Lot 1135* - A164 Möbel & Skulpturen - Donnerstag, 21. März 2013, 10.00 Uhr
PRUNK-PENDULE MIT BOULLE-MARKETERIE und Sockel,
Régence, das Gehäuse von A.C. BOULLE (André Charles Boulle, 1642-1732), die Entwurfszeichnung des Sockels von G.M. OPPENORDT (Gilles Marie Oppenordt, 1672-1742), die Front und das Werk sign. THURET A PARIS (Jacques III Thuret, 1669-1738), um 1720/25.
Matt- und glanzvergoldete Bronze und ebonisiertes Holz, eingelegt mit braunem Schildpatt und Messing. Stark geschweiftes, teils durchbrochenes Uhrgehäuse mit Aufsatz in Form des auf Kissen sitzenden Jupiters und mit Volutenfüssen, auf grossem, eingezogenem Sockel mit Frauenportrait in Medaillon. Reliefiertes, vergoldetes Zifferblatt mit gravierten arabischen Minutenzahlen und 13 Emailplaketten, 12 mit blauen römischen Stundenzahlen. 2 gebläute Zeiger. Das Uhrglas mit Emailkartusche für die blaue Signatur. Feines Werk mit 1/2-Stundenschlag auf Glocke. Reiche vergoldete Beschläge und Applikationen in Form von Maskaron, Löwenköpfen, Rosetten, Voluten, Palmetten und Blättern. Etwas zu restaurieren, Email mit feinen Haarrissen und kleiner Bestossung, Fehlstellen in der Marketerie. Restaurationen. 38x17x108 cm.
Provenienz: - Sammlung des Duc X., Frankreich. - Auktion Sotheby's Paris, 18.6.2002 (Katalognr. 35). - Aus einer europäischen Privatsammlung. Hochbedeutende Pendule von bestechender Qualität, mit Gutachten von J.D. Augarde, Paris 2012. Das Modell dieser Pendule wurde 2009 von Jean Néréé Ronfort als "création originale" von A.C. Boulle identifiziert; siehe hierzu J.N. Ronfort, André Charles Boulle, 1642-1732, Un nouveau style pour l'Europe, Paris 2009; S. 220. Die Pendule ist Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen dem berühmten Ebenisten von Louis XIV und G.M. Oppenordt. Die Entwurfszeichnung des konsolenförmigem Sockels befindet sich im Kabinett der Zeichnungen in der Ermitage in St. Petersburg. Sie ist abgebildet in: V. Shevchenko, Drawings by Gilles Marie Oppenordt in the Collection of the Hermitage, St. Petersburg 2006; S. 23. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit entstand sie um 1720. In einem Gemälde von J.A. Supan, heute Teil der Sammlungen des Reichen Zimmers in der Münchner Residenz, welches die Kurfürstin Therese Kunigunde von Bayern darstellt, erkennt man die modellogleiche Pendule auf einem Tisch, jedoch ohne Sockel. Es ist davon auszugehen, dass Kurfürst Max Emanuel (gest. 1726) eine solche Pendule in Paris erworben hat. Wie J.N. Ronfort anhand der Medaillers von J.R. de Cotte (siehe hierzu ibid.; S. 240-243) eindrücklich belegen konnte, blieb A.C. Boulle auch aktiv, als seine Söhne die Werkstatt übernommen hatten. Das Modell der hier angebotenen Pendule ist das erste mit ganz in Bronze gefertigter Front und seitlicher Schildpattmarketerie. Diese Idee stammte ursprünglich von C. Cressent und wurde, nachdem A.C. Boulle neue Formen hierzu entwickelt hatte, später von J.J. de Saint-Germain übernommen. Die ersten Pendulen dieses Typus tragen alle die Uhrmachersignatur von J. III Thuret. Von diesem Modell sind nur wenige identische Exemplare bekannt. Das eine wurde bei Mercier/Velliet/Thullier/Issalay in Lille am 24.4.1988 (Katalognr. 5) verkauft. Ein weiteres wurde in der Vente Collection Kraemer am 2.6.1913 (Katalognr. 308) verkauft. Beide Cartelle besassen ein von J. III Thuret signiertes Werk. Ein drittes, identisches Modell befindet sich in der Frick Collection in New York, stammt aus der Sammlung Dalva Brothers und besitzt ein von François Rabby signiertes Werk. Im englischen Kunsthandel wurde in den 1980er Jahren ein gleiches Modell ohne Konsole angeboten, das Werk ebenfalls signiert J. III Thuret. 