Lot 1048* - A184 Möbel, Porzellan & Silber - Donnerstag, 22. März 2018, 10.00 Uhr

GEMALTES LACK-KABINETT "A FLEURS",

Barock/Régence, wohl England um 1700, der Stand Italien, 18. Jh.
Holz allseitig bemalt; auf schwarzem Fond ausserordentlich feine Darstellungen von Blumenbouquets in Vasen, Blumen, Blätter und Zierfries. Rechteckiger Korpus auf assoriertem Stand mit knieenden Putten mit ausgestreckten Armen und Umlaufsteg auf gequetschten Kugelfüssen. Front mit Doppeltüre. Ebenfalls ausserordentlich fein bemalte Inneneinteilung mit 11 ungleich grossen Schubladen. Fein gravierte Messingbeschläge. Fassung restauriert.
Kabinett 100x49x82 c. H mit Stand 152 cm.

Provenienz: Aus französischem Besitz.

Das hier angebotene Kabinett ist abgebildet in: A. / A. Lovreglio, Dictionnaire des Mobiliers et Objets d'art du Moyen Age au XXe siècle, Paris 2006; S. 195 (Abb. 7). Ein nahezu identisches Kabinett wurde in unserer März Auktion 2010 Katalognr. 1050) für CHF 346 000.- verkauft. Ein weiteres, sehr ähnliches Kabinett mit dem hier angebotenen Lot analogem Stand ist Teil der Sammlungen des P. Getty Museum in Malibu.

Ab 1660 waren Kabinette auf Stand besonders beliebte und gefragte Möbelstücke. Sie wurden reich dekoriert und mit vielen Schubladen versehen und dienten zur Aufbewahrung kostbarer und seltener Objekte. Ihre oftmals prunkvolle Ausführung machte sie zu einzigartigen Schmuckstücken. Das hier präsentierte Kabinett mit Blumenmalerei stammt aus der Zeit, als sich die Gattung des Stilllebens zu einem unabhängigen Genre hervorhob, für deren Entwicklung die Niederlande massgeblich beitrugen. Die bedeutendsten Künstlerpioniere des Stilllebens waren im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts Ambrosius Bosschaert I, Jan Brueghel I, Rolant Savery und Jacob de Gheyn.
In Holland herrschte im 17. Jahrhundert eine allgemeine Begeisterung für Botanik und Gartenbau. Seltene Pflanzen und spezielle Blumen wurden gezüchtet und kultiviert. Die Botanika-Amateure suchten nach neuen Pflanzen und Aufzuchtsmethoden. Ihre Leidenschaft inspirierte die Künstler und veranlasste sie, die kostbaren Blumen in ihrer Vielfalt nicht mehr nur als Attribut in einem Historienbild darzustellen, sondern ihnen ganz im Sinne des humanistischen Gedankens "Einzelstudien" zu widmen. Die naturgetreue Wiedergabe verschiedener Blumenarten fand überall grossen Anklang und Begeisterung. Das Stilleben wurde zu einer gemalten botanischen Enzyklopädie, welche die unterschiedlichsten Blumen, die zu verschiedenen Zeiten blühen, in einem Bouquet auf eine besonders ästhetische Weise zusammenstellte; gleichzeitig sind sie als eine illusionistische Wiedergabe der Realität zu betrachten. Die Spezialisierung in Blumenmalerei übertrug sich auch auf die Möbelherstellung. Ab der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts dekorierten die Holländer Ebenisten - wie z.B. Dirk van Rijswick, Philippus van Stantwijk und Jan van Mekeren - ihre Kabinette mit gemalten Blumen oder legten sie mit Blumenmarketerie ein. Die Begeisterung für Kabinette mit Blumen erreichte England während der Regierungszeit der Stuarts.

