Lot 113* - A174 Sammlung italienische Buchmalerei - Freitag, 18. September 2015, 13.30 Uhr

BUCHMALER AUS DEM GEFOLGE DES MEO DA SIENA (MEISTER DES MONTELABATE KREUZES?)


Provenienz: - 1994 London, Sam Fogg. - Seither im heutigen Besitz.. Bibliographie: - Gaudenz Freuler, Italian Miniatures from the Twelfth to the Sixteenth Centuries, Mailnd 2013, S. 624. - Friedrich G. Zeileis, Più ridon le carte (3.ed.), Rauris 2014, S. 280-281. Die äusserst delikat gemalte Initiale M, in deren Binnenfeld eine anmutige Darstellung der Ankunft der drei Marien am leeren Grab gemalt ist, eröffnet die dritte Respons der ersten Nokturn des Ostermontags: Maria Magdalena et altera Maria ibant diluculo ad monumentum. Jesum quem quaeritis, non est hic ... . Das blaue mit weissen Filigranranken angereicherte Initialfeld folgt in seinem Umriss den Akanthusrankenausläufern der Initiale und deren Blüten besetzten Windungen. Das Binnenfeld wird unten nicht durch die innere Rahmung abgeschlossen, sondern durch die Wellenform der Akanthusblätter. Vor dem Hintergrund einer hell leuchtenden weissen Felsformation, die wohl noch vom Lichte des eben erst auferstandenen Christus getränkt ist, erkennen wir die erstaunt am leeren Grab Christi stehenden Marien, die den Leichnam salben wollten. Ihrem Staunen entgegnet die wunderschöne Lichtgestalt des Engels gemäss des Respons Textes, dass ihr Herr aufgefahren sei. Die hier mit höchster Sensibilität ins Bild gesetzte Erzählung der drei Marien am Grab gehört wohl zum Besten, was die frühtrecenteske peruginische Buchkunst hervorgebracht hat. Kaum je ist es einem Illustrator gelungen, die vorgegebene Thematik so berührend zu verbildlichen. Dies ist ihm gelungen dank seines bemerkenswerten Talentes, seine Akteure psychologisierend in ein Netz gegenseitigen Dialogisierens einzubinden, das sich aus feinen Gesten und gefühlvollen Blicken zusammensetzt. Als ich kürzlich diese bisher wenig bekannte, praktisch noch unveröffentlichte Bildinitiale erwähnte, glaubte ich, für sie die Autorschaft des Peruginer Buchmalers Vanni di Baldolo (Kat. 115 beanspruchen zu können (Freuler 2013). Zwar zeigt dieser ähnlich wie der Buchmaler der hier in Rede stehenden Bildinitiale ein aus Meo da Sienas Kunst geschöpftes Typenrepertoire, doch gegenüber Vanni di Baldolos leicht abstrahierenden und so etwas härter wirkenden Figuren, zeichnet sich unser Künstler in der Artikulierung seiner ähnlich typisierten Formen durch eine ungleich viel höhere Feinheit und Beherrschung der dinglichen Wiedergabe aus. Diesbezüglich genügt ein Blick auf die unglaublich starke körperliche und dennoch leichte Erscheinung des auf dem Sarkophagrand sitzenden Engels, dessen Körper sich erst unter der gekonnt und fein abgestimmten Faltentopographie des grauen Kleides und des lachsroten Umhangs definiert. Zweifellos standen ihm zu solchen Gestalten Giottos Fresken im Transept der Unterkirche von Assisi Pate. Dies trifft auch für einige weitere Miniaturen unseres Künstlers zu, so für die Bildinitialen im Antiphonar C der Kathedrale von Perugia (Perugia, Biblioteca Capitolare, ms. 13 fol. 47r und andere) und eine weitere Bildinitiale mit der Präsentation im Tempel (ehemals in der Sammlung Breslauer in New York, Abb. 4), die zweifellos von der Hand des hier angesprochenen Künstlers gemalt ist. Diese Schwesterinitiale zeigt nicht nur einen gleichartig konzipierten Aufbau der Initiale, deren Binnenfeld unten gleich wie hier nicht durch die innere Rahmung, sondern durch die Wellenform der Akanthusblätter abgeschlossen wird und zudem einen völlig analogen Stil erkennen lässt. Die Bildidee für die in dieser Bildinitiale illustrierte Darbringung im Tempel ist unmittelbar aus dem Fresko mit der Kindheitsgeschichte Christi in der Unterkirche von San Francesco in Assisi geschöpft. Es wäre aber verfehlt, die künstlerischen Ursprünge unseres Malers in Giottos Kunst zu sehen, vielmehr hat sie sich, wie aus der Tradition des in Perugia wirkenden Duccio Schülers Meo da Siena (Abb.2,3) gebildet. Aus dieser Tradition hervorgegangen ist auch der Maler des bemalten Holzkreuzes von Montelabate und des nach seinem Dossale aus Sant' Antonio da Padova von Paciano (Perugia Galleria Nazionale) benannten Malers, des Maestro di Paciano. Die überaus stringenten Übereinstimmungen der Gesichtsmorphologie einer der Marien in unserer Initiale mit der trauernden Madonna des Holzkreuzes von Montelabate lassen mich vermuten, dass unsere Miniatur von eben diesem Maler ausgeführt wurde. Der hybride Stil unserer Malerei, der Aspekte der über Meo da Siena tradierten frühen sienesischen Malerei um Duccio und die Tradition von Giottos späteren Werken in Assisi zu einen sucht, lässt vermuten, dass die Bildinitiale gegen 1320-25 entstanden ist. Im Werk unseres Buchmalers liegen denn auch die Ingredienzen, die in Perugia eine Buchmalerei mit eigener Identität entstehen liess und zu Meistern wie Vanni di Baldolo und Matteo di Ser Cambio hinführen werden.

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