3 weitere Cartelle (mit Signaturen der Uhrmacher Mynuel und Mornand) sind Teil der Sammlungen von Schloss Fasanerie bei Fulda, der Eremitage in St. Petersburg und des Musée des Arts Décoratifs in Paris. Auch im 19. Jahrhundert erfreute sich dieses Modell grosser Beliebtheit; Kaiserin Viktoria, Gattin von Friedrich III, besass eine solche Replik. Die hier angebotene Pendule weist verschiedene Motive auf, welche der von A.C. Boulle gefertigten Pendule für den Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz fertigte (siehe hierzu ibid.; S. 220f.) anzutreffen sind. Zum einen die feinen Löwenköpfe an den Seiten, zum anderen das Blattwerk unterhalb des Kranzes. Weitere Elemente, die "tigettes fleuronnées" seitlich am Sockel, der markante weibliche Maskaron unterhalb des Zifferblattes oder die Jupiterfigur als Putto (siehe hierzu J.D. Augarde, Les ouvriers du temps, Genf 1996; S. 22, Nr. 8) sind für das Werk von A.C. Boulle charakteristisch. J. III Thuret stammte aus einer Uhrmacherdynastie und logierte ab 1694 als "Horloger du Roi" im Louvre, wo er die Stelle seines verstorbenen Vaters Jacques II übernahm, einer der bester Uhrmacher seiner Zeit, der die von B. Huygens erfundene Uhr "à pendule" entscheidend weiterentwickelt hatte. Jacques III lieferte dem Königshaus die berühmte, von A.C. Boulle konzipierte Pendule "L'enlèvement de Cybèle", womit eine sehr produktive Zusammenarbeit zwischen den beiden Künstlern begann. Ein weiteres seiner Modelle ist die "pendule temps couché" für den Kardinal Ottoboni und Max Emanuel von Bayern. Gilles-Marie Oppenordt, Sohn des berühmten Ebenisten Alexandre-Jean Oppenordt, war Architekt, Zeichner und Kupferstecher. Er wurde im Atelier seines Vaters und von Jule Hardouin Mansart ausgebildet, bevor er 1692 bis 1699 durch Italien reiste und an der französischen Akademie in Rom eine Pensionärstelle antrat. Dort studierte er die Werke von Bernini und Borromini - nicht wie viele seiner Berufskollegen die klassischen Antike, da ihn die barocken Ornamente faszinierten. Nach seiner Rückkehr arbeitete Oppenordt als Architekt für Herzog Philip d'Orléans, der ihn 1713 zum "premier architecte" ernannte. 1715 übernahm der Herzog d'Orléans die Regentschaft; Oppenordt wurde Direktor der königlichen Manufakturen und Intendant der königlichen Gärten. Als Architekt schuf er nur wenig, bekannt war er vielmehr als Ornamentskünstler, für seine Bauentwürfe und die detaillierten Kunst- und Dekorationszeichnungen. Oppenordt wurde schnell zum führenden "Designer" im Atelier seines Vaters und erhielt zahlreiche wichtige Aufträge, wie z.B. Restauration und Dekoration des Château de Villers Cotterets, des Hôtel de Pomponne im Place des Victoires, des Palais Royal und Hôtel du Grand Prieur de France. Lit.: J.D. Augarde, Les ouvriers du temps, Genf 1996; S. 402 (biogr. Angaben zu Thuret). Ibid.; Jean Joseph de Saint-Germain (1719-1791), Inédits sur sa vie et son oeuvre, in: L'Objet d'Art 308 (1996); S. 66-69. A. Dolher / M. Miller, Gehäuse der Zeit, Uhren aus fünf Jahrhunderten im Besitz der Hessischen Hausstiftung, Fulda 2002. J.N. Ronfort, André Charles Boulle, 1642-1742, Un nouveau style pour l'Europe, Paris 2009 (Standartwerk über A.C. Boulle). H.L. Tardy, Dictionnaire des horlogers français, Paris; S. 641 (biogr. Angaben zu Thuret). H. Ottomeyer / P. Pröschel, Vergoldete Bronzen - Die Bronzen des Spätbarock und Klassizismus, München 1986; I, S. 78 (Abb. 1.12.4, das erwähnte Cartel ohne Konsole). W. Edey, French Clocks in North American Collections, New York 1982; S. 45f. (Tafel 37, das Cartel aus der Frick Collection). P. Kjellberg, Le mobilier français du XVIIIe siècle, Paris 1989; S. 106-114 (biogr. Angaben zu A.C. Boulle). A. Pradère, Die Kunst des französischen Möbels, München o.J.; S. 67-109 (biogr. Angaben zu A.C. Boulle). J.P. Samoyault, André Charles Boulle et sa famille, Paris 1979 (biogr. Angaben zu A.C. Boulle). Für Angaben zu A.C. Boulle siehe Fussnote der Katalognr. 1134.
CHF 50 000 / 90 000 | (€ 51 550 / 92 780)
Verkauft für CHF 54 000 (inkl. Aufgeld)