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LICHT ALS GEISTIGES PRINZIP

LICHT ALS GEISTIGES PRINZIP

VORSCHAU AUF DIE AUKTION SCHWEIZER KUNST VOM 28. NOVEMBER 2025

Um die Jahrhundertwende steht Giovanni Giacometti an einem Wendepunkt seines Lebens und Schaffens. Das um 1902 entstandene «Panorama in Bregaglia» gehört in diese Phase des Suchens und Findens. Nach Jahren der Unsicherheit und des Ringens um Anerkennung findet er in den Bündner Bergen die Landschaft, die ihm zum zentralen Motiv und geistigen Resonanzraum seiner Kunst wird. Die Begegnung mit Giovanni Segantini prägt diesen Aufbruch nachhaltig. Als Segantini 1897 ein monumentales Alpenpanorama für die Pariser Weltausstellung 1900 plant, begleitet Giacometti ihn auf einer Wanderung durch das Engadin, von Maloja über Zuoz bis zur Diavolezza. Unterwegs entstehen Skizzen, Studien und farbige Notizen, die sich mit Licht, Atmosphäre und Raum befassen.

Das geplante Panorama bleibt unvollendet; Segantini konzentriert sich später auf sein berühmtes Alpentriptychon. Für Giacometti wird das gemeinsame Erlebnis jedoch zum künstlerischen Ausgangspunkt. Er greift auf die Studien dieser Wanderung zurück, als er 1898 den Auftrag erhält, für Anna von Planta in St. Moritz-Bad ein vierteiliges Engadiner Panorama zu schaffen – ein Werk, das ihn erstmals überregional bekannt macht. Es folgen weitere Aufträge, etwa für das Maloja Palace und für Postkarten, die Giacometti zwar aus materieller Not übernimmt, die ihm aber helfen, eine eigene, freiere Bildsprache zu entwickeln.

Der Tod Segantinis 1899 trifft Giacometti tief; kurz darauf verliert er auch seinen Vater. Diese Schicksalsschläge führen zu einer inneren Neuorientierung. Im Auftrag der Segantini-Erben vollendet er das unvollendete Gemälde «Le due madri» und beschliesst, im Engadin zu bleiben. Unter dem Einfluss von Vincent van Gogh und des Jugendstils sowie im Austausch mit Cuno Amiet, Ferdinand Hodler und dem Sammler Oskar Miller entwickelt Giacometti eine leuchtende, rhythmisch gegliederte Malweise, die Naturbeobachtung und emotionale Resonanz vereint. Im «Panorama in Bregaglia» verwandelt Giacometti das Naturbild in eine geistige Landschaft. Himmel, Erde und Licht verschmelzen zu einem harmonischen Ganzen, die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Empfindung verschwimmen. Das Licht, das er als «Träger des Geistigen» begreift, durchdringt die Formen und hebt sie zugleich auf. So wird die Landschaft zur Metapher des Seelischen, zu einer transzendierten Wirklichkeit, die Giacomettis Malerei bis heute einzigartig macht.

FERDINAND
HODLER

Der Petit Salève.
Um 1892. Öl auf Leinwand. 30 × 40,5 cm.
Schätzung: CHF 350 000/500 000

Ferdinand Hodlers Gemälde «Der Petit Salève» aus dem Besitz von Louise Jacques, der Schwägerin des Künstlers, galt lange als verschollen. 2008 wurde es wiederentdeckt und in bedeutenden Ausstellungen gezeigt, zuletzt 2019 in Bern. In der 1892 datierten Fassung aus unserer Auktion rückt der pyramidenförmige Berg erstmals vollständig ins Bild. Der Wasserlauf zieht sich diagonal durch das Bild, parallel zu den Gesteinsschichten des Bergmassivs. Präzise gemalte Gräser und Bäume im Vordergrund kontrastieren mit den weich modellierten Wiesen und erzeugen eine eindrucksvolle Tiefenwirkung. Das Werk zeigt Hodlers charakteristische Verbindung von Naturbeobachtung und formaler Klarheit. Diese Synthese aus realer Landschaft und innerer Ordnung prägt sein Schaffen um das Jahr 1890.

