Lot 1241 - A180 Möbel, Porzellan & Silber - Donnerstag, 30. März 2017, 10.00 Uhr

PRUNKPENDULE "L'INDIEN ET L'INDIENNE ENLACÉS",

Directoire, das Modell von J.S. DEVERBERIE (Jean Simon Deverberie. gest. 1824), das Zifferblatt sign. DEVERBERIE A PARIS Paris um 1800.
Bronze matt- und glanzvergoldet sowie brüniert. Zwei sich umarmende, auf dem runden Uhrgehäuse sich stützende Schwarze mit Federkopfschmuck, Glasaugen, Ohrstecker und Federnrock auf hohem Bastionssockel mit stilisierter Felslandschaft und Wasserfall sowie Perlstab und Amorenrelief mit hohen, stilisierten Kreiselfüssen. Rundes Emailzifferblatt mit arabischen Stunden- und Minutenzahlen. 2 feine, durchbrochene und vergoldete Zeiger. Ankerwerk mit 1/2 Stunden-Schlag auf Glocke. Ausseordentlich feine, matt- und glanzvergoldete Bronzebeschläge und -applikationen.
46x17x57 cm.

Provenienz:
- Ehemals B. Prévot, Stuttgart.
- Privabesitz, Schweiz.

Mit Gutachten des Cabinet Etienne/Molinier, Paris 2017.

Eine modellogleiche Pendule wurde in unserer Juni-Auktion 1997 (Katalognr. 1222), eine zweite in unserer Juni-Auktion 1999 (Katalognr. 1183) verkauft. Ein weiteres Exemplar, ehemals Sammlung P. Izarn, Paris, ist abgebildet in. P. Kjellberg, La pendule française du Moyen Age au XXe siècle, Paris 1997; S. 357.


Am 22.1.1799 liess J.S. Deverberie Zeichnungen und Entwürfe verschiedener Pendulen - so auch der Entwurf der hier angebotenen Pendule - aus Gründen des Modellschutzes in der Bibliothèque Nationale - wo sie heute noch im Cabinet des Estampes aufbewahrt sind - registrieren. Es handelte sich dabei vor allem um verschiedene Versionen der sog. "pendules au nègre", so auch zahlreiche Entwürfe der hier angebotenen Pendule. Die Darstellung solch "exotischer" Figuren hat ihren Ursprung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in der Rousseau'schen Prämisse des "retour à la nature". Weitere, meist pädagogisch intendierte literarische Werke - man denke an das damals ausserordentlich beliebte Buch von Bernardin de Saint Pierre "Paul et Virginie" aus dem Jahre 1788 oder an "Atala" von François Chateaubriand im Jahre 1805 und nicht zuletzt an das vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehr populäre Buch von D. Defoe, "Robinson Crusoe" - übten grossen Einfluss auf die bildenden Künste aus, und die "pendules au nègre" zeugen in markanter Weise von diesem Interesse der noblen Gesellschaft für Motive und Figuren "exotischer" Herkunft; die Begegnung von Robinson mit Freitag, die Figur des Robinson als Schiffbrüchigen, Atala als Befreierin von Chactas oder die Darstellung von Paul und Virginie, getragen von zwei Schwarzen, wurden der Literatur entnommen und sowohl bildlich als auch bildhauerisch - damit sind auch die Bronzen und Pendulen gemeint - umgesetzt. Dabei spielte nicht nur das kulturelle und stark idealisierte Interesse an der "exotischen" Welt eine grosse Rolle, sondern vor allem auch deren Ausstrahlung einer "natürlichen Erotik"; der sich küssenden "couple enlacé", die mit entblössten Brüsten dargestellte "nourrice africaine" oder der durch athletischen Körperbau charakterisierte "nègre chasseur" offenbaren diesen Aspekt sehr schön. Das Sujet des "bon nègre" oder "bon sauvage" wurde schliesslich in den Epochen des Directoire, Empire und teils der Restauration weiterentwickelt und in über 20 Variationen konkretisiert, wobei die originellsten und vor allem qualitativ hochwertigsten Modelle von J.S. Deverberie stammten.

