
Zwischen Distanz und Intimität
Vorschau auf die Auktion Schweizer Kunst vom 26. Juni 2026
Mit «Femme nue couchée de dos» erreicht Félix Vallotton jene eigentümliche Spannung, die sein Werk bis heute so modern erscheinen lässt. Der weibliche Akt liegt dem Betrachter abgewandt, ruhig, beinahe versunken in sich selbst. Nichts lenkt vom Körper ab. Es gibt kein erzählerisches Detail, keinen Hinweis auf eine konkrete Situation. Der Raum besteht aus grossen, stillen Farbflächen in gedämpften Tönen, aus Stoffen, Vorhängen und Schatten, die weniger beschrieben als gesetzt wirken. Gerade diese Reduktion verleiht dem Bild seine Intensität.
Vallotton komponiert die Szene mit fast musikalischer Präzision. Die Linie des Rückens antwortet auf die Diagonale des Stoffes und das dunkle Haar geht beinahe unmerklich in den Hintergrund über. Die Figur scheint zugleich Teil des Raumes und ein Fremdkörper darin zu sein. Der Akt wirkt weder idealisiert noch voyeuristisch aufgeladen. Stattdessen besitzt der Körper eine stille, fast unnahbare Präsenz. Licht und Schatten modellieren die Haut nur sparsam, doch gerade diese Zurückhaltung verstärkt die Wirkung des Körpers. Der Blick des Betrachters gleitet über Flächen, Konturen und Übergänge und entdeckt erst nach und nach die Raffinesse der Komposition.
Félix
Vallotton
Femme nue couchée de dos. 1897.
Öl auf Karton. 48 × 60 cm.
Schätzung: CHF 700 000/1 200 000
Das Gemälde markiert einen entscheidenden Momentinnerhalb von Vallottons Entwicklung. Der aus Lausanne stammende Künstler war seit den frühen 1890er-Jahren Teil der Nabis, einer Gruppe junger Künstler um Pierre Bonnard, Édouard Vuillard und Maurice Denis. Die Nabis wandten sich gegen Naturalismus und akademische Malerei. Sie verstanden das Bild nicht mehr als Fenster zur Welt, sondern als eigenständige Ordnung aus Farbe, Fläche und Linie. Vallotton galt innerhalb der Gruppe allerdings stets als Aussenseiter, als «Nabi étranger». In seinen Werken herrscht eine kühle Klarheit, die bereits auf die Neue Sachlichkeit und den Surrealismus vorausweist.
Besonders deutlich wird dies in seinen Interieurs und Akten. Vallotton beobachtet Menschen mit einer fast literarischen Genauigkeit. Seine Bilder erzählen von Distanz, Intimität und den feinen Spannungen des modernen Lebens. Auch «Femme nue couchée de dos» besitzt diese eigentümliche Ambivalenz. Die Szene wirkt intim, zugleich bleibt sie seltsam verschlossen. Der Betrachter sieht den Körper, erhält aber keinen Zugang zur Person. Gerade darin liegt die Modernität des Bildes. Vallotton verweigert jede sentimentale Aufladung und ersetzt sie durch eine präzise Choreografie von Fläche und Blick.
Heute erscheint Vallotton als Schlüsselfigur zwischen den Jahrhunderten. Seine Werke verbinden die dekorative Eleganz des «Fin de Siècle» mit einer psychologischen Nüchternheit, die weit ins 20. Jahrhundert blicken lässt. Das Gemälde aus unserer Auktion ist nicht nur ein Aktbild, sondern auch eine Studie über Wahrnehmung, Distanz und die stille Dramatik des Sehens.
WEITERE WERKE VON FÉLIX VALLOTTON
FÉLIX
VALLOTTON
Les Tuileries. 1901.
Öl auf Leinwand.
35 × 30 cm.
Schätzung: CHF 80 000/120 000
FÉLIX
VALLOTTON
Le golfe Juan. 1920.
Öl auf Leinwand.
60,5 × 81 cm.
Schätzung: CHF 300 000/500 000
FÉLIX
VALLOTTON
Femme dans sa cuisine. 1884.
Schwarze Kreide auf Papier.
42 × 26,5 cm.
Schätzung: CHF 35 000/45 000

