Lot 3512 - A189 PostWar & Contemporary - Samstag, 29. Juni 2019, 14.00 Uhr

SIGMAR POLKE

(Oels 1941 - 2010 Köln)
Ohne Titel. 1999.
Tinte, Aquarell und Gouache auf Vélin.
Unten mittig signiert und datiert: Sigmar Polke 1999.
70,2 x 100 cm.

Provenienz:
- Tausch von Sigmar Polke und dem Schweizer Künstler Fred Engelberg Knecht.
- Galerie A16, Zürich.
- Bei obiger Galerie vom heutigen Besitzer erworben, seitdem Privatsammlung Schweiz.

Einer Einordnung hat Sigmar Polke sich immer verweigert, sowohl stilistisch als auch bei der Materialwahl. Angetreten als deutsche Antwort auf die Pop Art in den 1960er Jahre entzieht sich sein Oeuvre in seiner Vielschichtigkeit und seinem Assoziationsreichtum einer Vereinnahmung durch jegliche Stilrichtung. Vielmehr ist Polke ein Chamäleon, Alchemist und Satiriker, der mit Humor, raffinierten Bildideen und einem feinen Gespür für die Krisen der Zeit die deutsche Nachkriegsmalerei entscheidend prägt. Das transformative Potential der Materialien ist dabei eines seiner durchgängigen Themen vor dem Hintergrund der Sinnfrage der Malerei. Seine Experimentierfreude mit diversen Farbstoffen, Mineralien und Chemikalien, mit Drucktechniken, Fotografie, politischen wie kunsthistorischen Bezügen ist ebenso zu seinem Markenzeichen geworden wie sein Witz und seine Ironie. Bei allen Scherzen und Experimenten geht es Polke aber immer um die Rolle der Kunst, die Rolle des Künstlers – auch gesellschaftlich gesehen. In diese elitäre, hermetische Sphäre der Kunst hat er "das grosse Triviale" hereingelassen, wie Benjamin H. D. Buchloh einmal einen Essay über Polke betitelt.

Nach einer Glasmaler-Lehre studiert Sigmar Polke Anfang der 1960er Jahre bei den Informellen Gerhard Hoehme und Karl Otto Goetz an der Düsseldorfer Kunstakademie. Bis heute nachhallend ist die revolutionäre Aktion 1963 „Leben mit Pop – eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus“ im Düsseldorfer Möbelhaus Berges, die er gemeinsam mit seinen Künstlerkollegen Gerhard Richter und Konrad Lueg durchführt. Dies gleichwohl als Ausgangspunkt wählend, entfaltet er sein kreatives Potential in alle Richtungen und zählt heute zu den wichtigsten Künstlern Deutschlands.

Sein ironisches Spiel und gleichzeitig seine unkonventionelle ästhetische Anziehungskraft zeigen sich exemplarisch in den „Pour Paintings“, zu denen auch unser Los 3515 zählt. Diese Werkserie der 1990er Jahre, in der Polke die Farbe durch Schütten und Pusten auf der Oberfläche verteilt, räumt dem Zufall als bildgestaltendes Element eine hohe Priorität ein. In mehreren Farbschichten angelegt und mit feinen, spontanen Linien durchzogen, bildet sich ein autonomer Bildraum, der materiell wie konzeptionell den kreativen Prozess des Künstlers beleuchtet. Der gelungene, spielerische Wechsel bei Sigmar Polke zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit findet eine Entsprechung im Werk seines Künstlerfreundes Gerhard Richter, der sich ebenfalls beider Ausdrucksformen bedient, und hier wie dort wird das Dogma der Realitätswiedergabe durchbrochen.

Das zeitgleich entstandene Werk, Lot 3512 in unserer Auktion, verdeutlicht diese Hinwendung zum Figurativen ohne die Abstraktion des Farbraumes zu verlassen. Neben dem liegenden weiblichen Akt tritt Polke selber in einem reduzierten Selbstporträt in Erscheinung, flankiert von weiteren, zum Teil nur angedeuteten Figuren. Dieses extrem starke, vielschichtige und assoziationsreiche Werk kombiniert Polkes scharfen Witz mit seinem experimentellen Schaffensprozess. Die sexuell aufgeladene Szene baut sich vor einem farbig abstrakten Hintergrund auf, zitiert in der Liegenden Vorbilder der klassischen Moderne und kommentiert das Thema „Muse und Künstler“ mit einem Augenzwinkern.

Ihren Weg in die Schweiz fanden diese beiden Werke durch eines der häufigen Tauschgeschäfte, die Polke mit Künstlern und Galeristen vor Ort tätigte. Fred E. Knecht, der diese Werke von Polke erhielt, war ein politisch engagierter Künstler, der seine Kritik in Ironie und magischen Realismus verpackte und die Werke vermutlich in eine seiner legendären Wunderkammern aufnahm.

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