ALLTAG IM AUSNAHMEZUSTAND
ANDERS ALS VIELE SEINER US-AMERIKANISCHEN ZEITGENOSSEN NUTZT GNOLI POPELEMENTE NICHT ZUR KONSUMKRITIK, SONDERN ZUR STILLEN REFLEXION ÜBER DAS WESEN DER DINGE.
Domenico Gnoli zählt zu den originellsten Künstlerpersönlichkeiten der italienischen Nachkriegszeit. Seine Karriere begann im Spannungsfeld zwischen Illustration, Theater und Malerei, doch in den 1960er-Jahren fand er zu einer Bildsprache, die ihn zu einem Solitär der modernen Kunst machte. In seinen Gemälden verwandelt er Alltagsgegenstände in Bildwelten von poetischer Prägnanz und rätselhafter Tiefe.
Gnolis zeichnerisches Talent wird früh gefördert. Er studiert in Rom und London und arbeitet Anfang der 1950er-Jahre als Bühnenbildner und Illustrator für renommierte Zeitschriften wie Vogue, Harper’s Bazaar oder The New Yorker. Mitte der Fünfziger vollzieht sich ein grundlegender Wandel: Gnoli wendet sich von der angewandten Kunst ab und der freien Malerei zu. In den 1960ern entwickelt er eine unverwechselbare Bildsprache, die auf der extremen Vergrösserung und Isolierung von Motiven basiert – Kleidungsstücke, Stoffe, Haare, Möbelstücke – immer fragmentarisch, menschenleer und zugleich zutiefst menschlich.
DOMENICO
GNOLI
Zipper no. 2. 1968.Acryl und Sand auf Leinwand.
195 × 89 cm.
Schätzung:
CHF 1 000 000 / 1 500 000
Ein herausragendes Beispiel dieser Phase ist «Zipper no. 2» von 1968 aus unserer Juni-Auktion. Der übergross dargestellte Reissverschluss verliert in der extremen Nahsicht jede narrative Funktion. Stattdessen wird das vermeintlich nebensächliche Detail zum dominanten Bildgegenstand, formal präzise und skulptural inszeniert. Die Zähne des Verschlusses erinnern an architektonische Module, rhythmisch gegliedert, fast monumental. Gnoli interessiert sich hier nicht für Mode oder Funktion, sondern für das visuelle und metaphorische Potenzial des Motivs: der Reissverschluss als Grenze, als Verbindung, als Spannungselement zwischen Enthüllen und Verbergen.
Charakteristisch für Gnolis Technik ist die Verwendung von Acrylfarbe, der er Sand beimischt. Die so entstehenden Bildoberflächen haben eine reliefartige, fast haptische Qualität. Seine Farbpalette ist zurückhaltend, es dominieren Erd- und Beigetöne, die die Konzentration auf Form, Fläche und Rhythmus verstärken. Anders als viele seiner US-amerikanischen Zeitgenossen nutzt Gnoli Popelemente nicht zur Konsumkritik, sondern zur stillen Reflexion über das Wesen der Dinge. Seine Kunst bleibt leise, subtil, auf eigentümliche Weise existenziell. Domenico Gnoli bleibt ein Künstler zwischen den Welten: zwischen Illustration und Malerei, zwischen Surrealismus und Pop, zwischen Europa und Amerika. «Zipper no. 2» steht sinnbildlich für das, was sein Werk ausmacht: die Verwandlung des Unscheinbaren in ein universelles Bild.
Gnoli auf seiner Terrasse in S’Estaca mit «Zipper no. 2», 1968.
© Domenico Gnoli Archives Mallorca, Sa Bassa Blanca Museum, Alcudia
Ausstellung in der Sidney Janis Gallery, 1969.
© Domenico Gnoli Archives Mallorca, Sa Bassa Blanca Museum, Alcudia
Skizze von Domenico Gnoli, 1968.
© Domenico Gnoli Archives Mallorca, Sa Bassa Blanca Museum, Alcudia
EIN EINFACHER REISSVERSCHLUSS – DOMENICO GNOLI
Gnoli verwandelt Alltägliches ins Rätselhafte.
Das Gemälde «Zipper no 2» lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf die Funktion, sondern auf die metaphorische Dimension des Reissverschlusses: Auf das Öffnen und Schliessen, den Zugang und die Verhüllung, auf Intimität und Distanz.