Folgende von ihm signierte Pendulen aus dem Directoire und hier teilweise angeboten sind bekannt: "L'Afrique", "L'Amérique", "La Chasseresse sur un palanquin", "Le négrillon porteur", "Deux négrillons soutenant un portique", "La pendule au char avec jeune femme de Louisiana", "Couple enlacé". Des weiteren sind Kerzenstöcke und Girandolen "aux nègres" auf seine Entwürfe zurückzuführen

Bedeutende Museen, in welchen Pendules "au nègre" ausgestellt sind: in Frankreich - Musée des Arts Décoratifs ("L'Afrique"), Musée Chateaubriand ("Atala et Chactas"), Musée Paul Dupuy in Toulouse ("L'Amérique"), Musée de l'Hôtel Sandelin in Saint-Omer ("Le nègre deversant son sac"), Musée du Nouveau Monde in La Rochelle ("Le nègre sur un bateau", "Le nègre sur un char", "L'Amérique", ein Modell über das Thema von "Atala", "Le matelot", "Le portefaix"). In Florenz - Palazzo Pitti (ein sehr schönes Modell von "Robinson Crusoe"). In Spanien - Patrimonio Nacional Espagnol ("L'Indien et l'Indienne enlacés", "Le nègre fumeur", "Le portefaix", "La nourrice africaine").
J.S. Deverberie gründete in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts mit J.F. Hertzog die Firma "Deverberie et Compagnie, Manufacturiers d'Horlogerie et de Bronze doré", und integrierte damit - wie beispielsweise P.E. Romain und andere "bronziers" der Jahrzehnte um 1800 - eine Uhrenwerkstatt in den Betrieb. 1803 hatte er finanzielle Schwierigkeiten, konnte aber mit seinen Gläubigern - unter anderem die Vergolder J.L. Foubert, Roger l'Ainé und Roger le Jeune, J.B. Trémet, J.C. Herouard, N. Pavis, die Witwe Dartois, der "marchand de ressorts" G. Mouginot l'Ainé, der "marbrier" P.J. Gilles und die Uhrmacher Lemoine, Sandoz, Dubuc l'Ainé und Dubuc le Jeune sowie Mathieu und Marc Croutte - einen Vertrag über schrittweise Rückzahlung erstellen. Diesen Schwierigkeiten zum Trotz besticht sein Oeuvre durch eine atemberaubende Vielfalt der Formensprache sowie eine bestechende Ausführung in punkto Qualität und Bronzezierat. Eine grosse, sehr prunkvolle Pendule des Apollo auf Wagen mit Sockel und Musikautomat - als möglicherweise parunkvollstes Beispiel seiner Pendulen im Empire - wurde in unserer November-Auktion 1995 (Katalognr. 4059) verkauft.

Lit.: J.D. Augarde, Les ouvriers du temps, Genf 1996;S. 286 (Abb. der erwähnten Pendule nach J.A. Houdon). Ausstellungskatalog von 1978 "La pendule au nègre"; S. 26 (Nr. 15, eine modellogleiche Pendule und die Entwurfszeichnung). Dort wird das Paar wie folgt beschrieben: "La patine s'est substituée au vernis, les nègres sont devenus des Indiens à la coiffure mi-longue et bouclée, aux visages triangulaires, aux corps longilignes et gracieux. L'évocation amoureuse, voir érotique du sujet rejoint l'exubérance de la nature où la cascade, la grotte et la végétation épanouie correspondent aux descriptions luxuriantes de l'Ile de France, par Benardin de Saint-Pierre, ou celles du Nouveau Monde laissés par Chateaubriand".

CHF 250 000 / 350 000

€ 219 300 / 307 020

Verkauft für CHF 270 500 (inkl. Aufgeld)
Angaben ohne Gewähr