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Cycladic Islands map

DAS «KLEINE JUWEL»
VON DEN KYKLADEN


VORSCHAU AUF DIE AUKTION WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS AM 18. SEPTEMBER 2025

Nur wenige andere frühgeschichtliche Artefakte üben auf moderne Betrachterinnen und Betrachter eine solche Faszination aus wie die Marmoridole der kykladischen Kulturen. Sie gehören zu den erstaunlichsten und zugleich mysteriösesten Artefakten der Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit. Benannt sind diese Figuren nach ihrem Fundort, den Kykladen-Inseln der griechischen Ägäis. Die ältesten dieser meist als Grabbeigaben verwendeten Schöpfungen werden in die Zeit um 5000 v. Chr. datiert, der künstlerische Höhepunkt wird um 2500 v. Chr. während der frühkykladischen II. Periode der Keros-Syros-Kultur erreicht, ca. 2700–2400/2300 v. Chr.

GANZFIGURIGES
KYKLADENIDOL

Frühkykladisch, früher Spedos-Typ,
ca. 2600–2500 v. Chr. 
Weisser Marmor. H 17,8 cm, B 5,5 cm.
Schätzung: CHF 180 000 / 250 000
Cycladic Idol

Die überwiegend weiblichen Figuren zeichnen sich durch ihre archaische Reduktion auf einfache menschliche Körperformen sowie durch ihre Abstraktion und Stilisierung aus. Beim Betrachten dieser Figuren stellt sich ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Sublimität ein. In ihrem vermeintlichen Minimalismus besitzen sie eine unbändige Strahlkraft und Präsenz. Dass dieser minimalistisch anmutende Charakter sich bei näherer Analyse jedoch als Trugbild herausstellt, erstaunt umso mehr. Pigmentreste zeugen nämlich von einer lebhaften Polychromie, wie man sie sich bei den späteren hellenistischen Skulpturen vorstellen muss.

Das vorliegende Kykladenidol, das erstmals im Jahr 1960 publiziert wurde, zeigt auf beeindruckende Weise Stilmerkmale, die dem sogenannten Karo-Skulpteur zugeschrieben werden. Der Konventionsname geht auf Patricia Getz-Preziosi zurück, die seit den 1970er-Jahren als Koryphäe auf dem Gebiet der Kykladenidol-Forschung gilt. Dem Karo-Skulpteur wird ein kleinerer Werkkorpus von stilistisch vergleichbaren frühkykladischen Marmoridolen des frühen Spedos-Typs zugewiesen. Getz-Preziosi unterscheidet innerhalb der frühen Spedos-Variante zwei Grundtypen: Stil A und Stil B. Vereinfacht gesagt zeichnet sich Stil A durch kräftig geschwungene Formen und gewölbte Konturen aus, wohingegen Stücke des Stils B linearer und kantiger wirken. Unser Exemplar mit seinen deutlichen Kurven, seiner Kompaktheit und seiner sanften Volumetrie reiht sich demzufolge in die Stilgruppe A ein.

Cycladic idol. Koller Auctions.

Beim Betrachten dieser Figuren stellt sich ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Sublimität ein.


Die typologische und chronologische
Entwicklung der kykladischen Skulptur.
Aus: Early Cycladic Sculpture, An Introduction.
Patricia Getz-Preziosi.
The J. Paul Getty Museum,
Malibu, California, 1994.
Evolution of Cycladic Figures

In einem uns vorliegenden undatierten Schreiben plädiert Getz-Preziosi bei unserer Figur für eine Zuschreibung an den Karo-Skulpteur. Obwohl unser Idol mit einer Höhe von 17,8 Zentimetern das zweitkleinste Objekt ist, das diesem Bildhauer zugewiesen wurde, untermauern die für ihn typischen Stilmerkmale eine solche Zuschreibung. Typisch sind die Gesichtsphysiognomie mit dem ellipsoiden Kinn und die hoch angesetzte Nase. Auch die ebenfalls kompakten Torso-Bereiche und eine ähnliche Ausarbeitung der Bauchfalten halten einem Vergleich zu anderen bildhauerischen Arbeiten stand. Ebenso weisen die auffällig lange Durchbrechung unterhalb der Knie und die erhöhten, vom Torso wegstehenden Füsse auf eine Verwandtschaft mit dem Schaffen des Karo-Skulpteurs hin.

Sir Jacob Epstein with 'Primaeval Gods', 1933

SIR JACOB EPSTEIN

Mit seinem monumentalen Relief «Primeval Gods», 1933.
Fotograf: James Jarché
© Ben Uri Gallery and Museum

Das vorliegende Kykladenidol stellt auch wegen seiner namhaften Provenienz ein Glücksfall für Sammlerinnen und Sammler dar. Es gilt als gesichert, dass das Idol einst Teil der Privatsammlung des Bildhauers Jacob Epstein (New York 1880 – 1959 London) war. Epstein war eine zentrale Figur des Londoner Kunstbetriebs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vor allem als Sammler trug er wesentlich dazu bei, indigene bzw. «exotische» Kunst aus Afrika, Amerika und Ozeanien im westlichen Kunstbetrieb sichtbarer zu machen. Geboren als Sohn osteuropäisch-jüdischer Einwanderer, studierte Epstein Malerei und Bildhauerei in New York und in Paris an der Académie Julian und der École des Beaux-Arts, bevor er sich 1905 dauerhaft in London niederliess. 1954 wurde er zum Ritter geschlagen. Das Interesse für frühgriechische Werke entdeckte er bei seinen Besuchen im Louvre bzw. ab 1905 im British Museum, wo er sich intensiv mit den Elgin Marbles sowie mit griechischen, ägyptischen, afrikanischen und polynesischen Skulpturen beschäftigte.

Andy Warhol. Carlo Monzino.

ANDY WARHOL

Carlo Monzino. 1975.
Serigrafie und Acryl auf Leinwand.
© The Andy Warhol Foundation
for the Visual Arts, Inc. / 2025 ProLitteris, Zurich

Nach Jacob Epsteins Tod erwarb der italienische Connaisseur Carlo Monzino (1933–1996) in den 1960er-Jahren einen Grossteil der Sammlung, darunter auch unser Idol. Monzino wiederum zog in den späten 1960er-Jahren nach Castagnola im Tessin. Die Sammeltätigkeit des Italieners überschnitt sich mit der Jacob Epsteins. Über vierzig Jahre lang trug er hochqualitative Stammeskunst sowie zeitgenössische Nachkriegskunst zusammen.

Trotz seiner geringen Grösse und der subtilen Unterschiede gehört das vorliegende Kykladenidol des Karo-Meisters mit seinem feinen Erscheinungsbild und der langen Kerbe der Beinschneise offenbar zu einer fortgeschrittenen Phase in der stilistischen Entwicklung des Bildhauers, der üblicherweise in grösserem Massstab arbeitete. Patricia Getz-Preziosi nennt unser Exemplar deshalb auch ein «kleines Juwel» innerhalb des Karo-Œuvres.

Cycladic Idol

GROSSES KYKLADENIDOL

Frühkykladisch, Spedos-Typ,
ca. 2500–2400 v. Chr.
Dem Goulandris-Meister zugeschrieben.
Marmor. H 42,6 cm.
Verkauft bei Koller Auktionen
für CHF 620 000 im März 2025.
Stephan Koller, Koller Auctions

KONTAKT FÜR
INFORMATIONEN UND
EINLIEFERUNGEN:


STEPHAN KOLLER

Abteilungsleiter
Works of Art & Decorative Arts

skoller@kollerauktionen.com
+41 44 445 63 41