
Planetarische Landschaft
Vorschau auf die Auktion Schweizer Kunst vom 26. Juni 2026
Ferdinand Hodlers späte Landschaften gehören zu den radikalsten Bildfindungen der europäischen Moderne. Das 1917 entstandene Gemälde «Sonnenuntergang am Genfersee von Caux aus» führt exemplarisch vor Augen, wie sich der Künstler in seinen letzten Lebensjahren von der konturbetonten Malerei löste und der Farbe die tragende Rolle innerhalb der Komposition übergab.
Hodler selbst beschrieb diese Entwicklung im Oktober 1917 mit überraschender Offenheit: Nicht mehr die Form bestimme die Farbe, vielmehr beginne die Form erst durch die Farbe zu leben. In dieser Einsicht offenbart sich der Schlüssel zu seinem Spätwerk. Warme Rosé-, Blau-, Violett- und Goldtöne durchziehen Himmel und See in fein abgestuften Übergängen. Die Horizonte beginnen zu flimmern, Uferlinien verlieren ihre Festigkeit, und die Grenzen zwischen Wasser, Atmosphäre und Licht scheinen sich beinahe aufzulösen. Alles Anekdotische verschwindet zugunsten eines konzentrierten Bildrhythmus, der den Blick in die Weite zieht und zugleich eine eigentümliche Stille erzeugt.
Die Komposition wirkt monumental und immateriell zugleich. Wie unter einer stillen kosmischen Spannung dehnt sich die Oberfläche des Sees bis an den Rand des Bildes aus. Der Betrachter steht nicht vor einer Ansicht der Natur, sondern vor einer Vision, die Zeit und Raum zu überschreiten scheint.
Ferdinand
Hodler
Sonnenuntergang am Genfersee von Caux aus. 1917.
Öl auf Leinwand. 60 × 80 cm.
Schätzung: CHF 3 000 000/4 500 000
Das Bild entstand in Caux oberhalb des Genfersees, wo Hodler während des Spätsommers 1917 arbeitete. Der erhöhte Blick über Wasser, Ufer und Himmel erinnert an frühere Ansichten aus Chexbres, doch die Darstellung entfernt sich nun vom topographischen Abbild. Der Künstler verdichtet die Landschaft zu einer grossen, atmenden Ordnung. Die Natur erscheint dabei nicht mehr als beschreibbarer Ort, sondern als geistiger Raum.
Für diese letzten Werke prägte Hodler den Begriff der «planetarischen Landschaft». Gemeint ist eine Malerei, die das Sichtbare überschreitet und die der Natur eine universale Ordnung zuweist. Die wiederkehrenden Horizontalen, die Schichtung der Farbflächen und das fast schwerelose Gleichgewicht der Komposition verleihen dem Gemälde eine kosmische Dimension. Damit öffnet Hodler der modernen Malerei den Weg in eine Bildauffassung, die nicht mehr den Gegenstand, sondern Wahrnehmung, Rhythmus und Empfindung ins Zentrumrückt.
Das Werk entstand nur wenige Monate vor Hodlers Tod. Auch deshalb besitzt es eine besondere Eindringlichkeit. Befreit von jeder repräsentativen Geste konzentriert sich der Künstler auf das Wesentliche und entwirft eine Vision von Landschaft, die zugleich Erinnerung, Naturerlebnis und Meditation über Unendlichkeit ist.
WEITERE HIGHLIGHTS
Giovanni
Giacometti
Maloggia inverno. 1927.
Öl auf Leinwand. 23,5 × 24,5 cm.
Schätzung: CHF 50 000/80 000
Giovanni
Giacometti
Annetta und Alberto. Um 1904.
Öl auf Leinwand. 50 × 52 cm.
Schätzung: CHF 300 000/400 000
Giovanni
Giacometti
Mattino d'estate a Maloggia. 1927.
Öl auf Leinwand. 100 × 108 cm.
Schätzung: CHF 200 000/300 000

