Lot 1050 - A214 Works of Art & Decorative Arts - Donnerstag, 18. September 2025, 13.30 Uhr
GANZFIGURIGES KYKLADENIDOL - EHEM. SAMMLUNGEN SIR JACOB EPSTEIN (1880–1959) & CARLO MONZINO (1933–1996)
Frühkykladisch, Früher Spedos-Typ, ca. 2600–2500 v. Chr. Dem "Karo"-Skulpteur zugeschrieben.
Weisser Marmor mit minimalen Pigmentresten, sog. "Ghost Paint". Ganzfiguriges, weibliches Idol. Harmonischer, lyraförmiger Kopf mit kurzer, wohl proportionierter Nase direkt übergehend in die fliehende Stirn, ellipsoid geformtes Kinn. Relativ kurzer Hals, sich zu den Schultern nur leicht verdickend. Die Schultern markant gewölbt, der Schulteransatz auf gleicher Höhe. Gedrungener, kompakter Torso mit breit auseinander stehenden, erhabenen Brüsten. Die Hände verschränkt unter der Brust, den Bauch fast gänzlich abdeckend. Der linke Arm über den rechten, eine leichte Diagonale bildend. Schmale Unterbauchfalte. Kurvige, ausladende Hüftpartie, eingezogen bei den Knien, leicht gespreizte Unterschenkel mit gespreizten Füssen. Tief gekerbter Oberschenkelspalt, auf Höhe der Knie und bis zu den Knöcheln mit Öffnung. Angedeutete, eingeritzte Zehen. Hals und Rücken in einer geraden Linie mit einer Kerbe von der Wirbelsäule bis hin zu den Oberschenkeln. Position der Beine gewinkelt, leicht vor dem Torso platziert. Mit einem Plexiglasgestell und -kasten.
H 17,8 cm, B 5,5 cm.
Restaurierte Brüche. Oberfläche gereinigt. Stellenweise Inkrustationen. Dunkle, punktuelle Einlagerungen. Kratzer an der Hüfte.
Provenienz:
- Sammlung Carlo Monzino (1933–1996).
- Auktion Sotheby's New York, 6.12.2006, Lot 19.
- Galerie Gordian Weber, Köln.
- durch Erbschaft in heutigen Westschweizer Privatbesitz.
Ausstellungen:
Literatur:
- Ezio Bassani & Malcolm D. McLeod: Jacob Epstein Collector. Mailand 1989, S. 55, Abb. 72A; S. 56, Abb. 73 & S. 199, Abb. 907.
Kaum andere frühgeschichtliche Artefakte lösen so eine Faszination bei modernen Betrachterinnen und Betrachtern aus, wie solche Marmoridole der kykladischen Kulturen. Kykladenidole gehören zu den erstaunlichsten und mysteriösesten Artefakten der Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit. Benannt sind die Figuren nach ihren Fundorten auf den kykladischen Inseln Griechenlands. Die ersten Erzeugnisse werden in die Zeit um 5000 v. Chr. datiert, wobei der künstlerische Höhepunkt um 2500 v. Chr., während der frühkykladischen II Periode der Keros-Syros-Kultur erreicht wird (ca. 2700–2400/2300 v. Chr.). Die überwiegend weiblichen Figuren zeichnen sich durch ihre Reduktion auf simple, menschliche Körperformen, durch ihre Abstraktion und Stilisierung aus. Ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Sublimität stellt sich beim Betrachten dieser Figuren ein, welche in ihrem vermeintlichen Minimalismus dennoch eine unbändige Strahlkraft und Präsenz besitzen. Dass dieser minimalistisch anmutende Charakter sich bei der näheren Analyse jedoch als Trugbild herausstellt, erstaunt umso mehr. Pigmentreste zeugen nämlich von einer lebhaften Polychromie, ähnlich wie man es sich bei den späteren archaischen und hellenistischen Skulpturen vorstellen muss.
