Lot 1542 - A192 Sammlung Müller-Frei - Dienstag, 16. Juni 2020, 14.00 Uhr

BEDEUTENDE UND SELTENE KRINOLINENGRUPPE

Meissen, um 1737. Modell von Johann Joachim Kändler.
Auf einem Stuhl mit fein modellierter Lehne sitzende Dame, auf ihrem Schoss ein Mops, ein Koppchen mit Unterschale in der rechten Hand, zu ihrer Linken einem Kavalier, dem sie die Hand zum Handkuss reicht. Ihr Blick einem Husaren zu ihrer Rechten zugewandt, der sächsische Kammerhusar Schindler, der auf einer Ziege den Dudelsack spielt. Auf einem flachen Sockel mit Blättern und Blumen belegt. Ohne Marke.
H 15,5 cm.

Kleine Fehlstellen, Riss im Sockel und Restaurierungen.

Provenienz:
- Sammlung Baron Maurice de Rothschild, Genf.
- Auktion Christie's London, The Property of a Noted European Collector Part II, 17.10.1977, Lot 186.
- Kunsthandel, Schweiz.

Im Arbeitsbericht Kändlers vom April 1737 wird eine abweichende Version dieser Gruppe beschrieben: „7. ein neues Croppgen aufs Waaren lager angefangen wie eine Vornehme Dame auf einem Visiten Stuhle sitzet und hat eine Coffee Dasse in der rechten Hand, die linke aber küsst eine Wohl gebuzte Mannes Persohn, Hinter denen Frauen zimmer stehet ein Mohr mit Einem credenz Teller welcher Serviret. Weiln solches aber sehr viel mühe hat ist noch was in künfftigen monat davon zu fertigen übrig blieben” (BA: I A b 9, S. 69-70).

Von der Handkussgruppe existieren mehrere Variationen, in welchen der sitzenden Dame jeweils unterschiedliche Personen oder Attribute hinzugestellt wurden. Die bei weitem seltenste Version ist diese mit dem Kammerhusar Schindler, in Gardeuniform eines Husarenregiments.

Gottfried Schindler stand zur Zeit der Entstehung der Figurengruppe in Diensten von Graf Heinrich von Brühl (1700-1763), welcher bereits Oberkämmerer am Hof Augusts des Starken war und nach dessen Tod 1733, zum wichtigsten Berater Kurfürst Friedrich August II. wurde. Noch im selben Jahr wurde er mit der Leitung über die Meissener Porzellanmanufaktur beauftragt.

Schindler war zusammen mit Joseph Fröhlich schon am Hof August des Starken als Hofnarr engagiert und spielte später für Graf Brühl den "lustigen Rath" in dessen Privattheater. Schindler ist als Scherzfigur aufgefasst, da er auf einer „Musette de cour“ aus dem Balg einer Ziege spielt, einer aristokratischen Variante des Dudel- oder Bocksacks aus dem frühes 18. Jahrhundert.

Kändler entwarf den Schindler 1735 zunächst als Einzelfigur, erhöht auf einem Postament stehend und zwei Jahre später für eine Variation der Handkussgruppe, anstelle eines Kammermohrs (Angela von Wallwitz, Celebrating Kaendler, München 2006, S. 29).

Als Vorlage für die zentrale Handkussszene gilt ein Stich von Laurent Cars nach Illustrationen Bouchers zu „Le Sicilien ou l'Amour Peintre“, Oevres de Molière von 1734. Ingelore Menzhausen hatte angenommen, dass sich Kändler durch den Kupferstich von William Hogarth aus der Serie „Der Weg einer Dirne“ von 1732 inspirieren liess, wobei es sich dann wohl nur um die Übernahme der Komposition handeln muss, denn alles Vulgäre hat Kändler von seiner Gruppe zugunsten höfischer Eleganz und Grazie ferngehalten (Ulrich Pietsch, Frühes Meissener Porzellan. Kostbarkeiten aus deutschen Privatsammlungen, München 1997, S.69).

Das Basler Kirschgartenmuseum beherbergt aus der Stiftung Pauls-Eisenbeiss drei Variationen dieser berühmten Gruppe, zwei mit dem Kammermohr und eine mit Schindler (Ingelore Menzhausen, Meissen aus der Sammlung Pauls-Eisenbeiss, Basel, S. 98,99).

Eine ähnlich reich staffierte Variation mit Kammermohr im Metropolitan Museum of Art (Y. Hackenbroch, Meissen in the Collection Irwyn Untermyer, New York 1956, Taf. 30) und im Museum Ariana in Genf.

Vergleichsstücke für diese Figurenvariante mit Schindler in öffentlichen und privaten Sammlungen:
Historisches Museum Basel, Sammlung Pauls-Eisenbeiss (I. Menzhausen, In Porzellan verzaubert, 1993, S.99); Bernisches Historisches Museum, Sammlung Kocher; Metropolitan Museum of Art New York, Sammlung Sheafer (Inv.Nr. 1974.411, montiert mit einer Pendule).

CHF 50 000 / 70 000

€ 43 860 / 61 400

Verkauft für CHF 213 800 (inkl. Aufgeld)
Angaben ohne Gewähr