Im ausgehenden 17. Jahrhundert entwickelte sich ein englisch-holländischer Stil, womit sich analoge Formen und Techniken erklären, die zum gleichen Zeitpunkt jenseits der Nordsee aufkamen. Unser Kabinettschrank mit der Blumenmalerei in leuchtenden Farben, die sich von dem schwarzem Grund abheben, gehört zu einer Möbelgruppe, die aller Wahrscheinlichkeit nach in England geschaffen wurde - vermutlich durch Künstler, die aus Holland stammten oder durch Hugenotten, die in England Zuflucht gesucht hatten, wie z.B. Jean Guilbaud, der in London tätig war. Die Kabinettschränke werden von ihrem fast immer identischen Aufbau charakterisiert, durch den quaderförmigen Kasten, der aus aus 11 Schubladen besteht und von zwei Flügeltüren flankiert wird. Die Türen sind mit reich ziselierten, vergoldeten Bronzescharnieren befestigt.

Dieser Möbeltypus entwickelte sich aus den japanischen und chinesischen Lackkabinetten, deren Import nach Europa durch die Gründung der "Compagnies des Indes anglaise et hollandaise" zu Beginn des 17. Jahrhunderts vereinfacht wurde. Im Victoria & Albert Museum in London befindet sich ein Lackkabinett auf Stand, in analoger Form und mit nahezu identischen Bronzebeschlägen, allerdings mit einem unterschiedlichen Unterteil. Drei weitere vergleichbare Kabinette sind Bestand der Sammlungen des J. Paul Getty Museum in Malibu. Im Werk von Monique Riccardi-Cubitt erscheint ein weiteres, vergleichbares Kabinett. Aus der Sammlung Tillotson stammt ein vergleichbares Möbel, welches im Werk von Francis Lanygon erwähnt wird. Diese Kabinette besitzen einen ähnlichen Blumendekor mit Girlanden in lebhaften, dominanten Weiss- und Rosa-Farbtönen auf schwarzem Grund und erinnern an das Stilleben von Justus van Huysum dem Älteren (1659-1716). Im Hopetown House Preservation Trust befindet sich eine Reihe von Möbeln von Jean Guibaud - ein Tisch, ein Spiegel und zwei Gueridons mit analoger Blumenmalerei, die um 1703 entstanden. Ein weiteres Kabinett mit fast identischer Bemalung steht in der Galerie Steinitz (Paris) und ist abgebildet im "Dictionnaire des Mobiliers & des Objets d'art du moyen Age au XXIe siècle".

Lit.: S. Segal, Flowers and Nature, 1990, Katalog-Nr. 13-16 (mit Abb.). N. Schneider, Stilleben Realität und Symbolik der Dinge, Köln 1989; S. 135-155. A. Chong, W. Kloek, Still-Life Paintings from the Netherlands 1550-1720, Amsterdam 1999; S. 24ff. W.B. Jordan, A prosperous past, Den Haag 1989; S. 93-120. E. Bénézit, Dictionnaire des peintres, sculpteurs, dessinateurs et graveurs, Paris 1999; S. 217. A. et A. Lovreglio, Dictionnaire des Mobiliers & des Objets d'art du Moyen Age au XXIe siècle, Paris 2006; S. 195 (mit Abb.). A. Sasson & Wilson, Decorative Arts, A Handbook of the Collections of the Getty Museum, Malibu 1986; S. 125-126 (Katnr. 262 und 264, mit Abb.). F. Lenygon, Furniture in England from 1660 to 1760, London 1920; S. 196 (Abb. 300). M. Riccardi-Cubitt, Un art européen - Le cabinet de la Renaissance à l'époque moderne, Paris 1993; S. 69 (Abb. 49). P. Thornton, Form and Decoration, Innovation in the Decorative Arts 1470-1870, London 1998; S. 136 (Abb. 284).

CHF 70 000 / 120 000

€ 65 420 / 112 150

Verkauft für CHF 84 500 (inkl. Aufgeld)
Angaben ohne Gewähr