FERDINAND
HODLER

Bildnis Giulia Leonardi. Um 1910.
Öl auf Holz. 32 × 22,5 cm.
Schätzung: CHF 70 000/120 000

Im Jahr 1910 erlebte Ferdinand Hodler die italienische Bühnenkünstlerin Giulia Leonardi in einem Genfer Kaffeehaus. Diese Begegnung war der Impuls für eine der faszinierendsten Werkreihen des Malers, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere befand. Immer wieder porträtierte Hodler Leonardi mit verschiedenem Ausdruck. Viele davon sind Brustbilder, darunter auch Ansichten im Profil, wie das Gemälde, das sich seit einem Jahrhundert in Privatbesitz befindet und in unserer kommenden Auktion versteigert wird.

IN DEN FARBEN
DES NORDENS

«Vue d’Honfleur, le soir» zeigt die normannische Hafenstadt aus erhöhter Perspektive. Der Künstler schuf das Motiv aus Erinnerung und innerer Sammlung. Seit 1909 malte Vallotton solche «paysages composés» – imaginierte Landschaften, die aus Notizen und Erinnerungen wuchsen. In diesem Werk teilt er den Blick in ruhige, horizontale Zonen: grüner Vordergrund, dämmrig leuchtende Stadt, sanft verschleierter Himmel. Feine Abstufungen von Grau-, Blau- und Grüntönen, durchzogen von rosigen Reflexen, verleihen der Szene stille Spannung. Vallotton verwandelt das reale Honfleur in eine poetische Vision, die weniger Ort als Empfindung ist. Seine «Paysages composés» verbinden die Malerei der Nabis mit den frühen Strömungen der Moderne.

Félix Vallotton (1865–1925).
Vue d‘Honfleur, le soir. 1912.
Öl auf Leinwand. 142 × 108 cm.
Schätzung: CHF 250 000/400 000

IM LETZTEN LICHT
DES TAGES

Félix Vallottons «Coin de port le soir» von 1914 zählt zu seinen eindrucksvollsten Hafenszenen. Seine lebenslange Liebe zum Meer führte ihn immer wieder in die Häfen der Normandie, wo er das Spiel von Licht, Wasser und Bewegung einfing. In seinen Bildern verdichtet er diese Orte zu stillen, lichtdurchfluteten Kompositionen. Dunkle Silhouetten von Stadt und Schiffen heben sich von der goldenen Wasserfläche ab, die das Abendlicht spiegelt und die Szene in meditative Ruhe taucht. Vallotton gestaltet die Flächen flach und rhythmisch, reduziert die Formen auf das Wesentliche. So entsteht ein Bild von schlichter Monumentalität – eine poetische, zeitlose Vision des Hafens im letzten Licht des Tages. Wie in seinen an- deren «bords de mer» beruht auch dieses Werk nicht auf direkter Naturbeobachtung, sondern auf durchdachter Konstruktion.

Félix Vallotton (1865–1925).
Coin de port le soir. 1914.
Öl auf Leinwand. 81 × 65 cm.
Schätzung: CHF 250 000/350 000

ZUTIEFST
MENSCHLICH

Louis Soutter, ein Cousin Le Corbusiers, zählt zu den aussergewöhnlichsten Künstlern der Schweizer Moderne. Sein Werk, geprägt von innerer Zerrissenheit und Isolation, entstand grösstenteils im Altersheim von Ballaigues, wo er nach Jahren als Musiker, Lehrer und Maler untergebracht war. Dort verbrachte er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in tiefer Unglückseligkeit. In Ballaigues entwickelte er einen radikal eigenen Stil: expressive, mit den Fingern gemalte Figuren und Gesichter, die zwischen Verzweiflung und spiritueller Erleuchtung schwanken. Der soziale und psychische Zusammenbruch, den seine Einweisung bezeugt, spiegelt sich noch stärker in seinen Zeichnungen: Er bricht vollständig mit dem konventionellen Stil seiner glücklicheren Jahre. Soutters Kunst ist roh, unmittelbar und zutiefst menschlich, sie ist ein ergreifendes Zeugnis existenzieller Intensität.

Louis Soutter (1871–1942).
Le monstre amoureux. 1937–42. Verso: Crucifixion.
Mischtechnik auf Papier (Fingermalerei). 65 × 50 cm.
Schätzung: CHF 150 000/250 000

Laura Koller, Koller Auktionen

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LAURA KOLLER

Co-Abteilungsleiterin
Schweizer Kunst

lkoller@kollerauktionen.ch
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