserer "Anbetung Christi" in der rechten Bildmitte in Cremeweiss gut erkennbar ab.

Lucas Cranach übernimmt die zuvor von Jacopo de' Barbari geleitete Malerwerkstatt im Schloss zu Wittenberg und dient fortan dem Kurfürsten und seinen beiden Nachfolgern, Johann dem Beständigen (1468-1532) und Johann Friedrich I. dem Großmütigen (1503-1554) über fast fünf Jahrzehnte hinweg. Durch die sächsischen Erz- und Silbervorkommen reich geworden, wirken diese ambitionierten Wettiner als mächtige Schutzherren des Protestantismus und werden zu wichtigen Stimmführern der europäischen Politik zwischen Kaiser, Papst und Reformation. Wittenberg ist damals ein aufblühendes Zentrum, in dem Cranach bald eine Schlüsselrolle spielt. Er schafft Gemälde für die fürstlichen Schlösser und entwirft Festdekorationen, Kostüme, Wappen und Medaillen für seine Dienstherren.

Seine überragenden künstlerischen Fähigkeiten sind bald weitbekannt. Er steigt zu einem der einflussreichsten Bürger von Wittenberg auf, erwirbt eine Apotheke und Grundstücke und wird Kämmerer, Ratsherr und Bürgermeister. Auch auf diplomatische Missionen wird Cranach entsandt. Mit Martin Luther und Phillip Melanchthon verbinden ihn tiefe persönliche wie geschäftliche Beziehungen. Seine Nähe zur Reformation, als deren wichtigster Maler er gilt, schrickt selbst katholische Auftraggeber nicht ab. Die "Liste der Personen, mit denen er während seiner mehr als fünfzig Jahren umspannenden Schaffenszeit zusammentraf, die er portraitierte oder mit anderen Auftragsarbeiten belieferte, liest sich selbst heute noch wie ein `Who is Who´ der Geschichte, Kunst und Kultur im frühen 16. Jahrhundert" stellt Guido Messling fest (siehe Messling, Guido: Die Welt des Lucas Cranach: ein Künstler im Zeitalter von Dürer, Tizian und Metsys, Leipzig 2011, erschienen anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, Palast der Schönen Künste, Brüssel, 20.10.2010 - 23.1.2011, S. 13). Nicht nur Kaiser Maximilian I., sondern auch, "wer sonst etwas galt oder auf sich hielt, bediente sich der Dienste des Wittenberger Malers" (siehe ebd.).
Es liegt nahe, dass auch unsere exquisite Holztafel von einem wohlhabenden Kunstliebhaber erworben wurde. Ihr Sujet, die "Anbetung Christi", hat sicher auch weltliche Käuferschaften angesprochen. Mit dem zierlichen Format mag sie der privaten Andacht gedient haben und könnte auf Reisen mitgenommen worden sein. Ihr exzellenter Erhaltungszustand spricht aber eher dafür, dass ein Sammler sich die kleine Kostbarkeit des berühmten Hofmalers für sein Kunstkabinett leistete. Möglicherweise hat der Kenner die für Cranach charakteristische, überaus sorgfältige Gestaltung der dargestellten Oberflächen geschätzt, die bei unserer "Anbetung" bis in die feinsten Details ausgearbeitet sind. Wie Marias Schleier mit hauchzartem Weiß gezeichnet, die Wolken samtig verwischt, das Fell der Tiere getupft und mit winzigsten Pinselstrichen belebt wird, zeugt ebenso von Meisterschaft wie die leuchtenden Farben. Tatsächlich konnten von der modernen Forschung in Cranachs Oeuvre nicht weniger als 30 unterschiedliche Pigmente und zahlreiche Experimente mit unterschiedlichen Untermalungen für seine Motive nachgewiesen werden, die der Maler auf der Suche nach malerischer Perfektion unternommen hat.

Die in Anbetung versunkene Muttergottes bildet im Wortsinne das Zentrum des Werks. Ihr Kopf ist nicht nur genau in der Bildmitte positioniert, durch sie geht auch die Verbindungslinie zwischen zwei in himmlischem Glanz erstrahlenden Wesen, dem Jesusknaben und der Erscheinung im rechten oberen Bildhintergrund. In einer gleissenden Aureole schwebt dort der Engel mit einer Schriftrolle in den Händen, um den bei ihren Herden ausharrenden Hirten die Geburt des Heilands zu verkünden. Zugleich erinnert er uns an die frühere Verkündigung des Erzengels Gabriel an die Jungfrau, dass sie den Sohn Gottes gebären werde. Durch ihren Leib, der zwischen dem Engel im Himmel und dem Jesusknaben in der irdischen Krippe kniet, erfüllt sich nun mehr diese Verheissung.

Berührend ist die Innigkeit des stillen Austauschs zwischen Mutter und Kind. Marias Teint ist so porzellanhaft zart wie der von innen leuchtende nackte Körper des kleinen Jesus. So intensiv ist ihre Versenkung in die Göttlichkeit des Knaben, dass sie ebenso wie der Angebetete von der Kälte ihrer Umgebung unberührt bleibt. Der Frost hat dem neben Maria knienden Josef schon Nase und Backen leuchtend rot gefärbt; hinten rechts deutet ein Hirte mit seiner behandschuhten Rechten auf das Jesuskind, währen die beiden anderen dicht aneinander gedrängt ihre Hände unter ihren Mützen wärmen. Das kühle Kolorit, der nackte Boden und der Steintrog betonen die Unwirtlichkeit und Kahlheit des Ortes, an dem sich das Wunder vollzieht.

