Lot 3023 - A164 Gemälde Alter Meister - Freitag, 22. März 2013, 15.00 Uhr

GUIDO RENI

(Calvenzano 1575–1642 Bologna)
Mariä Himmelfahrt. Um 1596–97.
Öl auf Kupfer.
58 × 44,4 cm.

Provenienz:
- Sammlung Sampieri Galleria, Bologna, vor 1795 bis 1812.
- Sammlung des Vizekönigs unter Napoleon, Eugène de Beauharnais, Mailand, 1812.
- Danach durch Änderung des Adelsnamen Sammlung Herzog von Leuchtenberg, München, 1852 (verso Etikette "Herzoglich Leuchtenberg Majorats Fideicommiss. Matrikel II.3, Inventar Nr. 154", siehe Abb. 1).
- Sammlung der Ermitage, St. Petersburg (wo Waagen das Gemälde besichtigt hat), 1864.
- Sammlung Rudolph Poeschel, Buenos Aires, ab 1925.
- Auktion Leo Messrs Spik, Berlin, 12.-13.10.1961, Kat. Nr. 438, Abb. Los Nr. 227.
- Sammlung Martin Schoenemann, Lugano.
- Schweizer Privatsammlung, seit ca. 40 Jahre.

Literatur:
- Carlo Cesare Malvasia: Felsina Pittrice. Vite de Pittori Bolognesi, Bologna, [1678], 2. Aufl. 1841, Band II, S. 7.
- Katalog der Sammlung Sampieri Galleria, Bologna, 1795, S. 19. - Katalog The Leuchtenberg Gallery, mit Stichen von J. N. Muxel und Anmerkungen von J. D. Passavant, London 1852, Abb. 81.
- Gustav Friedrich Waagen: Die Gemälde-Sammlung der Ermitage zu St. Petersburg, München 1864, S. 379.
- Keith Andrews: An Early Guido Reni Drawing, in: The Burlington Magazine, Vol. 103, 1961, S. 466, Abb. 35.
- Stephen D. Pepper: Guido Reni's Early Style. His Activity in Bologna, 1595-1601, in: The Burlington Magazine, Vol. 111, Nr. 797, August 1969, S. 475-476, Abb. 3, S. 473.
- Edi Baccheschi: L'opera completa di Guido Reni, Milano 1971, Nr. 8.
- Stephen D. Pepper: Guido Reni, A Complete Catalogue of His Works With An Introductory Text, Oxford 1984, Kat. Nr. 3, Abb. 3.

Diese vielfigurige und farbenfrohe Mariä Himmelfahrt ist ein charakteristisches und qualitätsvolles Beispiel aus dem Frühwerk des Bologneser Künstlers Guido Reni und tauchte kürzlich in einer Schweizer Privatsammlung auf, wo es über vierzig Jahre unentdeckt verweilte.