Das vorliegende Kykladenidol exemplifiziert auf beeindruckende Weise Stilmerkmale, welche dem sog. "Karo"-Skulpteur zugeschrieben werden. Der Konventionsname geht auf Patricia Getz-Preziosi zurück, ihrerseits seit den 70er Jahren eine Koryphäe auf dem Gebiet der Kykladenidol-Forschung. Dem "Karo"-Skulpteur wird ein kleinerer Werkkorpus von stilistisch vergleichbaren frühkykladischen Marmoridolen des frühen Spedos-Typus zugewiesen. In "Personal Styles in Early Cycladic Sculpture" aus dem Jahre 2001 unterscheidet Getz-Preziosi innerhalb der frühen Spedos-Variante zwei Grundtypen, die Stile A und B. Vereinfacht formuliert, zeichnet sich Stil A durch kräftig geschwungene Formen und gewölbte Konturen aus, wohingegen Stücke des Stils B linearer und kantiger wirken. Unser Exemplar mit seinen deutlichen Kurven, seiner Kompaktheit und seiner sanften Volumetrie reiht sich demzufolge in die Stilgruppe A ein (Vgl. Patricia Getz-Preziosi: Personal Styles in Early Cycladic Sculpture. Wisconsin 2001, S. 38–39.). In einem uns vorliegenden, undatierten Schreiben, plädiert Getz-Preziosi bei unserer Figur für eine Zuschreibung an den "Karo"-Skulpteur. Obwohl unser Idol zwar das zweitkleinste, dem Skulpteur zugewiesene Stück ist, untermauern die für ihn typischen Stilmerkmale für eine solche Zuschreibung. Die Archäologin verweist dabei auf zahlreiche Exempel aus obenzitiertem Beitrag (Ebd., S. 74–121). Vergleichbar sind dort insbesondere die Nr. 2–7, bei denen identische Umrisskonturen vorhanden sind. Weiter zeigen sich Parallelen bei den ähnlichen Gesichtsphysiognomie mit dem ellipsoiden Kinn und der hoch angesetzten Nase. Die ebenfalls kompakten Torso-Bereiche und eine ähnliche Ausarbeitung der Bauchfalten halten einem Vergleich stand. Ebenso weist die auffällig lange Durchbrechung unterhalb der Knie sowie die erhöhten, vom Torso wegstehenden Füsse auf eine Verwandtschaft mit dem Werkkorpus des "Karo"-Skulpteur hin.
Zwei ähnliche Kykladenidole aus der ehem. Sammlung von Ernst and Hildy Beyeler, Basel, wurden einst bei Christie’s New York (8.6.2012, Lot 52) bzw. Christie’s London verkauft (6.12.2017, Lot 32) und wurden ebenfalls in Verbindung mit dem "Karo"-Skulpteur gebracht, wobei das Londoner-Exemplar stärker gewinkelte, weniger kurvige Schulterpartien aufweist.
Trotz seiner geringen Grösse und den naturgemässen, subtilen Unterschieden gehört vorliegendes Idol, laut Getz-Preziosi, mit seinem feinen Erscheinungsbild und der langen Kerbe der Beinschneise offenbar zu einer fortgeschrittenen Phase in der stilistischen Entwicklung des Bildhauers, der üblicherweise in grösserem Massstab arbeitete. Getz-Preziosi nennt unser Exempel wohl deshalb auch ein "kleines Juwel" innerhalb des "Karo"-Gesamtoeuvres.
Das vorliegende Kykladenidol stellt indes auch wegen seiner namhaften Provenienz einen Glücksfall für Sammlerinnen und Sammler dar. Es gilt als gesichert, dass das Idol einst Teil der Privatsammlung des Bildhauers Jacob Epstein (New York 1880–1959 London) war (Vgl. William B. Fagg: The Epstein Collection of Tribal and Exotic Sculpture. Ausstellungskatalog für the Arts Council of Great Britain. London 1960, Nr. 321.). Jacob Epstein war eine zentrale Figur des Londoner Kunstbetriebs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vor allem als Sammler trug er wesentlich dazu bei, die Sichtbarkeit indigener bzw. sog. "exotischer" Kunst aus Afrika, Amerika und Ozeanien im westlichen Kunstbetrieb zu erhöhen. Geboren als Sohn osteuropäisch-jüdischer Einwanderer, studierte Epstein Malerei und Bildhauerei in New York und in Paris an der Académie Julian und der École des Beaux-Arts, bevor er sich 1905 dauerhaft in London niederliess. 1954 wurde er zum Ritter geschlagen. Das Interesse für frühgriechische Werke entdeckte er bei seinen Besuchen im Louvre bzw. ab 1905 im British Museum, wo er sich intensiv mit den Elgin Marbles sowie mit griechischen, ägyptischen, afrikanischen und polynesischen Skulpturen beschäftigte.
Nach Jacob Epsteins Tod erwarb der italienische Sammler Carlo Monzino (Mailand 1933–1996 Schweiz) in den 1960er Jahren einen Grossteil seiner Sammlung, darunter auch unser Idol. Monzino wiederum zog in den späten 1960er Jahren ins Tessin nach Castagnola (Schweiz). Monzinos Sammeltätigkeit überschnitt sich mit derer Jacob Epsteins. Über vierzig Jahre lang sammelte er hochqualitative Stammeskunst sowie zeitgenössische Nachkriegskunst.
