Lot 3015 - A190 Gemälde Alter Meister - Freitag, 27. September 2019, 14.00 Uhr

SÜDLICHE NIEDERLANDE / DEUTSCHLAND, UM 1500

Dornenkrönung Christi.
Tempera und Goldgrund auf Leinwand (Tüchleinmalerei).
47 × 37,5 cm (Lichtmass).

Gutachten:
- Dr. Jaco Rutgers, 14.6.2019.
- Dr. Michaela Schedl, 1.8.2019.

Provenienz:
- Sammlung Georges Hulin de Loo (1862–1945), Gent.
- Nachlassauktion Hulin de Loo, Palais des Beaux-Arts, Brüssel, 29.10.1947, Los 134, als deutsche Schule des 16. Jahrhunderts (verso Etikett).
- Schweizer Privatbesitz.

Tüchleinmalereien waren in der zweiten Hälfte des 15. und frühen 16. Jahrhundert besonders beliebt. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts waren sowohl Brügge als auch Köln wichtige Zentren für diese Art von Malerei, aber auch in Italien und Frankreich war die Technik bekannt (siehe David Bomford / Ashok Roy / Alistair Smith: The Technique of Dieric Bouts: Two Paintings Contrasted, in: National Gallery Technical Bulletin, Bd. 10, 1986, S. 43). Die Brügger Tüchleinmaler waren so zahlreich, dass sie eine eigene Gilde bildeten und sogar rechtliche Probleme mit ihren Kollegen, die auf Holz malten, dokumentiert sind (siehe Diane Wolfthal: The Beginnings of Netherlandish Canvas Painting: 1400–1530, Cambridge 1989, S. 23–29).

Die Tüchleinmalerei bezieht sich im Allgemeinen auf eine Technik, bei der die Pigmente mit einem tierischen Klebstoff, auch Leimtempera genannt, direkt auf einen Träger aus Leinentuch – sprich ohne Grundierung – aufgetragen werden (siehe Ashok Roy: The Technique of a 'Tüchlein' by Quinten Massys, National Gallery Technical Bulletin, Bd. 12, 1988, S. 36–39). Dies führt zu einer matten Oberfläche, wobei die Textur des Trägers oft sichtbar bleibt. Die ungefirnisste Malschicht hebt zudem die zarte, gouacheähnliche Optik hervor. Albrecht Dürer (1471–1528) erwähnt ein "Tüchlein" im Tagebuch seiner Reise in die Niederlande um 1520–21 und diese Terminologie blieb bis heute erhalten.

Das vorliegende Gemälde mit der Dornenkrönung Christi zeigt alle Eigenschaften eines Tüchleins: der fein gewebte Träger aus einer Pflanzenfaser, wahrscheinlich Leinen, die eher dünne Farbschicht, welche die Struktur des Trägers sichtbar lässt und die typische matte und opake Wirkung der Farbe. Auch die rotbraun gefärbte Bordüre ist bei Tüchlein-Bildern anzutreffen.

Das Etikett auf der Rückseite des Rahmens zeigt an, dass dieses Gemälde Teil der Sammlung des Kunsthistorikers Georges Hulin de Loo war. Hulin de Loo entstammte einer wohlhabenden Genter Familie und war als Professor für Philosophie und Sozialgeschichte an der Universität von Gent tätig. Anlässlich einer Ausstellung zur Malerei der frühen flämischen Malerei in Brügge im Jahre 1902 veröffentlichte Hulin de Loo einen kritischen Katalog, worin er die dort geäusserten Hypothesen kommentierte und verschiedene der namentlich nicht bekannten Maler identifizierte. Hulin de Loo zählt somit als einer der Gründerväter des Studiums der flämischen Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts. Er nutzte zudem sein Wissen, um eine Sammlung zusammenzustellen, welche dieses Tüchlein sowie auch Werke von Adriaen Isenbrant (1490–1551), Gaspar de Crayer (1584–1669) und Jean Clouet (1480–1541) umfasste.

Das Fehlen von Grundierung und Firnis sowie die Art des Bindemittels machen Tüchleinbilder viel empfindlicher gegen Beschädigungen als Tafelbilder. Daher ist der hervorragende Zustand dieser Dornenkrönung Christi bemerkenswert. Die Pigmente, wie das leuchtende Blau, das warme Rot und das kühle Grün, strahlen förmlich von der Bildoberfläche. Tüchlein-Gemälde sind eine ausserordentliche Seltenheit auf dem aktuellen Kunstmarkt, und in diesem vorzüglichen Erhaltungszustand umso mehr.

CHF 25 000 / 35 000

€ 23 360 / 32 710

Verkauft für CHF 97 900 (inkl. Aufgeld)
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