Lot 3113* - A196 Tableaux du 19e siècle - vendredi, 26. mars 2021, 16h00

CARL GUSTAV CARUS

(Leipzig 1798–1869 Dresden)
Dante, an der "Vita Nuova" arbeitend, mit Blick auf Florenz im Hintergrund (Dante, working on the "Vita Nuova", with a view of Florence in the background).
Oil on canvas.
50 × 40.5 cm (the upper section rounded).

Provenienz:
- Sammlung Leon Nathanson, Dresden, bis 1933.
- Auktion Antiquariat Paul Graupe, Berlin, 19.–20.4.1933, Los 504 (Die Sammlung Leon Nathanson/"Dante an der Vita Nuova arbeitend").
- Auktion Antiquariat J. A. Stargardt, Berlin, 20.–21.10.1933, Los 61 ("Dante an der Vita Nuova arbeitend").
- Sammlung Spitzen-Müller, Dresden.
- Durch Erbfolge an Irmgard Decker (geb. Müller, verstorben 1990), Dresden/später Hannover, bis um 1990.
- Auktion Kastern, Hannover, 28.–29.4.1995, Los 320 (hier als "Paradiso. Beatrice erscheint Dante").
- Galerie Neuse, Bremen.
- Europäischer Privatbesitz.

Ausstellungen:
- Halle an der Saale 2001, König Johann von Sachsen. Zwischen zwei Welten, Schloß Weesenstein, 3.5.–28.10.2001, Nr. 197.
- Dresden und Berlin 2009/10, Carl Gustav Carus, Natur und Idee, Staatliche Kunstsammlungen Dresden und Staatliche Museen zu Berlin, 26.6.–20.9.2009 und 9.10.–10.1.2010, Nr. 114.

Literatur:
- Marianne Prause: Carl Gustav Carus. Leben und Werk, Berlin 1968, S. 96f, Nr. 43 (mit Abb.) (irrtümlicherweise als "Paradiso. Beatrice erscheint Dante", einer Szene aus Dantes "Göttlicher Komödie" betitelt).
- Ausst.-Kat. König Johann von Sachsen. Zwischen zwei Welten, Schloß Weesenstein, Halle an der Saale 2001, S. 163, Nr. 197.
- Ausst.-Kat. Carl Gustav Carus Natur und Idee, Staatliche Kunstsammlungen Dresden und Staatliche Museen zu Berlin, Berlin und Dresden 2009/10, S. 129f, Nr. 197 (mit Farbabb.).

Dieses prächtige und in Pastellfarben gehaltene Gemälde ist ein Meisterwerk des Dresdner Malers, Carl Gustav Carus. Es zeigt die für Carus charakteristische Malweise, die sich an seinem Vorbild und befreundeten Maler Caspar David Friedrich (1774–1840) orientiert und in vorliegendem Gemälde in einer zugleich geistreichen Behandlung des poetischen Vorwurfs Dantes "Vita Nuova" künstlerische Vollendung findet.

Das Gemälde zeigt den Dichter Dante Alighieri (1265–1321), wie er an seiner zwischen 1292 und 1295 in Florenz entstandenen "Vita Nuova" arbeitet, wie sich dem Titel des vor ihm aufgeschlagenen Buchs entnehmen lässt. Hoch über Florenz, mit Blick auf Brunelleschis Domkuppel und das Dorf Fiesole, sitzt er auf einer Terrasse und weist die für ihn charakteristischen Profilzüge und die typische Kopfbedeckung auf. Ein engelsgleiches, geflügeltes Mädchen schwebt direkt vor ihm als Himmelserscheinung und lässt sich als Vision von Beatrice, seiner frühverstorbenen Jugendliebe, verstehen. Noch über ihren Tod hinaus verehrte er sie, wie sich ebenfalls durch ihre Erwähnung in Dantes bekanntem Exilwerk "Divina Commedia" zeigt.

Die Blickführung des Betrachters wird durch das kontrastreiche Lichtspiel geleitet: die Version Beatrice, in einer erleuchteten, fast transparenten Erscheinung schwebt Dante gegenüber, der ihr direkt zugewandt im Gegenlicht sitzt, sie aber nicht anblickt, sondern vertieft seiner Arbeit nachgeht. Beatrice lässt sich hier auch als eine poetische Vision Dantes verstehen.

Bereits zu Lebzeiten galt Carl Gustav Carus durch seine vielseitigen beruflichen Tätigkeiten – er war Arzt, Maler, Naturphilosoph, Psychologe und Schriftsteller – als ein Universalgenie. Seine malerische Entwicklung wurde durch die Landschaftsauffassung Caspar David Friedrichs und die Kunstauffassung Goethes wesentlich geprägt und führte dazu, dass Kompositionen von der nüchternen Naturstudie in einer poetischen Verdichtung der Darstellung resultieren.

Dantes Einfluss und die Auseinandersetzung mit seinem Werk lassen sich als Konstante in Carus Gesamtwerk erkennen. Diese ausgeprägte Beschäftigung rührt wohl durch seine Haupttätigkeit als Mediziner und Leibarzt von König Johann von Sachsen, der unter dem Pseudonym "Philalethes" ("Freund der Wahrheit") die Übersetzung der "Divina Commedia" veröffentlichte und der Carus Grossteils beiwohnte.

Umso mehr erfreut es, dass im 700-jährigen Todesjahr von Dante Alighieri, dem Vater der italienischen Sprache, diese eindrückliche Darstellung Dantes von Carl Gustav Carus wieder auf dem Kunstmarkt angeboten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

CHF 100 000 / 150 000

€ 93 460 / 140 190