Lot 3011 - A192 Gemälde Alter Meister - Freitag, 19. Juni 2020, 14.00 Uhr

MAESTRO DELLA MISERICORDIA

(tätig in Florenz zwischen 1370–1400)
Kreuzigung Christi. Um 1355.
Tempera und Goldgrund auf Holz.
48 × 23 cm.

Provenienz:
Schweizer Privatbesitz.

Diese Tafel mit der "Kreuzigung Christi", die einst als Zentrum eines Flügelaltars zur Privatandacht fungiert haben dürfte, präsentiert sich als faszinierendes Bild der florentinischen Malerei nach Giotto. Es verbildlicht den Moment unmittelbar nach dem Erlösertod Christi. Die heilige Magdalena ist ans Kreuz geeilt, das sie mit Innbrunst umfasst. Diese hohe Emotionalität ist auch dem Johannes ins Gesicht geschrieben, den Christus kurz vor seinem Tod der Muttergottes als Sohn anvertraut hatte. Die sich hoch auftürmende schlanke Figur der Mutter Gottes scheint gefasst und hat sich dem Schicksal des göttlichen Willens ergeben, während Johannes in stille Fassungslosigkeit versunken scheint. Trotz dieser über die Emotionen der Figuren evozierte Dramatik, herrscht im Bild eine ausgewogene Atmosphäre stiller Ergebenheit. Dem Meister dieser bislang wohl unveröffentlicht gebliebenen Tafel ist es mit diesem Bild gelungen, die künstlerischen Errungenschaften der Nachfolge Giottos sensibel ins Bild zu setzen.

Dies zeigt sich besonders deutlich an einem Vergleich mit einer Reihe von ähnlich konzipierten Interpretationen des gleichen Bildthemas von Taddeo Gaddi (1290–1366) und Bernardo Daddi (um 1280–1348), die deutlich vor Augen führen, in welchem Umfeld sich unser Maler künstlerisch orientiert haben muss.
Unverkennbare Parallelen zu den Werken des Florentiner Giotto Exegeten Taddeo Gaddi finden sich nicht nur hinsichtlich des Bildkonzeptes mit dem Modell des am Kreuz hängenden Christus und der nach oben zu ihm zeigenden Madonna (vgl. Taddeo Gaddis "Croce Dipinta" von Montegufoni, um 1355–60). Es finden sich zudem Stilgemeinsamkeiten in der Statuarik der hochragenden schlanken Figuren und der morphologischen Artikulierung der Gesichter und ihren extremen Verkürzungen (vgl. Taddeo Gaddis 1334 datiertes Triptychon der Staatlichen Museen in Berlin, Inv.-Nr. 1080 oder seine "Kreuzigung" in der Bristol City Art Gallery, Inv.-Nr. K2771).

Folglich muss es sich hier um einen Maler handeln, dem Taddeo Gaddis künstlerisches Repertoire zugänglich war und der dem älteren Künstler nahegestanden sein könnte. Kaum verwunderlich, dass man die angebotene Tafel, wie auf seiner Rückseite beschriftet, im frühen 20. Jahrhundert noch als ein Werk Taddeo Gaddis betrachtete.

Ebenso weist die Kunst unseres Malers Tendenzen auf, die auch auf eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Spätwerk des Bernardo Daddi hindeuten. Dies gilt nicht allein für gewisse Motivtradierungen, wie etwa die Haltung der ans Kreuz geeilten Magdalena und ihrem feinst modellierten, stark verkürzten Profil (vgl. beispielsweise Bernardo Daddis "Kreuzigung" aus dem Jahr 1343 in der Accademia in Florenz, Inv.-Nr. 1890/443), sondern auch für die gegenüber Taddeo Gaddis Werk weichere Modellierung der Formen und Volumen, so wie dies in Daddis Spätwerk auf vergleichbare Weise vorgebildet ist.

