Lot 3454 - Z36 PostWar & Contemporary - Samstag, 28. Juni 2014, 16.00 Uhr

GEORG BASELITZ

1938
Eschenbusch (Landschaft). 1969.
Öl auf Leinwand.
Unten rechts signiert und datiert: G. Baselitz 69. Verso signiert, datiert und bezeichnet: G. Baselitz 1969 Landschaft Eschenbusch.
162,5 x 130 cm.

Provenienz: - Galerie Heiner Friedrich, München (verso auf dem Keilrahmen mit hs. Bezeichnung). - Privatsammlung, Anfang der 1970er Jahre wohl bei obiger Galerie erworben. Ausstellung: Hamburg 1972: Georg Baselitz - Bilder 1962 - 1972, Kunstverein Hamburg, 20.4 - 21.5. 1972, Kat.Nr. 48 (dort fälschlich als Erlenbusch bezeichnet). "Kunst hat nichts mit Objektivität zu tun, das Einzige das zählt, ist Subjektivität […]" (Zitat: Georg Baselitz in: Ausst.Kat.: Georg Baselitz: Werke 1968-2012, Essl Museum Klosterneuburg, 2013, S. 20) Der Eschenbusch steht auf dem Kopf. Als Betrachter sind wir irritiert und fasziniert zugleich. Ein Weg führt durch eine Allee in den Bildhintergrund, am Anfag des Weges steht eine Esche und nimmt den gesamten Bildvordergrund für sich ein. Ihre Äste scheinen auch jenseits der Grenzen des Gemäldes weiter in den Himmel zu ragen. Im Grunde ein sehr konservativer Blick auf eine Landschaft, stünde sie nicht auf dem Kopf. Georg Baselitz wird 1938 als Hans Georg Kern in Deutschbaselitz (Sachsen) geboren. Ab 1956 studiert er an der Hochschule für Bildende und Angewandte Kunst in Ost-Berlin bei Walter Womacka und Herbert Behrens-Hangler, doch schon 1957 wird er wegen "gesellschaftlicher Unreife" exmatrikuliert. Er zieht nach West-Berlin, wo er ab 1958 sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste bei Hann Trier fortsetzt. Dort angekommen, nennt er sich um und gibt sich, nach seinem Geburtsort, den Künstlernamen Georg Baselitz. An den deutschen Hochschulen im Westen wird in den 1960er Jahren die Abstraktion gelehrt. Hann Trier gehört zu den Vertretern der informellen Abstraktion und Baselitz, sein Student, nimmt das Abstrakte in seine Arbeiten auf und versucht es umzusetzen. Schnell bemerkt er jedoch, dass das nicht seine Sache ist und er etwas anderes tun muss. Die Suche nach seiner eigenen Wahrheit und Ausdrucksweise beginnt. An der Ostberliner Kunsthochschule wurde auch figürliche, gegenständliche Malerei gelehrt, und Baselitz besinnt sich dieser Figuration. Er malt nun Bilder mit Figuren, die er "Neue Typen" oder "Helden" nennt. Es sind Figuren, die stellvertretend für seine Gefühle stehen, für all die Dinge, die ihn bewegen wie: der Druck, die Belastung, die Konkurrenz, der Tod, die Nacht, das Geschlecht, die Politik, die Geschichte. Er entwickelt seinen eigenen Stil und überwindet das Abstrakte, um sein Werk in die eigene Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit zu führen. Mit intensiver Farbigkeit, pastosen oder lasierenden Pinselstrichen schafft er Werke von impulsiver, fast expressiver Ausdruckskraft. Die Gegenständlichkeit seiner Bilder, deren inhaltliche Aussage Anfang der 1960er Jahre das Publikum befremdet und überwältigt, abstösst und anzieht, ist kein abbildender Realismus. Sein Realismus entsteht aus der "Realisation von innerer Wirklichkeit durch Bildelemente, die äussere Wirklichkeit suggerieren" (Zitat: Gercken, Günther in: Ausst.Kat.: Georg Baselitz, Kunstverein Hamburg, 20.4-24.5.1972, S. 37). Die Wiedergabe dieser Figuren