Lot 3012 - Z31 Schweizer Kunst - Freitag, 09. Dezember 2011, 14.30 Uhr

ANKER, ALBERT

(1831 Ins 1910)
Die ältere Schwester. Um 1889.
Öl auf Leinwand.
Unten rechts signiert: Anker.
66 x 46 cm.

Provenienz: - Prof. Weiss (1889). - Dr. J.A. Mantz, Mulhouse. - Privatbesitz Basel. Literatur: - Huggler, Max: Albert Anker. Katalog der Gemälde und Ölstudien. Bern 1962, Nr. 121. - Kuthy, Sandor / Battacharya-Stettler, Therese: Albert Anker. Werkkatalog der Gemälde und Ölstudien. Bern 1995, S. 193, Nr. 403. Den selbstgebastelten Bogen auf dem Tisch abgelegt und schnell hinaufgeklettert! Da steht er nun und strahlt seine Schwester an, selbstbewusst und stolz darauf, die Ältere zu überragen. Mit spitzbübischem Grinsen zeigt ihr das Kerlchen einen Fleck auf seiner Schürze. Sie kann dem kleinen Charmeur nicht böse sein und muss schmunzeln. Im Blickkontakt der beiden Geschwister spiegeln sich Zuneigung und Zärtlichkeit. Albert Anker erweist sich in der Schilderung dieser Begebenheit als ebenso aufmerksamer Beobachter wie äusserst behutsamer Erzähler des kindlichen Alltags. Er zeigt uns eine einzige Szene und schlägt damit doch ein ganzes Buch voller Geschichten aus dem Leben dieser Kinder auf. Die an den Spitzen völlig abgewetzten Schuhe des Kleinen verraten den lebhaften Wildfang und Klettermaxe. Wir können uns gut vorstellen, dass die grosse Aufpasserin ihn keine Sekunde aus den Augen lassen kann. Schützend hält sie auch jetzt ihre Arme auf beiden Seiten ihres Brüderchens, bereit, es jederzeit aufzufangen. Sie ist selbst noch ein grosses Kind, selbst wenn sie hier in einer typisch mütterlichen Geste dargestellt ist. Dass sie dabei unaufgeregt und gelassen bleibt, zeugt wohl von ihrer täglichen Übung. Weniger eine Schwester, eher eine kleine Mutter ist sie dem Kleinen. Wo aber sind die Eltern? Bei der Arbeit auf dem Hof und im Feld, muss man wohl antworten. Albert Anker, der das Haus seines Vaters im landwirtschaftlich geprägten Ins im Berner Seeland erbte und bis zu seinem Tod bewohnte, war mit dem bäuerlichen Leben bestens vertraut. Selten zeigt der Maler Kinder in der Obhut der Mutter; fast immer werden diese von den Grosseltern oder älteren Geschwistern liebevoll betreut und umsorgt. "Der kleine Bruder" etwa (ein Werk aus dem Jahr 1883 in Privatbesitz) balanciert auf der Lehne eines Stuhls, den seine lachende Schwester stabilisiert. In "Rosa und Bertha Gugger" (ebenfalls 1883, Sammlung Christoph Blocher) ist die Kleine vertrauensvoll auf dem Schoss ihrer Schwester eingeschlafen, die völlig in ihr Buch vertieft ist. Ihre Körperhaltung verrät, wie selbstverständlich die körperliche Präsenz des Kleinkinds für sie sein muss. Und über "Das erste Lächeln", das Anker 1885 festhielt (Musée d´art et d´histoire, Neuchâtel), freuen sich die beiden Schwestern des Säuglings, den die Ältere der beiden auf dem Arm hält. Kostbare Augenblicke voller Freude und gleichzeitig voller Melancholie in der fast körperlich fühlbaren Abwesenheit der Eltern. Das Thema unserer "Älteren Schwester" hat Albert Anker im Entstehungsjahr (1889) noch einmal aufgegriffen, eine Version, die sich seit 1956 im Besitz des Berner Kunstmuseums befindet. In dieser Variante sind die blonden Locken des Jungen mit einer bunten Kappe bedeckt, deren Kordel auf das spitzenverzierte Lätzchen fällt. Anstatt des aus einer Schnur und einem krummen Ast gebastelten Bogens steht am rechten Bildrand ein Korb mit Strickzeug, ein Motiv, das Anker auch in anderen Gemälden genutzt hat. Weitere Unterschiede bestehen in der Farbwahl: Statt des leuchtend grünen Jäckchens und dem cremefarbenen Überkleid in der hier angebotenen Variante ist der Kleine in der Berner Fassung in gedeckten Grün- und Blautönen gekleidet, während das Kleid seiner Schwester hellbraun geblümt ist. Unsere "Schwester" dagegen trägt ein hellblaues Oberteil und einen zart gestreiften Rock. Dieser begegnet uns übrigens am selben Modell in "Strickendes Mädchen" (1888, Privatbesitz). In "Mädchen, die Haare flechtend" (1887, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte, Winterthur) flicht sie wohl die seidige Haarpracht gerade für den charakteristischen Dutt ein. In dieser kunstvollen Frisur lässt Anker in unserem Gemälde das Licht goldgelb aufleuchten, während er die einzelnen Härchen über der Stirn ebenso naturalistisch und detailgetreu herausarbeitet wie die über die Tischkante hängende Schnur. Matt schimmern die Oberflächen der Kleidung, des blank gescheuerten Tisches und des gläsernen Gefässes im Hintergrund, gestochen scharf dagegen die Personen und die räumliche Wirkung des Zimmerausschnitts. Ankers malerisches Können in diesem musealen Werk stellt ihn in die Tradition der grossen holländischen Meister.

CHF 1 500 000 / 2 500 000

€ 1 315 790 / 2 192 980

Verkauft für CHF 7 380 000 (inkl. Aufgeld)
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