Neben der künstlerischen Ausführung ist besonders die historisch bedeutsame und eindrucksvolle Provenienz bemerkenswert. Um 1795 bis 1812 befand sich das Gemälde in der Sammlung Sampieri in Bologna. Als dieses 1812 in Mailand von Eugène de Beauharnais (1781-1824), dem Sohn von Alexandre Vicomte de Beauharnais (1760-1794) und Joséphine de Beauharnais (1763-1814), erworben wurde, gelangte es zugleich in den höchstmöglichen Adelskreis jener Zeit: der Familie Napoleon Bonapartes. Das Etikett auf der Rückseite der Kupfertafel (siehe Abb. 1) sowie ein Stich im Katalog der Sammlung von 1852 belegen diese aristokratische Provenienz (siehe Abb. 2). Tatsächlich hatte es Eugènes Mutter, Joséphine de Beauharnais, nach den Revolutionswirren und dem Tod ihres Gatten durch die Guillotine geschafft, gesellschaftlich wieder Fuss zu fassen und heiratete 1796 den General Napoleon Bonaparte. So wurde Joséphine de Beauharnais 1804 an der Seite Napoleons Kaiserin von Frankreich und Napoleon adoptierte 1806 ihren Sohn Eugène de Beauharnais. Eugène ehelichte kurz darauf Prinzessin Auguste Amalie von Bayern (1788-1851) und als sich Napoleons Herrschaft 1814 dem Ende neigte, zog sich das Paar am bayerischen Königshof in München zurück. Dort wurden Eugène 1817 von seinem Schwiegervater, dem ersten König des Königreichs Bayern, Maximilian I. Joseph, der Titel des Herzogs von Leuchtenberg sowie des Fürsten von Eichstätt und die dazugehörigen Wappen verliehen. Der Fürst führte fortan ein ruhiges Leben und verstarb 1824 in seinem Münchener Palais. Sein jüngster Sohn, Maximilian, 3. Herzog von Leuchtenberg (1817-1852), heiratete 1839 Grossfürstin Maria Nikolajewna Romanowa (1819-1876), die älteste Tochter des russischen Zaren Nikolaus I. in St. Petersburg und es ist anzunehmen, dass unser Gemälde über diesen Weg in die Sammlung der Ermitage gelangte, wo der Kunsthistoriker Gustav Friedrich Waagen (1794-1868) es später besichtigte und 1864 in seinem Katalog der "Gemälde-Sammlung der Ermitage zu St. Petersburg" publizierte (siehe Literatur).

Der Bologneser Kunsthistoriker Carlo Cesare Malvasia (1616-1693) erwähnte das Gemälde bereits 1678 in seinem Sammelband der Biografien der bekanntesten barocken Maler in Bologna, "Felsina Pittrice". Anhand der dort chronologischen Aufführung der Werke Renis datiert Stephen Pepper unser Gemälde um 1596-97 (siehe Literatur). Die Pose der Maria lässt Pepper besonders den Einfluss von Annibale (1560-1609) und Agostino (1557-1602) Carracci und ihrer Altarwerke zur gleichen Thematik erkennen, beide heute in der Pinacoteca Bologna. Annibales Mariä Himmelfahrt ist 1592 datiert und befand sich einst in der Bologneser Kirche San Francesco. Agostinos Himmelfahrt, ehemals in San Salvatore, ebenfalls in Bologna, wird um 1592-94 datiert (siehe Pepper, 1969, S. 476).

Reni war nach seinen künstlerischen Anfängen unter Denys Calvaert (um 1540-1619) ab circa 1595 der Werkstatt der Carracci-Brüder beigetreten. Dort stand er besonders in den Jahren 1596-97 unter dem Einfluss von Agostino, nachdem Annibale bereits im Herbst 1595 nach Rom umgesiedelt war. Die Umsetzung der Thematik der Mariä Himmelfahrt ist jedoch bei Agostino und Reni ganz individuell geprägt. Agostino hebt den schwebenden Charakter der Pose hervor und bringt durch die nach oben gerichteten Arme und den nach vorne schreitenden linken Fuss der Jungfrau die Thematik der Himmelfahrt zum Ausdruck. Guido Reni hingegen verleiht der Haltung seiner Maria eine gewisse Schwere, die durch die ausgestreckten Arme und die nach oben zeigenden Handflächen noch verstärkt wird. Den Engeln, die sie von der Seite und von unten stützen, ist der Kraftaufwand sichtlich abzulesen. Bemerkenswert ist bei Reni die individuelle und vielfältige Gestaltung der Engelschar, die musizierend mit unterschiedlichen Instrumenten dargestellt sind. Pepper erkennt auch besonders in den Gesichtern den Einfluss seines ersten Lehrers Denys Calvaert.

Somit ist dieses Frühwerk ein eindrückliches Beispiel für Renis' Auseinandersetzung mit seinen Lehrmeistern, bei dem es ihm gelingt, seine künstlerische Virtuosität und eigenständige Umsetzung der Thematik meisterhaft zum Ausdruck zu bringen.

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Verkauft für CHF 1 227 500 (inkl. Aufgeld)
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