MITTELALTERLICHE SIEGEL:
KLEINE ZEICHEN,
GROSSE BOTSCHAFT
VORSCHAU AUF DIE AUKTION WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS AM 18. SEPTEMBER 2025
DIE SAMMLUNG WIRD ALS EIN LOS VERKAUFT.
Im Wort Siegel steckt der lateinische Begriff sigillum, der für «Bildchen» steht. In der Regel dienen die mit einem Siegelstempel erzeugten Siegel aus Siegellack oder Siegelwachs der physischen Beglaubigung eines Dokuments. Auch zum Versiegeln eines Couverts kommen sie zum Einsatz. Der Siegelabdruck ist eine Art Signatur und somit ein Identitäts- und Echtheitsnachweis für das von ihnen begleitete Dokument. Bereits in der Zeit um 3200 v. Chr. ist die Verwendung von Siegeln und Rollsiegeln belegt. Ob Könige, Bischöfe, Ritter oder Städte – wer Ansehen hatte, besass ein eigenes, unverkennbares Siegel. Die Auswahl der Symbole war nie zufällig, sondern sollte Macht, Recht und Identität auf den ersten Blick sichtbar machen.
R D P FRANCISCI.COMITIS.
PALATINI.VERFIGURA.PORCELINO.
NOBILI.D.GENTE.CREATI
Sigillum Francisci Comitis Palatini VeronensisFigura Porcelinorum Nobili De Gente Creati.
Italien, 17. Jh. Bronze graviert. D 6,3 cm.
In besonderen Fällen steht der künstlerische Wert eines Siegels dem historischen in nichts nach. Viele Siegel zeichnen sich durch eine besondere Präzision in der Ausführung aus: Sie sind fein graviert und klassisch im Relief gestaltet, wirken plastisch und lebendig. Siegelformen sind ebenso vielseitig wie ihre Grössen und reichen von rund, oval und spitzoval bis hin zu schildförmig. Teilweise ist nicht nur eine Vorderseite, sondern auch ein Gegensiegel vorhanden. Siegelmatrizen können aus unterschiedlichen Materialien bestehen. Es gibt Beispiele aus Blei, Bronze, Silber, Elfenbein oder Edelsteinen. Die Darstellungen dienen der (allegorischen) Identifikation ihrer Besitzer.
Siegel waren nicht nur funktionale Rechtsinstrumente, sondern zugleich Ausdruck einer Bildsprache, die allen verständlich war – eine Verbindung aus Recht, Repräsentation und Kunst.
Die Siegelsammlung, die in unserer kommenden Auktion angeboten wird, umfasst 312 Exponate und wird als zusammengehörendes Konvolut versteigert. Der Grossteil davon stammt aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Die umfangreiche Sammlung ist weder auf eine bestimmte Region noch auf einen bestimmten Siegeltyp beschränkt. Es kristallisiert sich jedoch eine Vorliebe für italienische Siegel heraus. Die Sammlung wurde minutiös in einem Begleitdossier fotografiert, inventarisiert und klassifiziert. Gemäss mündlicher Überlieferung wurde die Kollektion vom berühmten österreichisch-italienischen Kunsthistoriker Leo Planiscig (1887–1952) zusammengetragen, ging dann in den 1950/60er-Jahren in Privatbesitz über und kam durch Erbschaft in die heutige Schweizer Privatsammlung. Der in Wien ausgebildete Museumsmann galt als exzellenter Kenner italienischer Skulpturen und beschäftigte sich intensiv mit Kleinbronzen des Quattrocento. Ob das Siegel-Inventar ebenfalls von ihm stammt, ist unbestätigt. Eine handschriftliche Notiz des Erblassers sowie die Präzision und die wissenschaftliche Herangehensweise des Dossiers sprechen jedoch dafür.
IOANES.VENETUS.CAR.
SANCTI.ALIOR–M.ABBATIE.
BALME.COMMDATARE
Ioanes venetus cardinalis sancti (?)abbatiae balme comm(en) datar(ius).
Italien, 15. Jh. Bronze graviert mit
Resten einer Vergoldung. H 7,7 cm.
Die gewählte Klassifikation der Siegel basiert auf deren Funktion, da eine chronologische oder regionale Einteilung zu viele Unsicherheiten bergen würde: Oft ist es schwierig oder gar unmöglich, die Epoche und den Ursprungsort eines Siegels eindeutig zu bestimmen.
Unter den kirchlichen Siegeln, die etwa ein Drittel der Sammlung ausmachen, finden sich historisch und künstlerisch bedeutende Beispiele: ein Kardinalssiegel; fünf Siegel von Bischöfen aus dem 14., 15. und 17. Jahrhundert; das Siegel eines «scriniarius» und das eines «scriptor»; das Siegel der Kirche S. Maria und Theobaldus in Metz sowie verschiedene Kapitelsiegel; eine bedeutende Gruppe von Abtsiegeln und eine weitere von Mönchssiegeln.
+S’ ALESII*TRVLIE*PPOSITI*
SCI*GEORGI*INPALLATIO
Sigillum Alesii TruliePraepositi Sancti Georgii in Pallatio.
Italien, Mailand, 14. Jh.
Bronze graviert und teilvergoldet. H 5,4 cm.
Bei den weltlichen Siegeln ragen zahlreiche singuläre Gemeindesiegel heraus: zwei mit der Inschrift «veronese»; eine Gruppe von Notarialsiegeln sowie Siegel einzelner Personen. Unter diesen besonders erwähnenswert sind das Siegel von Antonio Priuli, Conte Palatino und später Doge von Venedig; weitere von Nicolò Badoero, Podestà von Parenzo; Pietro Alamanni aus dem 16. Jahrhundert; Zanobi di Betto de’ Bardi, aus der Familie Donatellos; Francesco Bembo, venezianischer General vom Ende des 15. Jahrhunderts; Jacques Caron, französischer Architekt desselben Jahrhunderts; Gregorino Fregoso, Sohn von Paolo, Doge der genuesischen Republik; Cante de’ Gabrielli, der Podestà, der über Dantes Verbannung verfügte; Andrea Loredan, venezianischer Admiral; Franceschino Pico della Mirandola; Federico Pio di Carpi; Bernardo Rossi aus Parma sowie ein Siegel von Tommaso Toidini, Podestà von Florenz.
Gerade im 13. und 14. Jahrhundert erreichte die Siegelkunst eine besondere Feinheit. Die winzigen Reliefs zeigen erstaunlich präzise Gesichter, Faltenwürfe oder architektonische Details. Manche Siegel sind so kunstvoll gearbeitet, dass sie heute wie Miniaturen der grossen Kathedralportale wirken. Sie waren nicht nur funktionale Rechtsinstrumente, sondern zugleich Ausdruck einer Bildsprache, die allen verständlich war – eine Verbindung aus Recht, Repräsentation und Kunst. Die bedeutende, wohl von Leo Planiscig angelegte Siegel-Sammlung ist mit der Schøyen Collection vergleichbar, der grössten bekannten Sammlung privater Siegelmatrizen, die im Jahr 2019 in London versteigert wurde.
HERAUSRAGENDE SAMMLUNG
VON 312 SIEGELMATRIZEN
13. Jh.–17. Jh.Überwiegend Italien, teils Frankreich
und Deutschland.
Schätzung:
CHF 350 000 / 700 000

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