
Albert Anker:
Seiner Zeit voraus
Vorschau auf die Auktion Schweizer Kunst vom 26. Juni 2026
Vincent van Gogh schrieb 1883 an seinen Bruder Theo: «Lebt Anker noch? Ich denke oft an seine Werke; ich finde sie so meisterhaft und feinfühlig interpretiert. Er mist wahrlich einer der alten Schule …»
Albert Anker wurde oft als Vertreter der «alten Schule» bezeichnet, und dabei nicht immer im bewundernden Ton Van Goghs. Doch wenn man über den ersten Eindruck seiner idealisierten Darstellung des Landlebens hinausblickt, wird die einzigartige Hingabe des Künstlers an eine fortschrittliche und egalitäre Gesellschaft deutlich.
Der Künstler setzte sich sein ganzes Leben lang für die Verbesserung der Lebensumstände der Schweizer Bevölkerung ein und war überzeugt, dass dies bei den jungen Menschen beginnt, insbesondere durch die Verbesserung der Schulbildung. Er arbeitete unermüdlich daran, die Gründung und Verbesserung von Schulen in seinem ländlichen Heimatdorf Ins voranzutreiben. Zudem engagierte er sich für die Chancengleichheit von Mädchen und Jungen.
Albert
Anker
Der kleine Bruder. 1883.
Öl auf Leinwand. 72 × 56,5 cm.
Schätzung: CHF 1 500 000/2 500 000
Dies zeigt sich in «Schreibunterricht II», das zwei junge Mädchen zeigt, die ins Schreiben vertieft sind (Abb. 2). Die Unschuld, mit der Anker diese Szene darstellt, täuscht über die darin enthaltene gegenkulturelle Botschaft hinweg: Um eine bessere Gesellschaft zu schaffen, sollten auch Frauen eine Ausbildung erhalten. Als das Gemälde 1866 auf dem Pariser Salon die Goldmedaille gewann, veröffentlichte eine Schweizer Zeitung eine Abbildung davon mit der Überschrift «Die kleinen Blaustrümpfe». Der Begriff hatte bis zum späten 19. Jahrhundert eine negative Konnotation angenommen und stand für die vermeintliche Sinnlosigkeit der Frauenbildung.
Albert
Anker
Schreibunterricht II. 1865.
Öl auf Leinwand. 51 × 78 cm.
Schätzung: CHF 600 000/900 000
Albert
Anker
Schreibunterricht II. 1865.
Öl auf Leinwand. 51 × 78 cm.
Schätzung: CHF 600 000/900 000
Nicht alle Gemälde Ankers thematisierten soziale Verbesserungen, aber praktisch alle waren eine Form des sozialen Kommentars. Seine Werke feiern Kinder oft einfach in der Freude oder der Intensität des Augenblicks, wie beispielsweise «Der kleine Bruder» (Abb. 1). Mit einem Blick oder einem Ausdruck – in der Tradition barocker Porträtisten wie Rembrandt, Hals und Velázquez – gelingt es Anker, die Seele seiner Modelle zu offenbaren. Das kleine Kind mit den weit aufgerissenen Augen, in denen ein schelmisches Funkeln blitzt, versetzt uns zurück in jene Zeit unseres Lebens, als alles neu und faszinierend war. Der Blick seiner Schwester, zugleich amüsiert und beschützend, spricht Bände und schafft eine Atmosphäre, die eine Momentaufnahme ist und zugleich eine Hommage an die verbindende Kraft familiärer Bande darstellt.
WEITERE HIGHLIGHTS
ROBERT
ZÜND
Am Vierwaldstättersee.
Öl auf Leinwand. 60 × 80 cm.
Schätzung: CHF 80 000/120 000
ALEXANDRE
CALAME
Wetterhorn. 1840.
Öl auf Leinwand. 130 × 98 cm.
Schätzung: CHF 35 000/55 000
ROBERT
ZÜND
Waldlandschaft mit Rehen am Fluss.
Öl auf Leinwand. 61 × 81 cm.
Schätzung: CHF 60 000/100 000

