Lot 3724* - A193 PostWar & Contemporary - Samstag, 04. Juli 2020, 14.00 Uhr

FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER

(Wien 1928–2000 an Bord der Queen Elisabeth)
Der gelbe Platz - Flugplatz. 1958.
Aquarell mit Lack auf Packpapier, mit Kreide grundiert (in der Mitte geknickt).
Mittig links signiert, datiert und bezeichnet: HUNDERTWASSER 1959 AM 26. MAI 1981 AUSGEBESSERT DUNKELBUNT REGENTAG.
98,5 × 64 cm.

Provenienz:
- Sammlung Dr. R. Brunner, München.
- Sammlung APP München.

Ausstellungen:
- 1964/65 Ausstellungstour: Kestner Gesellschaft Hannover, Kunsthalle Bern, Karl-Ernst-Osthaus Museum Hagen, Stedelijk Amsterdam, Moderna Museet Stockholm sowie Museum des 20. Jahrhunderts Wien.
- 1975 München. Haus der Kunst, Februar - April.
- 1979 Weltausstellungstour: Museo Espanol de Arte Contemporáneo Madrid, Seedamm-Kulturzentrum Pfäffikon.
- 1980 Weltausstellungstour: Palazzo Barberini, Rom, Palazzo Reale, Mailand, u.a.
- 1980/81 Weltausstellungstour: Museum Ludwig Köln, Secession Wien.

Literatur:
- Fürst, Andrea Christa: Hundertwasser 1928 - 2000. Werkverzeichnis - Catalogue Raisonné, Vol. II, Köln 2002, Nr. 509.
- Schmied, Wieland: Hundertwasser. Bibliophilic monograph with 100 coloured collotype prints, Salzburg 1974 (mit Farbabb.).

"Die Spirale bedeutet Leben und Tod nach allen Richtungen." Friedensreich Hundertwasser

Im Februar jährte sich der Todestag von Friedensreich Hundertwasser zum zwanzigsten Mal und wird gebührend mit einer grossen Ausstellung im Leopold Museum in Wien geehrt. Der weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus wirkende Maler, Vorkämpfer der Ökologiebewegung und Gestalter von Lebensräumen prägt die Kunst des 20. Jahrhunderts auf charakteristische und unverwechselbare Weise mit seinen farbprächtigen Utopie Entwürfen.

1928 in Wien als Friedrich Stowasser geboren, wird ihm schon zu Schulzeiten ein herausragender Sinn für Form und Farbe bescheinigt. Seine Begabung und Passion wird früh erkannt und gefördert, bis der Vormarsch der Nationalsozialisten alles überlagert. Obwohl selbst Jüdin, lässt seine Mutter ihn 1935 katholisch taufen und, Hundertwasser tritt nach dem Anschluss Österreichs der Hitler-Jugend bei. Anders als seine Grossmutter und 69 Verwandte überleben er und seine Mutter den Nazi-Terror, so dass er 1948 seine Matura machen kann und Student der Wiener Akademie für Bildende Künste wird, die er allerdings nach drei Monaten wieder verlässt. Zu dieser Zeit, 1949, nimmt er den Namen Hundertwasser an, indem er die erste Silbe „Sto“ (Slawisch für „hundert“) scheinbar eindeutscht. In den 1950er Jahren lebt Hundertwasser in Paris und setzt sich mit der herrschenden Avantgarde auseinander, mit dem Diskurs zwischen geometrischer und expressiver Abstraktion, dem Informel und aufkeimenden Nouveau Réalisme. Als Reaktion darauf formuliert er seine eigene Sicht, den Transautomatismus, in dem es nicht nur um ein neues Entstehen von Kunst geht, sondern auch um ein neues Wahrnehmen, das den aktiven, verantwortungsbewussten und gestaltenden Betrachter fordert.

Dabei ist das vegetativ-organische Prinzip der Natur ebenso Leitmotiv seines Schaffens wie die künstlerischen Einflüsse Egon Schieles, Paul Klees oder der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, die den Grundstein für sein Frühwerk liefern. Zudem prägen ihn die Erfahrungen seiner Reisen nach Italien, Paris, Marokko, Tunesien, Sizilien, Japan und Neuseeland und er entwickelt einen farbintensiv-abstrakten Malstil. Die Schönheit und Harmonie seiner Bilder hat ihm dabei oft mehr Kritik als Wertschätzung eingebracht. Doch greift diese Kritik nur bei einer sehr oberflächlichen Betrachtung seiner Bilder, wie Wieland Schmied im Werkverzeichnis 1974 (S. 15) ausführt: „Hundertwasser sagt nicht, (..) daß unsere Welt heil ist. Im Gegenteil: Er klagt sie an – und hält ihr zugleich in seinen Bildern das Modell einer möglichen besseren entgegen.“

Das bei uns angebotene Werk „Gelber Platz“ erfüllt dieses Versprechen einer kritischen Sichtweise unserer Welt in paradigmatischer Weise. Die horizontale Zweiteilung des Bildes scheint bereits auf die Diskrepanz zwischen Utopie und Realität hinzuweisen. Dabei dominieren zwei gelbe Spiralen, die – gespiegelt entlang dem Mittelfalz – den Blick auf sich ziehen. Die obere Hälfte ist kompositorisch sehr dicht, komplett, harmonisch. Die untere Hälfte dagegen erstreckt sich eher locker, zögerlich über den Bildraum, mit Elementen des Unvollendeten und Platz für Ungeklärtes. Die obere Hälfte verortet eine harmonische Welt, wobei die Spirale in die topographische Darstellung kippt, eine Vogelperspektive einnimmt mit kartographisch anmutenden Höhenunterschieden, umgeben von Felderstrukturen. Im unteren Teil hingegen scheint die Natur in den Hintergrund zu rücken, Spuren der Industrialisierung wie Fabrikschornsteine und kubische Wohnelemente bilden das Zentrum der unvollendeten Spirale. Hundertwasser liebt die Irritation, die durch Gegenüberstellung von Natur und Mensch, durch verschiedenen Blickwinkel und Sichtweisen entsteht, wie hier die vertikalen Hausansichten versus horizontale Landschaften. Der Betrachter wird aktiv ins Werk einbezogen, getragen durch die Kraft der Farben, die rein instinktiv von ihm verwendet unabhängig vom Gegenstand existieren.
So lässt sich gerade in diesem aussergewöhnlichen Gemälde „Gelbe Platz - Flugplatz“ prozessual die Arbeits- und Denkweise von Friedensreich Hundertwasser – wie sonst selten – nachvollziehen, sein Themenkomplex ausschöpfen. Die drei dokumentierten Zustände des Werkes zeigen sein bewusstes, schrittweises Vorgehen: Zustand 1: gemalt in Hamburg (Sommer 1958) / Zustand 2: weitergearbeitet in Wien (Herbst 1961) / Zustand 3: Nachbearbeitung mit Notiz des Künstlers „ AUSGEBESSERT DUNKELBUNT REGENTAG“ (26. Mai 1981). So erklärt sich auch die Abweichung des Originalwerkes von dem im Werkverzeichnis von 1974 abgebildeten Werk, da es erst später, bei einem Besuch des Künstlers beim damaligen Besitzer, ergänzt wurde.

CHF 120 000 / 180 000

€ 105 260 / 157 890

Verkauft für CHF 195 500 (inkl. Aufgeld)
Angaben ohne Gewähr