Sie haben noch kein Login?

Klicken Sie hier um sich zu registrieren »


Wenn Sie bereits registriert sind - Login:




Lot 1116 - A212 Decorative Arts - Donnerstag, 27. März 2025, 13.30 Uhr

EINTÜRIGER PRUNKSCHRANK AUS DER EHEMALIGEN SAMMLUNG VON WALTHER RATHENAU

Barock, Deutschland, wohl Berlin, 1. Drittel 18. Jh. Dem Umkreis Martin Böhme zuschreibbar.
Birkenmaser und Nussbaum sowie graviertes Messing reich und fein eingelegt in Form von Blattranken, Bandelwerk, Muschel, Filets sowie bekrönter Kartusche. Leicht trapezförmiger Korpus mit gekröpftem, kanneliertem und profiliertem vorragendem Kranz auf ausgeschnittener Zarge und geschweiften Beinen mit Volutenfüssen. Die vier Ecken mit Pilastern und geschnitzten korinthischen Kapitellen, die vorderen schräggestellt. Front mit geschweifter Türe. Die Seitenwandungen bombiert. Messingprofilleisten. Eisenschloss mit einem Schlüssel. Innen mit blauer Seide ausgeschlagen.
Ca. 133 × 77 × 234 cm.

Provenienz:
- Rudolph Lepke's Kunst-Auctions-Haus, Berlin: Antiquitäten und Gemälde aus der Sammlung Wilhelm Itzinger, Berlin, 21.4.1903, Lot 70 (mit Abb.).
- Sammlung Walther Rathenau (1867–1922), Berlin, wohl an obiger Auktion erworben.
- durch Erbschaft durch dessen Mutter und Schwester, Edith Andreae, als Schenkung in die Rathenau Stiftung, Berlin-Grunewald 1933.
- nach der NS-Machtergreifung zurück in den Besitz von Edith und Fritz Andreae, wohl Kronberger Strasse 6 in Berlin-Grunewald.
- durch Emigration von Edith und Fritz Andreae in die Schweiz, ab Mai 1939.
- wohl durch Erbschaft im gleichen Familienbesitz (gem. Sotheby's).
- Auktion Sotheby's Zürich, 10.12.1996, Lot 310 (dort beschrieben als "hochbedeutender königlicher Prunkschrank").
- bedeutender Schweizer Privatbesitz, an obiger Auktion erworben.

Literatur:
Max Osborn: Moderne Bauformen. Das Haus Walther Rathenau in Berlin-Grunewald. In: Monatshefte für Architektur und Raumkunst. November 1912, S. 473 (mit Abb.).

Wenige fehlende Teile an Marketerie sowie kleinere Fehlstellen. Restaurierungen und kleine Ergänzungen. Unterteil sowie Rückwand im 19. Jh. ergänzt.

Interessanterweise ist unser Schrank auf einem Foto aus dem Monatsheft "Moderne Bauformen" aus dem Jahr 1912 abgebildet. Das Foto entstand in der Villa von Walther Rathenau in Berlin-Grunewald und zeigt den Schrank im damaligen Salon des Erdgeschosses. Walther Rathenau (1867–1922) war ein deutscher Industrieller, Politiker, Denker und Kunstkenner mit jüdischen Wurzeln. 1912 wurde Rathenau zum Vorsitzenden des AEG-Aufsichtsrates gewählt. Er spielte nicht zuletzt als Parteiangehöriger der linksliberalen DDP und ab Februar 1922 als Aussenminister eine bedeutende Rolle während der Weimarer Republik. Am 24. Juni 1922 wurde Rathenau Opfer eines antisemitisch und rechtspolitisch motivierten Mordattentates.

Dieser aus Walther Rathenaus privater Kunstsammlung stammende Schrank besticht durch seine einzigartige Erscheinung. Den Schrank hat Rathenau wohl in einer Auktion bei Rudolph Lepke in Berlin erworben, als der Nachlass vom Bankier und Kunstsammler Wilhelm Itzinger (Lebensdaten unbekannt) 1903 in Berlin versteigert wurde. Die sonderbare Form mit nur einer Tür, der gedrungene Sockel auf kurzen Volutenfüssen und die qualitativ hochstehenden Messingeinlagen, welche an die französische Boulle-Technik erinnern, suchen in der deutschen Möbelkunst des 18. Jh. ihresgleichen. In der Katalogbeschreibung von Sotheby’s Zürich (10.12.1996, Lot 310) wird basierend auf dem Einsatz der Messingeinlagen der Berliner Hofschreiner Martin Böhme als Urheber dieses Schranks vermutet. Böhme stammte aus Eisleben und erwarb 1723 das Berliner Bürgerrecht. Als Hoftischler der Königin Sophie Dorothea stattete er u. a. das Schloss Monbijou aus. Die bekrönte Wappenkartusche deutet laut Sotheby’s auf eine wohlmöglich königliche Auftragsarbeit, wobei aufgrund der Absenz eines Monogramms oder Wappens dies im Bereich der Spekulation bleibt. Die Einlegearbeiten unseres Schrankes orientieren sich wohl auch an englischen Vorbildern eines Thomas Potters, wobei eine direkte Verbindung schwierig herzustellen ist.

Die Qualität wie auch die Ästhetik der verschiedenen Hölzer kommen durch die feinen aber teils auch grossflächigen Filets-Einlagen zur Geltung. Diese Verwendung der Hölzer in Kombination mit den eingelegten feinziselierten Messingornamenten, die bekrönte Messingkartusche sowie die korinthischen Kapitelle zitieren des Weiteren Carl Maximilian Matterns Arbeiten (Vgl. Hans-Peter Treschel/Wolf-Christian von der Mülbe: Meisterwerke fränkischer Möbelkunst. Carl Maximilian Mattern, Würzburg 1982).


CHF 10 000 / 15 000 | (€ 10 310 / 15 460)

Verkauft für CHF 15 000 (inkl. Aufgeld)