Lot 160* - A174 Sammlung italienische Buchmalerei - Freitag, 18. September 2015, 13.30 Uhr
MAESTRO OLIVETANO (GIROLAMO DA MILANO)
Provenienz: - 1995 Chicago, Privatsammlung. - Seit ca. 1996 im heutigen Besitz. Bibliographie: - Milvia Bollati, Un Graduale Olivetano. Un percorso nella Miniatura Lombarda del Quattrocento, London 2008. - Friedrich G. Zeileis, Più ridon le carte (3.ed.), Rauris 2014, S.344-347. Weitere zitierte Literatur: - Anna Melograni, Appunti di miniatura lombarda. Ricerche sul "maestro delle Vitae Imeratorum, in: Storia dell' Arte, LXX, 1990, S. 274-314. Das eine Fragment mit einem den Umrissen entlang aus seinem ursprünglichen Kontext herausgeschnittenen bärtigen und tonsurierten Heiligen zeigt einen frontal zum Betrachter gerichteten Abt im weissen Benediktiner Habit des Olivetanerordens und einem kostbaren, den eminenten Status eines Abtes anzeigenden grünen Pluviale mit Goldbrokat. Die Identität des Heiligen ist nicht gesichert, doch könnte es sich um den Heiligen Romuald handeln. Das zweite Fragment präsentiert in einem goldgesäumten Medaillon auf blauem Grund einen heiligen Bischof mit goldenem Bischofstab, einem offenen Buch und der Stadt unter seinem Schutz. Unschwer zu erkennen, dass es sich hier um den mailändischen Schutzheiligen Ambrosius handelt, dessen Identität durch das komplex gestaltete detaillierte Stadtmodell Mailands in seiner Rechten und den Text des offenen Buchs ersichtlich ist, dessen Lettern als Mediolani civitas augesti, fuit gaudium... pastor cui a(m)bros(ius) de... gelesen werden können. Ein ausserordentlich ähnlicher und augenfällig von der gleichen hochbegabten Künstlerhand gemalter Ambrosius ist in der Sammlung der Free Library in Philadelphia (EM 27: 19) auf uns gekommen. Als Autor unserer beiden Bildminiaturen Initialen kann unschwer der als Maestro Olivetano bekannte Protagonist der lombardischen Buchmalerei um 1440 erkannt werden, der eine seiner zahlreich erhaltenen Bildinitialen, jene mit der Kommunion der Apostel in der Sammlung der Fondazione Giorgio Cini (2099) mit "Quidam frater mediolanensis ordinis Montis oliveti opus explevit mccccxxxviiii" bezeichnet hatte (Bollati 2008). Von seiner Hand sind bloss wenige noch vollständig erhaltene Manuskripte auf uns gekommen, eines davon ein Band mit der Benediktiner Regel in Privatbesitz und ein anderes erst in den letzten Jahren im Kunsthandel aufgetauchtes, kürzlich von der Beinecke Library der Yale University (Ms 1184) in New Haven angekauftes, vermutlich aus dem zu Beginn des 15. Jahrhunderts von einem Höfling der Visconti gegründeten Olivetaner Kloster Santa Maria di Baggio bei Mailand stammendes Graduale (M. Bollati, 2008). Seine Kunst erschliesst sich am besten über eine lange Serie aus aufgebrochenen olivetanischen Chorbüchern stammenden Bildinitialen, die in die bedeutendsten Sammlungen der Welt gefunden haben. Obwohl diese Initialen sich durch einen geschlossenen Stil auszeichnen, sind einige kleinere Abweichungen untereinander festzustellen, die darauf hinweisen, dass sie wohl verschiedene Momente der noch nicht geklärten künstlerischen Karriere definieren. Aufschluss könnte eine bis heute noch ausstehende kodikologische Analyse aller Fragmente ergeben. Was die hier in Rede stehenden Fragmente angeht, stammen sie mit guter Sicherheit aus dem gleichen Chorbuch wie eine der schönsten Miniaturen unseres Meisters in der National Gallery in Washington (B.-18.754, Abb.1), die eine monumental angelegte Jenseitsvision mit der Krönung Mariä durch die Trinität im Beisein der gesamten Himmelshierarchie vor Augen führt. Die dort ins Zentrum gesetzte dreieinige Gottheit mit der Muttergottes ist von einer ovalen Mandorla mit punzierter Goldbordüre umschlossen, die von absolut gleicher Beschaffenheit ist wie jene, die den hier in Rede stehenden Ambrosius umfängt. Im Vergleich zum gleichen Heiligen in der Free Library in Philadelphia (EM 27: 19) sind die Gesichtszüge um einen Hauch beruhigter und weniger kalligraphisch, kurz etwas pastoser gemalt. Dies könnte darauf hindeuten, dass sie chronologisch in der Entwicklung etwas näher an die Malereien des Graduale aus S. Maria di Baggio hin tendieren, die etwas pastoser modelliert sind und auf die Kunst des Tomasino da Vimercate (alias Meister der Modena Studenbuchs) zurückweisen, bei dem unser Künstler vermutlich seine Ausbildung zum Buchmaler absolviert hatte. Eine relativ frühe Entstehungszeit des Graduale aus Baggio ergibt sich aus der Zusammenarbeit mit dem etwas älteren Buchmaler, der nach seinen (1419-1423) für die Kathedrale von Lodi illustrierten Chorbüchern Maestro dei Corali di Lodi genannt wird und eine charakteristische Verbindung der Kunst des Giovannino de Grassi und des Tomasino da Vimercate erkennen lässt. Da heute die von Anna Melograni postulierte Identifikation unseres Buchmalers mit dem als Buchmaler nachgewiesenen Olivetanermönch Girolamo da Milano (dok.1429-1449) kaum mehr anzuzweifeln ist (Melograni 1990, S. 274-314), wäre eine Entstehung dieses Graduale während Girolamos Anwesenheit in eben diesem Kloster wahrscheinlich, die für die Jahre 1429-1430, 1432 und 1435-1436 verbürgt ist. Eine Entstehung dieses Graduale in den ersten Jahren des vierten Jahrzehnts des 15. Jahrhunderts (ca. 1432) erschiene uns nicht abwegig, jedenfalls vor der einzigen datierten (1439) Miniatur in der Fondazione Cini in Venedig. Damit könnten unsere Fragmente in einem Zeitraum zwischen 1435-1439 entstanden sein. Die Kunst dieses bedeutenden lombardischen Buchmalers zeichnet sich durch eine ausserordentliche Eleganz aus, die sich aus der französisch angehauchten Buchkunst des Giovannino de' Grassi, insbesondere dessen Interpreten Tomasino da Vimercate entwickelt hat und die dynamischen gotischen Spielereien Michelino da Besozzo aufgreift. Gewisse Elemente seiner Kunst scheinen auch die Kenntnis des neuen Sterns der norditalienischen Kunst, Pisanello, vorauszusetzen.
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