Lot 3083 - A190 Gemälde Alter Meister - Freitag, 27. September 2019, 14.00 Uhr

JOHANN RUDOLF BYS

(Chur 1660–1738 Würzburg)
Gegenstücke: Grosse exotische Seeschnecke mit Blumen und Fink / Grosse Jakobsmuschel mit Blumen und Stieglitz. 1694.
Öl auf Leinwand.
Unten links signiert: J. R. Bys fec / unten links signiert und datiert: J. R. Bys fecit 1694.
Je 44,5 × 35 cm.

Provenienz:
- Auktion Sotheby's, London, 6.12.1989, Los 62.
- Privatbesitz.
- Galerie Neuse, Bremen.
- Privatbesitz.
- Auktion Koller, Zürich, 10.9.1998, Los 28.
- Schweizer Privatbesitz.

Ausstellungen:
- Dialog mit Alten Meistern, Prager Kabinettmalerei 1690–1750, Herzog-Anton-Ulrich-Museum, Braunschweig, 5.6.–17.8.1997.
- Prazska Kabinetni Malba 1690–1750, Prag 1997, Nr. 95 und 96.

Literatur:
Bernd M. Mayer: Johann Rudolf Bys, Studien zu Leben und Werk, München 1994, Kat. Nr. G61 und G62, S. 216–217, Abb. 54–55.

Aus der Öffnung einer prächtig geschwungenen Seeschnecke ragen eine Fülle an Blüten, darunter Rosen, Nelken, Winden und eine Tulpe. Oben in der Mitte sitzt auf einem Blumenstängel ein Fink, zwischen den Blumen haben sich ein Schmetterling, eine Fliege und mehrere Raupen niedergelassen. Zu der seltenen Komposition gehört ein Gegenstück mit einer aufrecht gestellten, kreisrunden Jakobsmuschel, deren Rand oben ausladend gezackt ist und unten volutenartig zu einer Art Schale ausschwingt. Von unten türmen sich Nelken, Narzissen, Akeleien, ein Klatschmohn, eine Tulpe und andere Blumen bis zur Muschelmitte. Ein auf einem Zweig sitzender Stieglitz beäugt einen Schmetterling. Während beim Pendant die Muschel unter der Menge der Blumen fast verschwindet, wirkt diese Komposition durch die reduzierte Anzahl an Stilllebenelementen kompakter.

Mit den dominanten Muscheln, die in ihren Ornamenten beinahe wie barocke Stukkoarbeiten wirken, dokumentieren die hier angebotenen Gemälde die Faszination der damaligen Gesellschaft an exotischen Tieren und Muscheln, wie sie an den Höfen zu bestaunen waren, insbesondere in Prag seit der unter Rudolph II. (1552–1612) begründeten Tradition der Kunstkammern und Zoologischen Gärten. So steht bei diesen Muschelstillleben trotz des mit den Insekten verbundenen Vanitas-Gedankens der dekorative Aspekt im Vordergrund.

Der Bedarf nach kleinformatigen Blumenstillleben war im Prag des ausgehenden 17. Jahrhunderts stark wachsend. Der aus Solothurn stammende Johann Rudolf Bys, der sich nach mehreren Studienreisen in Deutschland, England, den Niederlanden und Italien, um 1689 in Prag niederliess, führte das Genre der dekorativen Kleinmalerei auf dem dortigen Markt ein. Tatsächlich bot sich dem Schweizer Künstler aufgrund einer vom einheimischen Kunstmarkt nicht zu denkenden Nachfrage des prosperierenden Adels und der Kirche nach repräsentativer Ausstattung von Palästen und Kirchen ein fruchtbares Wirkungsfeld. Dabei gehören die zwei hier angebotenen Muschelstillleben zu Bys‘ frühesten Beispiele von Pendants. Die Hängung der Gemälde unter dem Aspekt der Symmetrie, die sich schon Ende des 17. Jahrhunderts am Hofe des französischen Königs Ludwig XIV. durchgesetzt hatte, war ab circa 1690 in Prag üblich geworden und setzte sich nach der Jahrhundertwende durch. Kleinformatige Blumenstillleben wurden gemäss den Prinzipien der flächendeckenden Hängung „à la mode française“ zwischen grossformatigen Gemälden platziert, sodass eine flächendeckende Bildinstallation an der Wand entstand. Das Prinzip der Symmetrie verstärkte die repräsentative Wirkung des gesamten Arrangements.

Als „hochangesehener Kunstmaler“, wie ihn eine Urkunde aus dem Jahre 1699 bezeichnet, schuf Bys in den 1690er Jahren nicht nur Blumensträusse in Vasen nach dem Muster Roelant Saverys (1576–1639), sondern komponierte eigenständige, teilweise sehr ungewöhnliche Arrangements, wie beispielsweise eine Kinderbüste in blumengeschmückter Nische, die sich heute in der Deutschen Barockgalerie in Augsburg befindet (Inv. Nr. L713, Öl auf Holz, 45 x 32 cm). Seine an den Niederländern geschulte Stilllebenmalerei begründete eine böhmische Tradition, die über seinen Schüler Johann Adalbert Angermayer (1674–1740) und dessen Nachfolger Kaspar Johann Hirschely (1695–1743) fortwirkte.

CHF 60 000 / 100 000

€ 52 630 / 87 720

Verkauft für CHF 171 100 (inkl. Aufgeld)
Angaben ohne Gewähr

Rekordpreis