Lot 3017* - A172 Gemälde Alter Meister - Freitag, 27. März 2015, 15.00 Uhr

WEYDEN, ROGIER VAN DER (NACHFOLGER DES 16. JAHRHUNDERTS)

(Tournai 1398/1400 - 1464 Brüssel)
Triptychon: Mitteltafel mit Beweinung Christi, Seitenflügel innen mit Szenen der Passion Christi, Seitenflügel aussen mit der Verkündigung.
Öl auf Holz.
Zentraltafel 108 x 72 cm, Seitenflügel je 110,5 x 33 cm.

Gutachten: Linda Jansen, 20.1.2014. Provenienz: - Sammlung Otlet. - Auktion Fievez, Brüssel (Sammlung Otlet), 19.12.1902, Los 6 (als Rogier van der Weyden). - Kunsthandel Sedelmeyer, 1906, Nr. 43 (als Rogier van der Weyden). - Sammlung Ittersum. - Auktion Frederik Muller, Amsterdam (Sammlung Ittersum), 14.5.1912, Los 143 (als Rogier van der Weyden zugeschrieben). - Sammlung The Earl of Jersey. - Auktion Christie's, London, 15.7.1949, Los 86 (als Goswin van der Weyden zugeschrieben). - Deutsche Privatsammlung. Das hier angebotene Triptychon zeigt in geschlossenem Zustand die Verkündigungsszene, während an Festtagen die Mitteltafel mit der Beweinung Christi flankiert von der Geisselung auf dem linken Flügel und der Kreuztragung auf dem rechten Flügel zu sehen waren. Im Hintergrund der Kreuztragung und der Beweinung erstreckt sich eine weite durchgehende Landschaft mit dicht bewachsenen Hügeln und einer Stadt. Zur linken ist die Szene der Grablegung Christi zu erkennen. Anders als bei den meisten Triptychen des 16. Jahrhunderts liest sich die Handlung in unserem Altarwerk nicht chronologisch von links nach rechts: Hier ist die Zentraltafel beidseitig von Passionsszenen flankiert, welche der Beweinung vorangehen. Die Figurengruppe der Zentraltafel geht auf die berühmte Pietà von Rogier van der Weyden zurück, die sich in den Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique in Brüssel befindet (Inv. Nr. 3515, um 1441). Zahlreiche Details aus dieser Komposition, wie beispielsweise die linke Hand des Heiligen Johannes, welche den Kopf Mariä stützt, finden sich in unserer Zentraltafel wieder. Die Gesichtstypen und die Kleidung der Figuren sind hingegen freier interpretiert. So ist unsere Magdalena in einem prunkvollen Brokatkleid, statt in einem einfachen blauen Kleid dargestellt. Zudem entschied sich der Meister unseres Altarwerks, die Sicht auf die dahintergelegene, detailreiche, mit weiteren narrativen Episoden ausgeschmückte Landschaft frei zu geben, während Rogier van der Weyden sich ausschliesslich auf die Figuren am Fuss des Kreuzes konzentriert und den Hintergrund beinahe frei lässt. Linda Jansen äussert sich in ihrem Gutachten dahingegen, dass der hier angebotene Altar möglicherweise im Umkreis Goswin van der Weydens (um 1465-1538), dem Enkel Rogiers, in Antwerpen um 1500-40 geschaffen wurde. Tatsächlich war Rogier van der Weydens Pietà eine sehr beliebte Komposition, die nicht nur in seiner eigenen Werkstatt vermehrt aufgegriffen wurde, so beispielsweise in den Versionen in der National Gallery in London, dem Prado in Madrid oder der Berliner Gemäldegalerie (siehe Campbell, Lorne und Van der Stock, Jan: Rogier van der Weyden, Master of Passion, Zwolle 2009, S. 507), sondern bis in das ausgehende 16. Jahrhundert auch ausserhalb seiner Werkstatt vielfach kopiert und variiert wurde (siehe Dijkstra, Jeltje: Origineel en kopie: een onderzoek naar de navolgingg van de Meester van Flemalle en Rogier van der Weyden, Amsterdam 1990). Rogiers Sohn Pieter (1437-1514) übernahm 1464 das väterliche Atelier in Brüssel, während sein Enkel Goswin die Familientradition mit seiner eigenen Werkstatt in Antwerpen fortführte, was eine kontinuierliche Verbreitung der Motive Rogier van der Weydens ermöglichte. Diese erfreuten sich insbesondere auf dem Antwerpener Markt grosser Beliebtheit und so schufen beispielsweise Joos van Cleve (1485-1540) und Pieter Coecke van Aelst (1502 - 1550) ebenfalls ihre eigene Interpretation der Beweinung nach Rogier van der Weyden. Nicht nur kompositorisch, sondern auch stilistisch lässt sich unser Altarwerk in die Antwerpener Malertradition des ersten Jahrzehnts des 16. Jahrhunderts einordnen: Die Figurentypen und die Landschaft, insbesondere die Architektur der am Hang gelegenen Stadt finden sich in zahlreichen Antwerpener Werkstätten dieser Zeit wieder. Infrarot-Aufnahmen lassen ausführliche Unterzeichnungen auf den Aussenflügeln sichtbar werden, während diese in der Zentraltafel in geringerem Ausmass vorhanden sind, beispielsweise im Gesicht Magdalenas. Diese Vorgehensweise verdeutlicht, dass sich der Meister unseres Triptychons in der Zentraltafel auf ein bekanntes Modell stützen konnte, während die Kompositionen in den Aussenflügeln eine aufwendigere Vorbereitung voraussetzten. Dieses Gemälde ist im RKD, Den Haag, als Nachfolger von Rogier van der Weyden archiviert.

CHF 120 000 / 150 000

€ 112 150 / 140 190

Verkauft für CHF 90 000 (inkl. Aufgeld)
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