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KollerView 2-26

In Gold getauchte Segel


Vorschau auf die Auktion Impressionismus & Moderne vom 26. Juni 2026

In diesem 1906 entstandenen Gemälde von Paul Signac erscheint Venedig nicht als gebaute Stadt, sondern als schimmernde Erscheinung aus Licht und Farbe. Das bewegte Wasser der Lagune durchzieht die Komposition wie ein leiser Puls und trägt den Blick zur Silhouette der Votivkirche Santa Maria della Salute. Die berühmte Doppelkuppel und die beiden Campanili erheben sich in der Ferne, jedoch nicht als klar umrissene Architektur, sondern als vibrierendes Gefüge aus zarten Rosa-, Blau- und Violetttönen. Die Kirche wirkt weniger gebaut als vielmehr im Dunst entstanden.

Für den leidenschaftlichen Segler Paul Signac war dieser Ort ein Übergang zwischen Stadt und Meer, ein «Tor zu Venedig». Im Vordergrund beleben Boote mit leuchtend goldgelben Segeln die Szene. Sie gliedern die Fläche, setzen rhythmische Akzente und verleihen dem Blick auf die Basilika Tiefe. Ihre Präsenz verleiht dem Bild eine heitere Bewegung, die sich über das Wasser hinweg fortsetzt.

Paul
Signac

La Salute (Venise). 1906.
Öl auf Leinwand. 73 × 92 cm.
Schätzung: CHF 2 000 000/3 000 000

Die Komposition folgt einer klaren Ordnung. Pfähle und Boote im Vordergrund, die weit gespannte Wasserfläche in der Mitte und die Architektur im Hintergrund sind durch ein fein abgestimmtes Geflecht aus Farbtupfern miteinander verbunden. Das Wasser erscheint dabei nicht als naturgetreue Wiedergabe, sondern als Ergebnis einer bewussten Gestaltung. Kleine, nebeneinander gesetzte Farbflecken erzeugen eine flirrende Oberfläche, die erst im Auge des Betrachters zu einer Einheit verschmilzt. Signac entwickelte gemeinsam mit Georges Seurat die divisionistische Malweise des Neoimpressionismus. Dabei werden reine Farben nicht gemischt, sondern in enger Nachbarschaft gesetzt, sodass sie ihre Leuchtkraft gegenseitig steigern. Dies wird besonders deutlich im Zusammenspiel der warmen Gelb- und Orangetöne der Segel mit den kühlen Grün- und Blaunuancen des Wassers. Solche fein austarierten Farbkontraste versetzen das Bild im Auge des Betrachters in vibrierende Bewegung. Signac selbst bezeichnete dieses Zerlegen der Töne als Mittel, um «die Kraft und Harmonie der Farbe zu suchen».

Signacs Skizze nach seinem Gemälde «La Salute».
Les Archives Paul Signac.

In seinen Venedig-Darstellungen erreichte Paul Signac um 1904 eine besondere Reife. Seine Pinselstriche wurden grösser und freier, seine Palette heller und transparenter. Die Architektur verliert an Schwere und verwandelt sich in Licht. Im Unterschied zu Claude Monet oder William Turner, die das Wasser als atmosphärischen Raum auffassen, wird es hier zu einer strukturierten Fläche aus Farbe und Rhythmus. Diese Verschiebung markiert einen entscheidenden Schritt in die Moderne, in der Farbe nicht mehr nur beschreibt, sondern selbst zum Träger der Bildidee wird. Signacs Werke dieser Schaffensphase zählen heute zu den Höhepunkten musealer Kollektionen, beispielsweise in der Zürcher Sammlung Bührle, im Toledo Museum of Art in den USA oder in der Neuen Pinakothek in München.

Das vorliegende Werk nimmt eine besondere Stellung in Signacs OEuvre ein. Es war lange nur durch eine Tuscheskizze (vgl. Abb.) bekannt und galt als verschollen. Seine Wiederentdeckung ermöglicht einen neuen Blick auf die Venedig-Serie und unterstreicht, mit welcher Konsequenz Signac seine Wahrnehmung in eine eigenständige Bildordnung überführt hat. Die Tatsache, dass das 1913 in Paris erworbene Gemälde über ein Jahrhundert in Familienbesitz verblieb, verleiht ihm zusätzliche Bedeutung. Heute tritt es erstmals wieder ins Licht der Öffentlichkeit und zeigt eindrucksvoll, wie aus dem flüchtigen Eindruck einer Lagune ein dauerhaftes Bild von überraschender Klarheit und innerer Bewegung entstehen kann.

Jara Koller, Koller Auktionen

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JARA KOLLER

Abteilungsleiterin
Impressionismus & Moderne

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