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Lot 3046* - A218 Gemälde Alter Meister - Freitag, 18. September 2026, 14.00 Uhr

JAN LIEVENS

(Leiden 1607–1674 Amsterdam)
Stimmungsvolle Landschaft mit Dorf und Kirche im Hintergrund.
Öl auf Holz.
Verso mittig mit Brandmarke des Antwerpener Tafelmachers Guilliam Gabron (1586–1674?).
24 × 34,7 cm.

Provenienz:
- Sammlung Charles Cecil Cope Jenkinson (1784–1851), 3. Graf von Liverpool, wohnhaft in Pitchford Hall, Shropshire und Buxted Park, East Sussex.
- Auktion Chorley, Gloucestershire, 23.4.2025, Los 78 (als Aert van der Neer, Nachfolger).
- Europäische Sammlung.

Diese vor kurzem wiederentdeckte Landschaft stellt eine ausserordentliche Rarität von Jan Lievens dar. Zum einen ist das landschaftliche Oeuvre des Leidener Meisters insgesamt von begrenztem Umfang, zum anderen handelt es sich bei dem hier vorliegenden Werk um eine bedeutende Neuentdeckung innerhalb seines Schaffens. Die kleinformatige und qualitative Tafel entstand vermutlich in den späten 1640er-Jahren. Eine dendrochronologische Untersuchung durch Dr. Peter Klein belegt, dass die verwendete Eichenholztafel aus Westfalen oder den Niederlanden stammt und frühestens ab 1638 verarbeitet worden sein kann (Bericht 29.10.2024). Diese Datierung steht in überzeugendem Einklang mit der stilistischen Entwicklung Lievens’, während seiner Tätigkeit in Antwerpen ab 1634, bevor er etwa ein Jahrzehnt später nach Amsterdam zurückkehrte, wo er bis zu seinem Tod arbeitete.

Die Landschaft bezeugt eindrucksvoll Lievens’ lebenslange Ambition, mit unterschiedlichen malerischen Techniken und Ausdrucksformen zu experimentieren, ein Charakteristikum, das sich in mehreren seiner Werken beobachten lässt. Die goldene Lichtstimmung der Dämmerung findet enge Parallelen in der Landschaft in der Gemäldegalerie Berlin (Inv.-Nr. 816) sowie in einem ehemals in der Sammlung des Herzogs von Westminster befindlichen Gemälde (siehe Ausst.-Kat. Jan Lievens. A Dutch Master Rediscovered, hrsg. von Arthur Wheelock, New Haven/London 2008, S. 152, Abb. 1). Die freie Behandlung des Himmels, das unregelmässig modellierte Gelände und die kleinfigürliche Staffage im linken Vordergrund erinnern zudem an die "Dünenlandschaft mit Bäumen" aus der Sammlung Boijmans Van Beuningen in Rotterdam (Inv.-Nr. 1455(OK)). Dieses Werk wurde von Dr. Arthur Wheelock in die Mitte bis späten 1640er-Jahre datiert, mithin in die Zeit nach Lievens' Rückkehr aus Antwerpen in die Niederländische Republik (siehe ibid., S. 162–63, Nr. 43).

Auch der ausgeprägte Gegenlichteffekt (contre-jour) erweist sich als wiederkehrendes Motiv in seinem Werk und findet sich etwa in dem Gemälde aus der Sammlung Frits Lugt in der Fondation Custodia in Paris (Inv.-Nr. 2787), das seinerseits auf Anregungen Pieter Paul Rubens’ (1577–1640) entstand (siehe Christopher Brown: Making & Meaning Rubens' Landscape, London 1996, S. 51). Ein Beispiel für Rubens’ Malweise, Landschaft in skizzenhafter Art auszuführen, das mit der vorliegenden Landschaft vergleichbar ist, befindet sich in den Courtauld Institue Galleries (siehe ibid., S. 93, Abb. 92). Jan Lievens hatte vermutlich bereits in den 1630er-Jahren Gelegenheit, die Werke von Rubens im Original eingehend zu studieren.

Gleichzeitig bezog er seine Impulse aus einem breiten Spektrum künstlerischer Einflüsse seiner Zeitgenossen. Das vorliegende Gemälde verdeutlicht exemplarisch auch seine Auseinandersetzung mit Anthonis van Dyck (1599–1641), insbesondere in der kompositorischen Betonung eines zentralen Baummotivs, ebenso wie mit Adriaen Brouwer (um 1605–1638), dessen roher, experimenteller Duktus hier nachhallt.

Im Spannungsfeld zwischen eigenständiger Handschrift und vielfältigen künstlerischen Anregungen erweist sich Jan Lievens heute als eine der herausragenden Persönlichkeiten seiner Generation, ein Maler von technischer Versatilität. Die Vielfalt und Experimentierfreude seiner Malweise lassen sich nicht zuletzt auf die heterogenen Erwartungen seiner Auftraggeber zurückführen: So wurde er sowohl den repräsentativen Ansprüchen seiner höfischen Kundschaft in London in den 1630er-Jahren, wo er als Hofmaler tätig war, gerecht, als auch den spezifischen Anforderungen grossformatiger Werke für öffentliche Räume in Antwerpen und Amsterdam (siehe Melanie Clifford, in: Ausst.-Kat. 2008, S. 42).

Wir danken Dr. Lloyd de Witt und Dr. Arthur Wheelock für ihre individuelle Bestätigung der Autorschaft anhand einer Fotographie. Dr. Lloyd de Witt hat zudem das Gemälde im März 2025 im Original begutachtet.

CHF 30 000 / 50 000 | (€ 30 930 / 51 550)

Verkauft für CHF 21 250 (inkl. Aufgeld)