Lot 3462 - A215 Post-War & Contemporary - Donnerstag, 27. November 2025, 14.00 Uhr
WIFREDO LAM
(Sagua la Grande 1902–1982 Paris)
Ohne Titel. 1942.
Öl auf Papier, fest aufgelegt auf Leinwand.
Unten rechts signiert und datiert: Wifredo Lam 1942.
100 × 79 cm.
Gutachten:
Provenienz:
- Galerie Tornabuoni Art, Paris/Crans-Montana.
- Privatsammlung Schweiz, in obiger Galerie 2011 erworben.
Literatur:
Wifredo Óscar de la Concepción Lam y Castilla wird 1902 in Sagua la Grande, Kuba, geboren. Als achtes Kind des aus Kanton stammenden chinesischen Immigranten Yam Lam und der aus einer afro-hispanischen Familie hervorgegangenen Ana Serafina Castilla wächst Lam in einem kulturell vielschichtigen Milieu auf. Schon früh ist er eingebunden in eine lebendige Welt mit volkstümlichen Traditionen.
Im Jahr 1916 verlegt Lam seinen Wohnsitz nach Havanna. Zwei Jahre später beginnt er sein Studium an der angesehenen Academia de San Alejandro, wo er sich der Malerei und der Bildhauerei widmet. Die akademische Ausbildung vermittelt ihm ein solides technisches Rüstzeug, doch empfindet er bald eine Einschränkung durch die rigiden Lehrinhalte. In traditioneller Manier übt er sich in Komposition, Porträtkunst, Stillleben und Landschaftsdarstellung, doch bleibt seine künstlerische Sehnsucht nach Ausdruck und Transformation ungestillt.
Ein Stipendium ermöglicht ihm 1923 die Reise nach Spanien. In Madrid arbeitet er im Atelier von Fernando Alvarez de Sotomayor und findet zugleich Anschluss an das geistige Umfeld der spanischen Avantgarde. Inspiriert von den Alten Meistern, insbesondere Velazquez, Goya, Bosch und Brueghel, vertieft er sich nicht nur in deren Techniken, sondern öffnet sich zunehmend auch der Ausdruckskraft des Primitivismus, dessen archaische Formensprache und spirituelle Tiefe ihn besonders faszinieren.
1938 zieht Lam nach Paris und tritt dort in Verbindung mit Pablo Picasso sowie Vertretern des Surrealismus, Kubismus und anderer Strömungen der Moderne. Diese Begegnungen erweitern sein Verständnis von Materialität, formaler Auflösung und symbolischer Verdichtung. Impulse, die in seinem Werk bald sichtbaren Niederschlag finden.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gelangt Lam über Marseille und Martinique in seine kubanische Heimat zurück. Die Rückkehr 1941/42 markiert eine Zäsur: In der Konfrontation mit der tropischen Natur, den rituellen Praktiken und den afro-karibischen Wurzeln entwickelt er eine eigenständige Bildsprache. Die Synthese aus europäischer Avantgarde, der geistigen Welt der Santeria und den Mythen seiner Herkunft führt zur Entstehung eines einzigartigen Kosmos.
Das vorliegende Werk aus den frühen 1940er-Jahren stellt ein kunsthistorisch bedeutsames Beispiel seines Schaffens dar. Besonders nach seiner Rückkehr nach Kuba widmet sich Lam verstärkt der menschlichen Figur. Nicht mehr im Sinne akademischer Ähnlichkeitsstudien, sondern als Trägerin innerer Kräfte, mythischer Archetypen und kultureller Überlagerungen. Die Porträts dieser Zeit zeugen von seiner Auseinandersetzung mit der Frage, wie Identität unter kolonialen Bedingungen überhaupt darstellbar ist. An Stelle von psychologischer Tiefe, tritt spirituelle Vielschichtigkeit auf. Das Porträt wird zum Ort des Widerstands gegen westliche Vorstellungen von Individualität und Subjektivität.
Stilistisch nähert sich Lam in den 1940er-Jahren dem Kubismus. In der Fragmentierung der Körperformen und in der Auflösung des Einzelkörpers zugunsten rhythmischer Strukturen erkennen wir in dem vorliegenden Gemälde ein Porträt: frontal dargestellt, mit durchdringendem Blick, zugleich erhaben und entrückt. Die hervortretenden Körpermerkmale und die Betonung des langen, dunklen Haares lassen die dargestellte Figur weiblich erscheinen. Die Körperfragmente nehmen die gesamte Bildfläche ein.
Ein klassisches kubistisches Porträt oder doch die Darstellung einer Maske, eines Totems? Ein Mensch oder die Verwandlung in einen Vogel? Durch die surrealistische Methode der Assoziation und der Traumlogik lässt der Künstler mehrere Seinszustände ineinander übergehen. Die Porträtierte entzieht sich einer eindeutigen Identifikation; sie bewegt sich zwischen Mensch und Metapher. Lam verwandelt die Dargestellte in eine spirituelle Ikone einer hybridisierten Welt.
In diesen Jahren arbeitet Wifredo Lam mit einfachen Mitteln: Er verwendet Altpapier als Bildträger, Ölkreide, Ölfarbe, Gouache oder deckende Wasserfarben, die sich durch hohe Pigmentdichte und matte Oberflächenwirkung auszeichnen. Die fragile Zartheit des Papiers trifft auf die Beständigkeit der Leinwand. Hinzu steht das Flüchtige des zeichnerischen Duktus im spannungsvollen Kontrast zur statischen Architektur des Bildaufbaus.
