Lot 506 - A192 Manuscrits & Autographes - lundi, 15. juin 2020, 16h00

Horae B.M.V. -

Henri d'Orquevaulx.
Coronation of the Virgin. Leaf from a Book of Hours with an illuminated miniature in gold and colours, as well as pen and brown ink, rich floral border, 1 large and 11 small initials, vignettes and ornamental bands in gold and colours. Latin manuscript on vellum, text on both sides.
Metz, c. 1420-30. Miniature 8.7 x 6.7 cm (uneven); text area 10 x 6.7 cm; leaf dimensions 16 x 12 cm. Modern wood frame (small losses; 31 x 26 cm).

Literatur:
- Hindman, Sandra in: Ferrini, Bruce. Catalogue 1, Important Western Medieval Illuminated Manuscripts and Illuminated Leaves. Akron, 1987, S. 137-138.
- Avril, François. "L'enlumineur Henri d'Orquevaulx et la production des ateliers messins au XVe siècle", in: Metz enluminée, Autour de la Bible de Charles la Chauve, Trésors manuscrits des églises messines. Metz, 1989, S. 69-80 und 154.
- Fliegel, Stephen. N. The Jeanne Miles Blackburn Collection of Manuscript Illuminations. Cleveland, 1999, S. 37ff.
- Dr. Jörn Günther Rare Books, cat. 11, Parchment and Gold. Stalden, 2015, S. 184-189, Nr. 36.
- Panayotova, Stella. Transactions of the Cambridge Bibliographical Society, Bd. 13, Nr. 2. Cambridge, 2005, S. 221-230.

Text recto: "Converte nos deus salutaris noster..." (Psalm 84, Komplet [Abend- und Schlussgebet] Stunden der Jungfrau).