entspricht nicht der natürlichen Darstellung von Menschen, sondern sie sind im übertragenen Sinne die Träger und Ausdrucksmittel seiner Ideen. Mit dieser Figurenmalerei beschäftigt er sich bis 1969, dann begibt er sich erneut auf die Suche nach neuen Darstellungsmitteln. Die Figurenmalerei ist ihm zu nah an den klassischen Konvention der Malerei, er sucht einen neuen Weg für seine Malerei und findet ihn, indem er das Konzept von "Oben, Unten, Rechts und Links" überwinden. Er befreit sich von der Konvention, wie bis dahin Bilder gemalt und gehängt wurden und dreht die Darstellung um 180 Grad auf den Kopf. Das erste bedeutende Bild, welches er in dieser Umkehrmethode malt, ist "Der Wald auf dem Kopf" (Museum Ludwig, Köln) im Jahr 1969. Er zwingt den Betrachter, genauer hinzusehen. Obwohl das Werk den klassischen Mitteln der Ölmalerei und dem Genre der Landschaftsmalerei entspricht, schafft er es durch die Umkehrmethode, sein Werk von gewohnten Vorbildern zu entfernen. Das gewohnte Sehen wird irritiert, und neue Seh- und Denkansätze müssen entstehen. "Der Eschenbusch" ist eines seiner ersten Werke, das er nach "Der Wald auf dem Kopf" 1969 malt. Ein Baum steht auf dem Kopf, die Natur ist nicht realistisch oder idealistisch wiedergegeben, sondern Baselitz schafft es meisterhaft, das Werk durch seinen einzigartigen Stil mit impulsiven, fast expressiven Pinselstrichen und intensiver Farbigkeit dem Naturalismus zu entheben und es in die Nähe er Abstraktion zu bringen. Die Reduktion des Naturmotives auf das Wesentliche und die Umkehr desselben lassen einen neuen Baum entstehen, der den Betrachter zum Nachdenken anregt, da er nicht den eigenen Seh- und Denkgewohnheiten entspricht. Baselitz bleibt auch in der Umkehrmethode der figürlichen Malerei und den klassischen Genres, wie Porträts-, Landschafts- und Tiermalerei treu. Eine Ausstellung im Hamburger Kunstverein 1972 zeigt eine grosse Anzahl seiner Werke in dieser Motivumkehr, neben den Landschaftsmotiven auch zahlreiche Porträts. Die Landschaftsmotive, die Baselitz in seinen Werken verwendet, sind gösstenteils Erinnerungen an Landschaften seiner Kinder- und Jugendzeit. Der Wald, der Baum, der Busch und der Weg: alles Motive, die schon die klassische Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts aufgegriffen hat. Herkömmliche Interpretationen des Waldes als üppiger Lebensraum für Mensch und Tier, bedrohliche, grüne Hölle, Kulturlandschaft, Vanitas Symbol, Ort der Ruhe und des Träumens, aber auch kritische Stellungnahme zu der nationalsozialistischen Interpretation des Waldes finden sich in seinen Naturdarstellungen wieder. Doch sind seine Werke nie Bilder eines Zustandes, sondern geben ein Bild eines sich wandelnden Prozesses wieder, der beim künstlerischen Schaffen entsteht und bei den Gedanken des Betrachters endet. Sie sind kein fertiges Produkt, sondern unerschöpfliche Lebenskraft. "Der Wald hat ja allgemein eine besondere Bedeutung, in Deutschland vielleicht noch mehr als anderswo. Im Wald kann man sich verirren, verlassen sein, sich aber auch geborgen fühlen, im Dickicht gefangen. Ein schönes romantisches Thema." (Zitat: Gerhard Richter in: Bilder zu machen ist das Natürlichste von der Welt, ein Gespräch mit Hans-Ulrich Obrist, Monopol, Nr. 05/2014, S. 58).

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