Das vorliegende Kykladenidol exemplifiziert auf beeindruckende Weise Stilmerkmale, welche dem sog. "Karo"-Skulpteur zugeschrieben werden. Der Konventionsname geht auf Patricia Getz-Preziosi zurück, ihrerseits seit den 70er Jahren eine Koryphäe auf dem Gebiet der Kykladenidol-Forschung. Dem "Karo"-Skulpteur wird ein kleinerer Werkkorpus von stilistisch vergleichbaren frühkykladischen Marmoridolen des frühen Spedos-Typus zugewiesen. In "Personal Styles in Early Cycladic Sculpture" aus dem Jahre 2001 unterscheidet Getz-Preziosi innerhalb der frühen Spedos-Variante zwei Grundtypen, die Stile A und B. Vereinfacht formuliert, zeichnet sich Stil A durch kräftig geschwungene Formen und gewölbte Konturen aus, wohingegen Stücke des Stils B linearer und kantiger wirken. Unser Exemplar mit seinen deutlichen Kurven, seiner Kompaktheit und seiner sanften Volumetrie reiht sich demzufolge in die Stilgruppe A ein (Vgl. Patricia Getz-Preziosi: Personal Styles in Early Cycladic Sculpture. Wisconsin 2001, S. 38–39.). In einem uns vorliegenden, undatierten Schreiben, plädiert Getz-Preziosi bei unserer Figur für eine Zuschreibung an den "Karo"-Skulpteur. Obwohl unser Idol zwar das zweitkleinste, dem Skulpteur zugewiesene Stück ist, untermauern die für ihn typischen Stilmerkmale für eine solche Zuschreibung. Die Archäologin verweist dabei auf zahlreiche Exempel aus obenzitiertem Beitrag (Ebd., S. 74–121). Vergleichbar sind dort insbesondere die Nr. 2–7, bei denen identische Umrisskonturen vorhanden sind. Weiter zeigen sich Parallelen bei den ähnlichen Gesichtsphysiognomie mit dem ellipsoiden Kinn und der hoch angesetzten Nase. Die ebenfalls kompakten Torso-Bereiche und eine ähnliche Ausarbeitung der Bauchfalten halten einem Vergleich stand. Ebenso weist die auffällig lange Durchbrechung unterhalb der Knie sowie die erhöhten, vom Torso wegstehenden Füsse auf eine Verwandtschaft mit dem Werkkorpus des "Karo"-Skulpteur hin.
Zwei ähnliche Kykladenidole aus der ehem. Sammlung von Ernst and Hildy Beyeler, Basel, wurden einst bei Christie’s New York (8.6.2012, Lot 52) bzw. Christie’s London verkauft (6.12.2017, Lot 32) und wurden ebenfalls in Verbindung mit dem "Karo"-Skulpteur gebracht, wobei das Londoner-Exemplar stärker gewinkelte, weniger kurvige Schulterpartien aufweist.
Trotz seiner geringen Grösse und den naturgemässen, subtilen Unterschieden gehört vorliegendes Idol, laut Getz-Preziosi, mit seinem feinen Erscheinungsbild und der langen Kerbe der Beinschneise offenbar zu einer fortgeschrittenen Phase in der stilistischen Entwicklung des Bildhauers, der üblicherweise in grösserem Massstab arbeitete. Getz-Preziosi nennt unser Exempel wohl deshalb auch ein "kleines Juwel" innerhalb des "Karo"-Gesamtoeuvres.
Das vorliegende Kykladenidol stellt indes auch wegen seiner namhaften Provenienz einen Glücksfall für Sammlerinnen und Sammler dar. Es gilt als gesichert, dass das Idol einst Teil der Privatsammlung des Bildhauers Jacob Epstein (New York 1880–1959 London) war (Vgl. William B. Fagg: The Epstein Collection of Tribal and Exotic Sculpture. Ausstellungskatalog für the Arts Council of Great Britain. London 1960, Nr. 321.). Jacob Epstein war eine zentrale Figur des Londoner Kunstbetriebs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vor allem als Sammler trug er wesentlich dazu bei, die Sichtbarkeit indigener bzw. sog. "exotischer" Kunst aus Afrika, Amerika und Ozeanien im westlichen Kunstbetrieb zu erhöhen. Geboren als Sohn osteuropäisch-jüdischer Einwanderer, studierte Epstein Malerei und Bildhauerei in New York und in Paris an der Académie Julian und der École des Beaux-Arts, bevor er sich 1905 dauerhaft in London niederliess. 1954 wurde er zum Ritter geschlagen. Das Interesse für frühgriechische Werke entdeckte er bei seinen Besuchen im Louvre bzw. ab 1905 im British Museum, wo er sich intensiv mit den Elgin Marbles sowie mit griechischen, ägyptischen, afrikanischen und polynesischen Skulpturen beschäftigte.
Nach Jacob Epsteins Tod erwarb der italienische Sammler Carlo Monzino (Mailand 1933–1996 Schweiz) in den 1960er Jahren einen Grossteil seiner Sammlung, darunter auch unser Idol. Monzino wiederum zog in den späten 1960er Jahren ins Tessin nach Castagnola (Schweiz). Monzinos Sammeltätigkeit überschnitt sich mit derer Jacob Epsteins. Über vierzig Jahre lang sammelte er hochqualitative Stammeskunst sowie zeitgenössische Nachkriegskunst.
CHF 180 000 / 250 000 | (€ 185 570 / 257 730)
Verkauft für CHF 225 000 (inkl. Aufgeld)