Lot 3496 - A181 PostWar & Contemporary - Samstag, 01. Juli 2017, 13.30 Uhr

RUPPRECHT GEIGER

(1908 München 2009)
792/88. 1988.
Acryl auf Leinwand.
Auf dem Keilrahmen signiert: Geiger, sowie betitelt: 792/88 und mit den Massangaben: 160 x 170.
160 x 170 cm.

Provenienz: Privatsammlung Schweiz.

Literatur: Dornacher, Pia/Geiger, Julia: Rupprecht Geiger. Werkverzeichnis 1942-2002. Gemälde und Objekte. Architekturbezogene Kunst, München 2003, Nr. WV 772 (mit Farbabb.).

Rupprecht Geiger ist einer der bedeutendsten deutschen Maler nach 1945. Seine konsequente Reduktion auf die einfache geometrische Form, die Leuchtkraft der Farbe und den intensiven Kontrast lässt ihn zu einem der radikalsten Wegbereiter der Farbfeldmalerei werden. Die Farbe als Energiefeld ist sein Thema.

Bis in die Mitte der 1960er Jahre setzt er sich mit der zentralen Frage auseinander: welche Formen sind am geeignetsten, die Wirkung der Farbe am wenigsten zu stören. Welche Formen sind der Farbe am angemessensten, entsprechen ihr am meisten?
„Ich stehe auf dem Standpunkt, dass Malerei primär eine Angelegenheit der Farbe ist, dass alles andere sich der Materie Farbe unterzuordnen hat. Ich bin überzeugt, dass Farben Formen entwickeln können. Es ist nicht umgekehrt: dass Formen vorausgehen müssen, um mittels Farben manifestiert, angefüllt zu werden. Die Farbe drängt (…) automatisch zu einer Form, einer jeweils ganz bestimmten Form.“ (zit. Rupprecht Geiger, in: Retrospektive, Akademie der Künste (Hrsg.), Berlin, 1985, S. 66).

In der Reduktion auf das Rechteck als einzige wahrnehmbare Form, wie sie in „792/88“ als Gestaltungsraum der Farbe angewandt wird, fällt die äußere Gestalt und innere Flächenorganisation in der Rahmenform als allein übriggebliebene Form des Gemäldes zusammen. Das Rechteck der Leinwand ist Abgrenzung zur Umgebung, zur Wand, zum Raum, schafft eine minimale Bildräumlichkeit und ist gleichzeitig Gegenstand der Malerei selber. In der archetypischen Form kann Farbe unbeeinflusst hervortreten. In Geigers Malerei geht es um Farbe als Erlebnis, als Licht und Energie.

Mit der Einführung der Tages-Fluoreszenz-Leuchtfarbe 1965, die mit der Spritzpistole aufgetragen wird, kommt Geiger zur reinen Farbfläche, die durch die Ausstrahlung bzw. das Leuchten der Farbe zu einem Farblichtraum wird. Ähnlich wie Yves Klein findet Geiger in der Ausstrahlung der Farbe in den Bildraum die Lösung des Widerspruchs zwischen Gemälde als homogene Oberfläche und tiefer monochromer Bildräumlichkeit. Tiefer in den Bildraum einzudringen gelingt ihm wie in „792/88“ durch die Modulation der Farbe, die er meisterlich beherrscht. Der Farbkörper wechselt fast unmerklich von hell nach dunkel, von kalt nach warm, von der Transparenz zur Dichte, vom Immateriellen zur Materie. Der Auftrag entwickelt sich von dünnen bis zu pastos aufgetupften Schichten, die nicht aufgelöste Pigmentkörnchen stehen lassen. Die Strahlkraft ist immateriell, das Pigment Materie.

Dabei gelingt es Rupprecht Geiger, die Farbe aus ihrer alltäglichen Bindung an Form und Dinglichkeit zu befreien und als eigenständige Kategorie ins Bewußtsein zu rücken. Die Verwendung von Pink, Neonpink, als Variante seines Lebensthemas Rot geht noch einen Schritt weiter, entbehrt jeder Bezugnahme zur Natur, ist die „Antifarbe der Natur“ wie Gerhard Mack bemerkt (in: Rupprecht Geiger, Ostfildern 1994, S. 128). Die Farbe wird vielmehr abstrahiert, besitzt keine Referenz zur Naturwiedergabe. In der Wahl der Farbe Pink scheint sich das Versprechen des Rot zu erfüllen, scheint der letzte Werkabschnitt, der mit dem Einsatz der Sprühtechnik (1965) beginnt, zu kulminieren.

Betrachtet man in Ruhe das Gemälde „792/88“ erkennt man, wie Rupprecht Geiger den Lichtwert der Farbe steigert, wie er ein raffiniertes Kontrastwerk kreiert. Das Rot und Pink wird in und gegeneinander gesetzt, und wenn die pulsierenden und abstrahlenden Pigmente unmerklich ineinander überführt werden, taucht man ganz ein in die Unendlichkeit des Farblichtes.

CHF 80 000 / 120 000

€ 70 180 / 105 260

Verkauft für CHF 84 500 (inkl. Aufgeld)
Angaben ohne Gewähr