In der linken oberen Ecke unserer Holztafel lockert eine Art Engels-Wolken-Schaukel mit einem Durcheinander von Flügeln, Händchen und Köpfchen die theologische Ernsthaftigkeit der Szene wunderbar auf. So richtig bei der Sache sind die geflügelten Putten nämlich nicht: Kein einziger richtet seinen Blick direkt auf die Anbetungsszene vor ihnen. Einige schauen in der Weltgeschichte umher, andere scheinen uns als Bildbetrachter direkt anzusehen. Die verspielten kleinen Engel sind ein Motiv, das Lucas Cranach durch die Jahrzehnte seines Schaffens immer wieder aufgreift. Bereits auf dem berühmten Gemälde "Heilige Familie in einer Landschaft" (auch "Ruhe auf der Flucht" genannt) von 1504 (Gemäldegalerie Berlin) können wir die Engel beim Wasserholen, Musizieren und sogar beim Vogelfang beobachten. Selbst auf dem überaus ernsten lutheranischen Lehrbild "Gesetz und Gnade" (1529, Národní Galerie, Prag) treiben sie Unfug. "Nur ausnahmsweise wird ihre Aufmerksamkeit den eigentlichen Protagonisten direkt zuteil", stellt der Ausstellungskatalog Brüssel 2011 (S. 121) fest. "Ansonsten aber sind diese putzigen Begleiter eher mit sich selbst beschäftigt, darin ihrem kindlichen Wesen entsprechend".

Das Thema der Anbetung Christi erscheint in vier weiteren Gemälden des Meisters, wovon drei in die 1520er Jahren datiert werden (siehe Friedländler, Max/Rosenberg, Jakob: The paintings of Lucas Cranach, London, 1932/1978, S. 90, Nr. 101-103). Die bei Friedländer/Rosenberg als Nr. 101 verzeichnete Version, datiert um 1515-20, gehört den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Gemäldegalerie alter Meister) und war Teil der grossen Cranach-Ausstellung im Frankfurter Städel und in der Royal Academy of Arts, London, im Jahr 2008 (siehe Brinkmann, Bodo (Hg.): Cranach der Ältere: Ostfildern 2007, Ausst. Kat., Städel Museum, Frankfurt am Main, 23.11.2007 - 17.2.2008, Royal Academy of Arts, London, 8.3. - 8.6.2008, Nr. 15, S. 142, mit Farbabb.). Bei dieser Version stellt Cranach eine Lichtvision der Heiligen Birgitta von Schweden dar, wonach das vom Neugeborenen ausgehende Licht dasjenige einer Kerze überstrahlt habe. Für die optimale Umsetzung dieses Effekts versetzt Cranach die Figuren in einen nächtlichen Stall. Bei unserer Szene, die bei Tag spielt, betont er dagegen die vom Christuskind ausstrahlende, seine Mutter schützende Wärme. Beide Varianten heben in der gedachten Verbindung von verkündendem Engel und Jesus die besondere Rolle Mariens in der Heilsgeschichte hervor. Die sich auf eine Mauer aufstützenden drei Hirten finden sich auch in einer von Friedländer/Rosenberg als Nr. 103 aufgeführten und auf 1518-20 datierten Version (Privatbesitz). Eine weitere, bei Friedländer/Rosenberg als Nr. 102 erwähnte Variante greift den nach hinten fluchtenden Steintrog auf. Doch ist bei diesem Werk die recht schematische Abhandlung von Mauerwerk und Steinboden sowie der begleitenden Putten auffällig. Diese in Knightshayes Court, Devon, Grossbritannien, aufbewahrte und vom National Trust betreute Weihnachtsszene wird heute der Cranach-Werkstatt zugeschrieben.

Die um 1535 entstandene "Heilige Nacht" Cranachs im Erfurter Museum ist schliesslich unserer Darstellung sowohl kompositorisch als auch stilistisch am ähnlichsten und lässt eine Datierung unseres Gemäldes in das Spätwerk des Meisters vermuten. In der Erfurter Version liegt das Christuskind ebenfalls in einem zentral platzierten Steintrog umringt von Maria und Josef im Gebetsgestus. Daneben kauern Ochs und Esel, deren Blicke den Betrachter fesseln und diesen in das Geschehen einladen, vergleichbar wie bei unserer Tafel. Auch die Hirten finden sich rechts im Bild sowie die zusammengedrängte Engelsschar in der oberen Bildhälfte.

Dr. Dieter Koepplin, dem unsere "Anbetung Christi" aus einer früheren Begutachtung bekannt ist, bestätigt erneut in einem Schreiben vom 16.3.2013 die Autorschaft Cranachs d. Ä. und vermutet eine Entstehung unserer Tafel in dem Zeitraum um 1545-50. Er vergleicht die Ausführung einzelner Details, wie beispielsweise die Wiedergabe der Haare, mit dem 1546 datierten Gemälde "Der Jungbrunnen", heute in der Gemäldegalerie Berlin.

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