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Lot 3426* - Z35 PostWar & Contemporary - Samstag, 07. Dezember 2013, 16.00 Uhr

MICHELANGELO PISTOLETTO

(Biella 1933–lebt und arbeitet in Turin)
Rosa e Enzo. 1983.
Serigraphie auf glänzendem, poliertem Stahl.
Verso signiert, datiert, betitelt und bezeichnet: Michelangelo Pistoletto 1983 Napoli-Torino, ritratto di Rosa e Enzo.
110 x 120 cm.

Provenienz: Europäische Privatsammlung, direkt vom Künstler erworben. Die "Quadri Specchianti" (Spiegelbilder) von Michelangelo Pistoletto wecken Erstaunen, Verwunderung und Neugierde beim Betrachten. Fast erschrecken wir uns, sehen wir uns doch plötzlich selbst in dem Kunstwerk. Unser Spiegelbild und der Raum, der uns umgibt, werden für einen kurzen Moment Teil des Kunstwerkes, wir stehen plötzlich neben oder hinter den beiden sitzenden Personen. Auch der Raum, der sich hinter den Figuren öffnet und eine Tiefe und Weite entstehen lässt, befindet sich nicht auf oder in dem Kunstwerk, sondern ist der Raum hinter dem Betrachter. Ein Ziel des Künstlers ist es, in seinen Werken die Grenze zwischen der Welt und dem Kunstwerk aufzuheben. Dies gelingt ihm durch die Spiegelung, die die äussere Wirklichkeit in die Wirklichkeit des Bildes miteinbezieht. Ein weiteres Ziel, welches Pistoletto in seinen "Quadri Specchianti" verfolgt, ist die Darstellung von Dynamik. Obwohl seine Werke statisch an der Wand hängen, entsteht durch die Bewegung des Betrachters in dem Raum vor dem Bild, der dann zu dem Raum im Bild wird, eine Dynamik, eine teilweise verwirrende Dynamik zwischen realem und fiktivem Raum. Michelangelo Pistoletto wird 1933 in Biella in Norditalien geboren. Seine erste künstlerische Ausbildung erhält er von seinem Vater, der selbst Maler und Restaurator ist. Später studiert er an der Kunstschule bei Armando Testa. Er beginnt Selbstporträts zu malen, experimentiert sehr lange mit diesem Sujet und steht dabei unter starkem Einfluss von Francis Bacon, dessen Werke er 1958 bei einer Ausstellung in der Galleria Galatea in Turin sieht. Pistolettos Porträts sollen jedoch nicht in sich gekehrt sein und diese grausame, aggressive Ausstrahlung der Baconporträts haben, sondern er versucht vielmehr den Betrachter in sein Werk mit einzubeziehen.Er möchte einen Dialog zwischen Gemälde und Betrachter entstehen lassen. So malt er seine Porträts immer in Lebensgrösse, und die Figuren stehen nicht in der Tiefe des Gemäldes, sondern eher am Rand im Vordergrund, so als würden sie gleich aus dem Werk heraustreten, um mit dem Betrachter Kontakt aufzunehmen. Als Hintergrund wählt er meist eine monochrome, glänzende Farbe, so dass der Betrachter durch nichts von der Figur ablenkt wird. Die erste Ausstellung mit seinen Porträts findet 1960 in Turin statt. Aus diesen Porträtdarstellungen entwickelt er dann ab 1962 seine charakteristischen "Spiegelbilder" . Erst variiert er nur die Hintergründe der Gemälde, dann aber geht er dazu über die darzustellenden Personen als lebensgrosse Reproduktionen von Fotos auf einen glänzenden Untergrund zu übertragen. Durch die fotografische Reproduktion der Figuren erreicht er einen viel höheren Grad an Realismus in seinen Werken, und der Dialog zwischen Werk und Betrachter stellt sich viel schneller und leichter her, als bei einem Gemälde. Die Interaktion von Betrachter und Kunstwerk entsteht bei seinen "Spiegelbildern" nicht mehr wie vorher bei den Gemälden durch den Blickkontakt des Dargestellten, sondern durch das Einbeziehen des Betrachters in das Kunstwerk, durch dessen Spiegelung neben realistisch erscheinenden, lebensgrossen Menschen. Mit diesen "Spiegelbildern" erreicht der Künstler sofort internationale Aufmerksamkeit und Berühmtheit, er hat zahlreiche Einzelausstellungen in Europa (Paris 1964, Brüssel 1967) und in den USA (Minneapolis 1966). Doch nicht nur die Gegensätze von Statik/Dynamik, Oberfläche/Perspektive, absolut/relativ sind für das Verständnis der "Spiegelbilder" von Pistoletto ausschlaggebend, er selber sagt, dass man seine Bilder nur verstehen kann, wenn man die vierte Dimension, die "Zeit", berücksichtigt: "I believe that the term "time" is fundamental to the understanding of my work" (M.Pistoletto in: AusstKat.: Continuum. Pistoletto, Division and Multiplication of the Mirror, New York, Rom, 1988, S. 31). Traditionelle Gemälde oder Zeichnungen sind zweidimensional, sie werden an einem bestimmten Zeitpunkt erstellt und bleiben so wie sie sind, sie haben keinen Bezug zur aktuellen Zeit. Pistolettos Werke sind nicht nur dreidimensional, sondern nach seiner Auffassung vierdimensional - die vierte Dimension ist die "Zeit". Die Figuren auf den Spiegelbildern sind, wenn wir sie allein betrachten, mit einem zweidimensionalen Gemälde oder einer Zeichnung vergleichbar, da das Foto zu einem bestimmten historischen Moment aufgenommen wurde. Aber in seinen "Spiegelbildern" koexistieren diese Darstellungen mit dem aktuellen Moment der Betrachtung. Es ist die Aufgabe des Betrachters, die Bilder lebendig werden zu lassen, sich selbst zu sehen, in Frage zu stellen und den Dialog mit dem Kunstwerk zu suchen. Das vorliegende Werk entsteht 1984, die wiedergegebenen Figuren, ein im Profil sitzendes Paar schaut nach rechts. Alle Aspekte, die dem Künstler Pistoletto wichtig sind, sind auch in diesem Werk vereint. Der Betrachter tritt mit den wiedergegebenen Figuren in Kontakt. Durch die Betrachtung des Werkes sieht er sich und die Figuren neben oder hintereinander. Doch treten die Figuren nicht direkt mit dem Betrachter in Kontakt, sie schauen nach rechts. Wir, als Betrachter, würden die Welt gern sehen, die dieses Paar sieht, doch wir sind nicht in der Lage, die Realität für die Fiktion im Bild zu verlassen. Dennoch ist der Betrachter dazu verleitet, sich das vorzustellen und wird durch den realen Raum, der sich im Hintergrund des Bildes spiegelt, zu Vermutungen angeregt. So erreicht Pistoletto auf einmalige Weise den Dialog zwischen Kunstwerk und Betrachter, ohne die Distanz zwischen Wirklichkeit und Kunstwerk aufzugeben. Es ist ein Kunstwerk in der Welt und die Welt in einem Kunstwerk.

CHF 150 000 / 250 000 | (€ 140 190 / 233 640)

Verkauft für CHF 144 000