In den folgenden Jahrzehnten bewegt sich Lam zwischen Kuba, den Vereinigten Staaten und Europa. Er erweitert sein künstlerisches Spektrum über die Malerei hinaus und experimentiert mit Druckgrafik, Keramik und plastischen Formen. Persönliche Verluste und nomadische Lebensphasen prägen seine Biografie ebenso wie die unermüdliche Suche nach neuen Ausdrucksweisen. Wifredo Lam stirbt 1982 in Paris.
Im Jahr 1916 verlegt Lam seinen Wohnsitz nach Havanna. Zwei Jahre später beginnt er sein Studium an der angesehenen Academia de San Alejandro, wo er sich der Malerei und der Bildhauerei widmet. Die akademische Ausbildung vermittelt ihm ein solides technisches Rüstzeug, doch empfindet er bald eine Einschränkung durch die rigiden Lehrinhalte. In traditioneller Manier übt er sich in Komposition, Porträtkunst, Stillleben und Landschaftsdarstellung, doch bleibt seine künstlerische Sehnsucht nach Ausdruck und Transformation ungestillt.
Ein Stipendium ermöglicht ihm 1923 die Reise nach Spanien. In Madrid arbeitet er im Atelier von Fernando Alvarez de Sotomayor und findet zugleich Anschluss an das geistige Umfeld der spanischen Avantgarde. Inspiriert von den Alten Meistern, insbesondere Velazquez, Goya, Bosch und Brueghel, vertieft er sich nicht nur in deren Techniken, sondern öffnet sich zunehmend auch der Ausdruckskraft des Primitivismus, dessen archaische Formensprache und spirituelle Tiefe ihn besonders faszinieren.
1938 zieht Lam nach Paris und tritt dort in Verbindung mit Pablo Picasso sowie Vertretern des Surrealismus, Kubismus und anderer Strömungen der Moderne. Diese Begegnungen erweitern sein Verständnis von Materialität, formaler Auflösung und symbolischer Verdichtung. Impulse, die in seinem Werk bald sichtbaren Niederschlag finden.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gelangt Lam über Marseille und Martinique in seine kubanische Heimat zurück. Die Rückkehr 1941/42 markiert eine Zäsur: In der Konfrontation mit der tropischen Natur, den rituellen Praktiken und den afro-karibischen Wurzeln entwickelt er eine eigenständige Bildsprache. Die Synthese aus europäischer Avantgarde, der geistigen Welt der Santeria und den Mythen seiner Herkunft führt zur Entstehung eines einzigartigen Kosmos.
Das vorliegende Werk aus den frühen 1940er-Jahren stellt ein kunsthistorisch bedeutsames Beispiel seines Schaffens dar. Besonders nach seiner Rückkehr nach Kuba widmet sich Lam verstärkt der menschlichen Figur. Nicht mehr im Sinne akademischer Ähnlichkeitsstudien, sondern als Trägerin innerer Kräfte, mythischer Archetypen und kultureller Überlagerungen. Die Porträts dieser Zeit zeugen von seiner Auseinandersetzung mit der Frage, wie Identität unter kolonialen Bedingungen überhaupt darstellbar ist. An Stelle von psychologischer Tiefe, tritt spirituelle Vielschichtigkeit auf. Das Porträt wird zum Ort des Widerstands gegen westliche Vorstellungen von Individualität und Subjektivität.
Stilistisch nähert sich Lam in den 1940er-Jahren dem Kubismus. In der Fragmentierung der Körperformen und in der Auflösung des Einzelkörpers zugunsten rhythmischer Strukturen erkennen wir in dem vorliegenden Gemälde ein Porträt: frontal dargestellt, mit durchdringendem Blick, zugleich erhaben und entrückt. Die hervortretenden Körpermerkmale und die Betonung des langen, dunklen Haares lassen die dargestellte Figur weiblich erscheinen. Die Körperfragmente nehmen die gesamte Bildfläche ein.
Ein klassisches kubistisches Porträt oder doch die Darstellung einer Maske, eines Totems? Ein Mensch oder die Verwandlung in einen Vogel? Durch die surrealistische Methode der Assoziation und der Traumlogik lässt der Künstler mehrere Seinszustände ineinander übergehen. Die Porträtierte entzieht sich einer eindeutigen Identifikation; sie bewegt sich zwischen Mensch und Metapher. Lam verwandelt die Dargestellte in eine spirituelle Ikone einer hybridisierten Welt.
In diesen Jahren arbeitet Wifredo Lam mit einfachen Mitteln: Er verwendet Altpapier als Bildträger, Ölkreide, Ölfarbe, Gouache oder deckende Wasserfarben, die sich durch hohe Pigmentdichte und matte Oberflächenwirkung auszeichnen. Die fragile Zartheit des Papiers trifft auf die Beständigkeit der Leinwand. Hinzu steht das Flüchtige des zeichnerischen Duktus im spannungsvollen Kontrast zur statischen Architektur des Bildaufbaus.
In den folgenden Jahrzehnten bewegt sich Lam zwischen Kuba, den Vereinigten Staaten und Europa. Er erweitert sein künstlerisches Spektrum über die Malerei hinaus und experimentiert mit Druckgrafik, Keramik und plastischen Formen. Persönliche Verluste und nomadische Lebensphasen prägen seine Biografie ebenso wie die unermüdliche Suche nach neuen Ausdrucksweisen. Wifredo Lam stirbt 1982 in Paris.
CHF 160 000 / 240 000 | (€ 164 950 / 247 420)
Verkauft für CHF 212 500 (inkl. Aufgeld)