Sie haben noch kein Login?

Klicken Sie hier um sich zu registrieren »


Wenn Sie bereits registriert sind - Login:




Lot 3017 - A217 Schweizer Kunst - Freitag, 26. Juni 2026, 14.00 Uhr

ALBERT ANKER

(1831 Ins 1910)
Schreibunterricht II. 1865.
Öl auf Leinwand.
Unten rechts signiert und datiert: Anker. 1865.
51 × 78 cm.

Provenienz:
- Adolphe Goupil, Paris, ab 1866.
- Privatbesitz, England.
- Auktion Sotheby's, London, 11.10.1967, Los 161.
- Auktion Christie's, Zürich, 10.4.1995, Los 18.
- Schweizer Privatbesitz, an obiger Auktion erworben.

Ausstellungen:
- Paris 1866, Salon de 1866. 84e exposition officielle depuis l'année 1673, Palais des Champs-Elysées, 1.5.1866, Nr. 28.
- Ins 1985, Albert Anker. Der Maler und sein Werk. Gemäldeausstellung aus Anlass des 75. Todestages, Sporthalle Ins, 23.3.–21.4.1985, Nr. 57.
- Bern und Winterthur 2010/11, Albert Anker. Schöne Welt. Zum 100. Todestag, Kunstmuseum Bern, 7.5.–5.9.2010; Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten, 6.11.2010–6.3.2011, Nr. 60 (verso mit Etikett).

Literatur:
- Rudolf von Effinger von Wildegg: Vortrag an den bernischen Kantonal-Kunstverein gehalten bei der Hauptversammlung vom 11.12.1866, Bern 1866, S. 45.
- Gottfried Kinkel: "Albert Anker", in: Julius Meyer: Allgemeines Künstlerlexikon, Leipzig 1878, Bd. II, S. 72 f.
- John Denison Champlin: Cyclopaedia of painters and paintings, New York und London 1888, Vol. I.
- Friedrich von Boetticher: Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts. Beitrag zur Kunstgeschichte, Dresden 1891, Bd. I, Nr. 7.
- Albert Gessler: "Albert Anker. Der Meister von Ins", in: Die Schweiz, Zürich 1900, Bd. IV, S. 172.
- Albrecht Rytz: Der Berner Maler Albert Anker. Ein Lebensbild, Bern 1911, S. 46 f.
- Albert Anker, Max Huggler und Kunstmuseum Bern: Albert Anker. Katalog der Gemälde und Ölstudien, Bern 1962, Nr. 95 (mit Abb.).
- Sandor Kuthy: "Anker in seiner Zeit", in: Ausst.-Kat. Bern und Winterthur 1981/82, S. 25 (mit Abb.).
- Ausst.-Kat. Albert Anker. Der Maler und sein Werk. Gemäldeausstellung aus Anlass des 75. Todestages, Ins 1985, Nr. 57.
- Sandor Kuthy und Therese Bhattacharya-Stettler: Albert Anker. Werkkatalog der Gemälde und Ölstudien, Basel 1995, S. 91, Nr. 95 (mit Abb.).
- Ausst.-Kat. Albert Anker. Schöne Welt. Zum 100. Todestag, Bern und Winterthur 2010/11, S. 141, Nr. 60 (mit Abb.).

Im Zentrum des künstlerischen Schaffens von Albert Anker steht immer wieder die Darstellung gesellschaftlicher Veränderungen im jungen Schweizer Bundesstaat, insbesondere die zunehmende Bedeutung der Bildung. Die Einführung der obligatorischen Schulbildung im 19. Jahrhundert galt als Ausdruck sozialen Fortschritts und bürgerlicher Verantwortung. Anker selbst setzte sich zeitlebens für die Verbesserung der Lebensumstände der Schweizer Bevölkerung ein und war überzeugt, dass gesellschaftlicher Fortschritt bei den jungen Menschen beginnt – vor allem durch eine bessere Schulbildung. In seinem Heimatdorf Ins engagierte er sich für die Gründung und Verbesserung von Schulen und trat für die Bildungschancen von Mädchen und Jungen ein.

"Schreibunterricht II" zeigt zwei junge Mädchen bei einer Schreibübung. Die konzentrierte Haltung der Figuren und die ruhige Atmosphäre verleihen der Szene eine stille Ernsthaftigkeit. Ohne erzählerische Überhöhung hält Anker einen einfachen Moment des Schulalltags fest und macht ihn zu einem Sinnbild des Lernens. Der Schreibakt erscheint dabei als Zeichen von Entwicklung, Wissenserwerb und Zukunft.

Die Darstellung weiblicher Schülerinnen ist von besonderem Interesse. Zwar erhielten Mädchen im 19. Jahrhundert zunehmend Zugang zur Grundschulbildung, doch blieb ihre Ausbildung weiterhin von gesellschaftlichen Erwartungen und Vorbehalten geprägt. Anker begegnet seinen Figuren mit derselben Aufmerksamkeit und Würde wie in seinen Darstellungen von Knaben und betont damit auf zurückhaltende Weise den allgemeinen Wert der Bildung. Gerade in der scheinbaren Unschuld der Szene liegt eine leise gesellschaftliche Aussage: Auch Mädchen sollen an Bildung teilhaben und damit zur Gestaltung einer besseren Gesellschaft befähigt werden.

Dass diese Haltung keineswegs selbstverständlich war, zeigt die zeitgenössische Rezeption. Als das Gemälde 1866 am Pariser Salon mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde, veröffentlichte eine Schweizer Zeitung eine Abbildung unter der Überschrift "Die kleinen Blaustrümpfe". Der Begriff war im 19. Jahrhundert zunehmend abwertend besetzt und zielte auf die vermeintliche Unangemessenheit oder Nutzlosigkeit weiblicher Bildung. Vor diesem Hintergrund erhält Ankers ruhige Schulszene eine zusätzliche Bedeutung: Sie verbindet alltägliche Beobachtung mit einem stillen Plädoyer für Bildungsgerechtigkeit.

CHF 600 000 / 900 000 | (€ 618 560 / 927 840)

Verkauft für CHF 744 000 (inkl. Aufgeld)