Lot 3013 - A192 Gemälde Alter Meister - Freitag, 19. Juni 2020, 14.00 Uhr

SÜDLICHE NIEDERLANDE, UM 1480–90

Geburt Christi.
Öl auf Holz.
44,7 × 32 cm.

Gutachten:
Dr. Michaela Schedl, 15.7.2019.

Provenienz:
- Galerie Leegenhoeck, Paris, 1982.
- Schweizer Privatbesitz.

Diese sehr schön erhaltene Tafel, deren Entstehung Dr. Michaela Schedl um 1480–90 datiert, könnte als Einzeltafel oder als Mitteltafel eines kleinen Flügelretabels in einem Wohnraum als Andachtsbild gedient haben.

Dargestellt ist eine fünfköpfige Personengruppe in einer Dreieckskomposition vor einem ruinösen, gemauerten Gebäude mit Strohdach: Im Bildvordergrund knien Maria und Joseph vor dem nackten Jesuskind. Über die Mauer des Gebäudes hinter ihnen schauen zwei Hirten mit zurückgeschobenen Kapuzen in den Stall. In einem kleineren Massstab dargestellt, liegen beziehungsweise stehen Ochs und Esel hinter der Gottesmutter. Der Ochse hat ein Büschel Heu im Maul, das er aus dem Steintrog vor ihm holt. Seinen Blick hat er auf das vor ihm liegende Jesuskind gerichtet. Am oberen Bildrand ist der segnende Gottvater in einer Wolkengloriole vor einer gelb-roten Lichterscheinung zu sehen. Von ihm gehen vier Goldstrahlen aus, die zum Gottessohn führen. Letzteren umgibt eine goldene Strahlengloriole, die von einem hellblauen Band gerahmt wird.

Wie Dr. Michael Schedl in ihrem ausführlichen Gutachten darlegt, verknüpft die hier dargestellte Szene der Geburt Christi zwei ikonographische Motive in drei Bildzonen, die aus verschiedenen Textquellen stammen: Die Geburtsszene im Vordergrund lehnt sich an einen Bildtypus an, der in der nordalpinen Buch- und Tafelmalerei seit der Zeit um 1400 verbreitet war und in den "revelationes" der heiligen Birgitta von Schweden (1303–1373) wurzelt. Diesen Visionen entstammt das Motiv des nackten, auf dem Boden liegenden Kindes in der Strahlengloriole, der goldenen Haare Mariens sowie die Darstellung Josephs, der mit einer Kerze in den Stall kommt. Auch der lichtspendende Gottvater am oberen Bildrand kommt schon bei den frühesten birgittinischen Bildern vor, obwohl das nicht Teil der Vision ist. In der späteren Zeit sind – wie hier – nur noch lose Verbindungen zur Vision zu sehen. Von den beiden anbetenden Hirten im Mittelgrund berichtet das Lukasevangelium (Lk 2,15–16): "Als die Engel sie [= die Hirten] verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Kommt, wir gehen nach Betlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden liess. So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag."

Die verschiedenen Motive und die Gestaltung der Landschaft, weisen laut Dr. Schedl auf einen Maler hin, der in den südlichen Niederlanden tätig war. So lassen sich motivische Parallelen der hier angebotenen Tafel zu einer Geburt Christi ausmachen, die dem in den südlichen Niederlanden tätigen Maler Jacques Daret (1404–1468) zugeschrieben und um 1434–35 datiert wird. Sie gelangte in das Museo Thyssen Bornemisza in Madrid (Inv.-Nr. 124/1935.17).

Weitere Verbindungen lassen sich zu einer fast doppelt so grossen Geburt Christi feststellen, die Teil eines Flügelretabels war. Sie wird ebenfalls in die südlichen Niederlande lokalisiert, um 1460 datiert und befindet sich heute in New York im Metropolitan Museum of Art (Inv.-Nr. 32.100.39).

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Verkauft für CHF 55 200 (inkl. Aufgeld)
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