Vorliegendes brillantes Blatt aus einem aufgebrochenen Stundenbuch kann zweifelsfrei der Werkstatt des biographisch erschlossenen, in Metz nachgewiesenen Buchmalers Namens Henri d’ Orquevaulx zugewiesen werden. Dieser hat eines seiner Manuskripte, die auf 1440 datierte reich illustrierte Handschrift der Dekaden des Titus Livius (Günther, 2015) signiert und den Schreiber und sich selbst mit einer Bildminiatur verewigt. Die Bedeutung dieses signierten Manuskriptes wurde erstmals 1888 von Paul Durrieu erkannt, der das Stundenbuch für Jean de Vy und Perrette Baudoche in der Bibliothèques Médiathèques von Metz (Ms. 1598) wenig überzeugend der gleichen Hand wie das Manuskript der Dekaden des Titus Livius zuschrieb. Zwar enthält das Stundenbuch Miniaturen, die stilistisch mit der Buchkunst des Henri d'Orquevaulx durchaus verwandt sind, gegenüber letzterem qualitativ nicht das Wasser reichen können. 1989 revidierte François Avril diese alte falsche Zuschreibung der Heures de Jean Vy an Henri d'Orquevaulx, schrieb diesem stattdessen jedoch drei weitere Manuskripte zu: eine fragmentierte Chronik von Pierre de Herenthal mit drei Miniaturen (BNF MS lat. 4931A) und zwei Stundenbücher (Paris BNF MS lat. 10533, und Bibl. de l'Arsenal MS 563). In Metz wird um 1437 ein "Maistre Henri" als Buchmaler und Maler genannt, der von Jean de Vy beauftragt wurde, Wandmalereien auszuführen. Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesem "Maistre Henri" um den uns hier interessierenden Henri d'Orquevaulx handelt. Bis zur Jahrhundertmitte wurde dieser offenbar im künstlerischen Panorama Lothringens, insbesondere in Metz, zur zentralen Figur der spätmittelalterlichen Buchmalerei. Andere Miniaturen, die in jüngerer Zeit Henri d'Orquevaulx zugeschrieben werden, sind die mehr als 30 Blätter aus Guillaume de Deguilevilles Pèlerinage de la vie humaine (Cambridge, Fitzwilliam Museum (MS 1-2003, Ms.11-2005-1-4; MS 2 -2005.1-29; Panayotova, 2005)). Ihm und seiner Werkstatt wurden 1999 eine weitere Serie von illuminierten Blättern aus einem Stundenbuch zugeschrieben, die einst noch in gebundener Form als komplettes Stundenbuch vorlagen (Christie’s, New York, 1976, Lot 226). Wohl in den Jahren um 1980 wurde das einst prachtvolle Buch leider aufgebrochen, worauf verschiedenste Blätter vereinzelt im amerikanischen Kunsthandel auftauchten (Ferrini 1987). Da im Stundenbuchkalender verschiedene heilige Bischöfe von Metz, Clemens von Metz und Arnulf figurierten und einige Annotationen im Lorraine Dialekt geschrieben sind (Christie’s, Lot 226), kann das inzwischen aufgelöste Manuskript, und damit auch vorliegendes Blatt, in Metz verortet werden. Eine Vielzahl der Blätter des genannten Stundenbuchs gelangte über den Kunsthändler Bruce Ferrini in die Sammlung Jeanne Miles Blackburn, und hiervon ins Cleveland Museum of Art in Cleveland (Fliegel, 1999, S. 37-42, Nr. 29-38). Das vorliegende Blatt, eines der Schönsten dieser Serie, gelangte ebenfalls über Ferrini in Schweizer Besitz. Es stammt aus der der Jungfrau gewidmeten Sequenz des Stundenbuchs und betrifft das letzte Marien Gebet zur Abendstunde. Die korrekte Zuweisung der Blätter dieses aufgebrochenen Stundenbuchs, verdanken wir Stephen N. Fleigel (1999), der die Serie der Jeanne Miles Blackburn Collection der Buchmalerwerkstätte des Henri d’ Orquevaulx zuwies. Diese Attribution ist überzeugend und kann auch für das vorliegende Blatt und eines der Schwesterblätter der Blackburn Sammlung in Cleveland Museum of Art (Christus vor Pilatus) nachgeprüft werden. Dazu kann das Selbstporträt der von ihm signierten der Dekaden des Titus Livius (Günther, 2015) beigezogen werden, wo das stark verkürzte Profil des Selbstbildnisses und das schräg nach unten starrende Augenpaar gleich wie die vergleichsweise etwas harte Zeichnung in völliger Übereinstimmung zu den Figuren unseres Blattes in Erscheinung treten.
Die Zugehörigkeit unseres Blattes zum aufgebrochenen Stundenbuch aus Metz ergibt sich auch durch den Vergleich des Blattes mit Christus vor Herodes der Blackburn Sammlung (Fliegel, 1999, Nr. 33) dessen Bordürenrahmung um das historisierte Bildfeld gleichartig mit Fleuronné Ranken mit darin herauswachsenden goldenen Herz- und Dornblättern und bunten Blüten in Rot und Blau ausgestaltet ist. Der Bildaufbau der beiden Bildminiaturen ist in ähnlicher Manier erfolgt, nämlich durch den Einblick ins Innere einer rosafarbenen Palast- resp. Kirchenarchitektur, in der sich das Geschehen abspielt. Gegenüber den Schwesterstücken zeichnet sich unsere Bildminiatur durch eine grössere Eleganz der figuralen Artikulierung aus, was gerade an der wunderschön gotischen Eleganz der reich und fliessend fallenden Draperiefalten der krönenden Gottheit zu erkennen ist, die in ihrer sicheren Artikulierung der imposante Gestalt eine beachtenswerte plastische Wirkung verleihen. Hier wie auch im verglichenen Blatt dürfte der Meister selbst Hand angelegt haben, während für andere Blätter auch die Mitwirkung der Werkstatt zu erkennen ist. Überhaupt wurde der Marienkrönung, der himmlischen Überhöhung der Jungfrau, innerhalb des Manuskriptes offenbar eine besondere Stellung zugedacht, weshalb man dieses Blatt besonders reich und prunkvoll ausstattete und in der Bas-de Page eine reizende Szene mit zwei Hasen einschob, wo sich einer der Hasen in ein Erdloch verkriecht. Der elegante Erzählstil der Miniaturen die gotische Eleganz wie sie zu Beginn des 15. Jahrhunderts jenseits der Alpen durch die französische Buchmalerei nach Italien zu Künstlern wie Gentile da Fabriano übermittelt wurde lässt eine Stilstufe erkennen, die eine Entstehungszeit um 1420-30 nahe legt. Vorliegendes Blatt ist ein bedeutendes Erzeugnis der höfischen französischen Buchkunst, ihr hoher kunsthistorischer Rang ergibt sich zusätzlich auch aus dem Umstand, dass es von einer der für diese Zeit äussert selten biographisch erfassten Künstler Persönlichkeit stammt.
Für die Schwesterblätter - eine Vielzahl davon heute im Cleveland Museum of Art in Cleveland - verweise ich auf den Versteigerungskatalog von Christie’s, New York, 1976, wo das Stundenbuch (Lot 226) noch gebunden und intakt veräussert wurde.
(Prof. emer. Dr. Gaudenz Freuler, Universität Zürich)

Auf Trägerkarton montiert. Die Miniatur stellenweise schwach berieben (insbesonders mittig auf der Höhe des linken Armes Gottvaters und um dessen Bart), leicht gewellt in den Rändern (ausserhalb der Darstellung) leicht gebräunt. Insgesamt aber in sehr frischer Erhaltung.

Provenienz: Im gebundenen Zustand Jehan de Poncy, ca. 1539 - Bertlett Gurney of Norwich (gest. 1803) -1808 Edward Edwards of Lynn, Norfolk (gest. 1849) und deren Nachkommen - Christie’s, New York, 1976, Lot 226 - danach zu unbekannter Zeit aufgebrochen und 1980er Jahren einzelne Seiten mit Edward R. Lubin, New York und Bruce Ferrini Akron, von ebendiesem angekauft - seit 1996 in Schweizer Privatbesitz.

CHF 8 000 / 12 000

€ 7 020 / 10 530