ERDE, WASSER, LUFT
UM 1890 WAR HODLERS KUNST TEIL EINES DISKURSES, DER DIE LANDSCHAFT NICHT MEHR NUR ALS ABBILD DER ÄUSSEREN WELT VERSTAND.
Als sich die Malerei im ausgehenden 19. Jahrhundert zwischen Naturalismus, Symbolismus und Jugendstil neu orientierte, entwickelte Ferdinand Hodler einen Stil, der für die Schweiz identitätsstiftend war, aber auch international als Wegbereiter einer modernen Bildauffassung wahrgenommen wurde. Hodlers Landschaftsbilder verbanden die kontemplative Tiefe des Symbolismus mit einer reduzierten, formal bewussten Bildsprache, die auf die kommende Abstraktion hinwies. Um 1890 war seine Kunst Teil eines Diskurses, der die Landschaft nicht mehr nur als Abbild der äusseren Welt verstand, sondern als Projektionsfläche innerer Ordnung, künstlerischer Autonomie und spiritueller Erfahrung.
FERDINAND
HODLER
Der Salève im Herbst. Um 1891.Öl auf Leinwand.
70,5 × 50,5 cm.
Schätzung:
CHF 800 000 / 1 400 000
Hodler zeigt den Mont Salève, einen nur wenige Kilometer von Genf entfernten Bergrücken in den Savoyer Voralpen. Im Streiflicht wirkt die steile, kahle Felswand besonders plastisch. Hodler arrangiert eine weite Perspektive: Während man von unten auf den Felsen blickt, sieht man den Fluss im Vordergrund fast von oben. Das grünblaue Wasser findet sein kräftiges Pendant in den Rottönen des Herbstlaubs an den Berghängen; der Fels schimmert in komplementären Gelb- und Violetttönen. Diese kontrastreichen Farbklänge sind typisch für Hodlers Schaffen nach 1890 und vielleicht auch von Ausstellungen beeinflusst, die der Künstler damals in Paris besuchte. «Salève im Herbst» wurde vielfach ausgestellt, unter anderem 2004 in Genf und Zürich.
FERDINAND
HODLER
Strasse von Onex. Um 1890.Öl auf Leinwand.
35 × 26,5 cm.
Schätzung:
CHF 120 000 / 180 000
Ebenfalls nahe bei Genf liegt die Schweizer Ortschaft Onex; die dorthin führende Strasse machte Ferdinand Hodler mehrfach zum Sujet seiner Bilder. Die Reihe junger, in Blüte stehender Kastanienbäumchen wird zum zentralen Motiv, die Strasse selbst lenkt den Blick in «perspektivischer Progression» zum Horizont. Dort erheben sich die Alpenmassive, die sich jedoch im blauen Dunst kaum vom Himmel abheben. In Hodlers Skizzenheften der Zeit um 1890 finden sich etliche vergleichbare Ansichten, die ebenfalls auf symbolische Wirkung abzielten. Hodler beginnt in diesen Jahren, seinen Bildkompositionen durch Parallelen und Symmetrien, Wiederholungen und Spiegelungen neue Strukturen zu geben, um so die «Einheit des Bildganzen» zu stärken.