Trotz der auffallenden Gemeinsamkeiten zu den gennanten Oeuvres des Taddeo Gaddi und Bernardo Daddi scheint unser Maler einer späteren Generation anzugehören. Beispielsweise erinnert die gut erhaltene Figur der Magdalena mit ihrem wunderschönen, in emailleartigen Farbübergängen modellierten Antlitz und den feinen, über den Rücken fallenden blonden Haarsträhnen an die in Schmerz versunkene Magdalena der berühmten "Grablegung" des Giotto di Maestro Stefano (genannt Giottino, um 1324–1369) in den Uffizien (um 1357, Inv.-Nr. 1890/454). Dieser Stilbezug zu Giottino steckt zugleich auch das chronologische Umfeld ab, innerhalb dessen vorliegende "Kreuzigung" vermutlich wohl gemalt wurde, nämlich das 6. Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts. Es ist das Jahrzehnt, das im Zeichen des Giottino und der Brüder Andrea (1308–1368) und Nardo di Cione (um 1320–1366) stand. Kaum überraschend, dass eine der "Kreuzigungen" des Nardo di Cione in den Uffizien (um 1355–60, Archiv Zeri Nr. 3222) nach ähnlichem Muster wie vorliegende Tafel, auf älteren Modellen der früheren Malergeneration aufgebaut ist.

Ausgehend von einer Reihe ähnlich konzipierter "Kreuzigungen", identifiziert Professor Freuler den Meister dieser Tafel mit dem nach einer Schutzmantelmadonna in der Accademia in Florenz benannten Maestro della Misericordia (vergleiche beispielweise die "Kreuzigung" des Triptychons im Moskauer Pushkin Museum oder eine weitere Variante dieses Bildthemas, ehemals Sammlung Carlo de Carlo Florenz). Basierend auf einem stilistischen Vergleich mit der Tafel "Jüngstes Gericht und Passionszenen" aus der Pinacoteca Nazionale in Bologna, die um 1355–60 entstand (vgl. Sonia Chiodo: Painters in Florence after the "Black Death": The Master of the Misericordia and Matteo di Pacino, in: A Corpus of Florentine Painting, IV, IX, Florenz 2011, S. 139) sowie der Tafel "Sankt Eligius" im Prado, deren Entstehung in den 1360er-Jahren angesetzt wird (vgl. Chiodo 2011, S. 150), datiert Professor Freuler die angebotene Tafel in die 1350er-Jahre und somit in die frühe Schaffensphase des Künstlers, in der seine Werke noch stark in Taddeo Gaddis und Bernardo Daddis Kunst verankert sind.

Damit wäre auch eine erste künstlerische Formation in der Werkstatt Taddeo Gaddis nicht auszuschliessen. Dies und die oben erwähnte Verbindung zu Giottino sowie die für die 1360er-Jahre in seinem Werk erkennbare Hinwendung zum Naturalismus eines Giovanni da Milano wurden von Miklos Boskovits (vgl. Miklos Boskovits: La Pittura Fiorentina alla Vigilia del Rinascimento, Florenz 1975, S. 65) als Hinweis dafür herbeigezogen, dass sich hinter dem anonymen Maestro della Misericordia möglicherweise Taddeo Gaddis älterer Sohn Giovanni Gaddi verbergen könnte. Zumal dieser 1369 zusammen mit Giottino und Giovanni da Milano in Rom verbürgt ist, wo er innerhalb einer grösseren Malergruppe für Papst Urban V. an der Ausstattung des renovierten Papstpalastes federführend gewirkt haben soll.

So ist vorliegendes Kreuzigungsbild ein neues und wertvolles Zeugnis der frühesten Schaffensphase des Maestro della Misericordia, die im Zeichen der erfolgreichsten florentinischen Erben Giottos, Taddeo Gaddi und Bernardo Daddi steht.

Wir danken Professor Gaudenz Freuler für seine Hilfe bei diesem Katalogeintrag.

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