SINNBILD DER MODERNE
VORSCHAU AUF DIE AUKTION POST-WAR & CONTEMPORARY VOM 27. NOVEMBER 2025
Der 1926 in Morciano di Romagna geborene Arnaldo Pomodoro zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der italienischen Nachkriegsmoderne. Kaum ein anderer Bildhauer hat die Spannung zwischen äusserer Form und innerer Struktur mit solcher Konsequenz erforscht. Seine Werke stehen im Dialog mit dem Konstruktivismus, der Arte Povera, der Minimal Art und der Conceptual Art – und entziehen sich doch der Einordnung in gängige Kunstströmungen. Seine Herkunft aus der ländlichen Emilia-Romagna, die Erfahrung von Krieg und Wiederaufbau sowie eine Ausbildung in Vermessungstechnik prägten Pomodoros besonderen Blick auf Mass, Ordnung und Bruch. Das genaue Sehen, das Vermessen und Strukturieren von Raum prägen sein Werk ebenso wie das Wissen, dass jede Oberfläche auch verborgene Tiefen hat. Bereits in seinen frühen Schmuckstücken und Reliefs aus Silber oder Kupfer ist diese Doppelbewegung erkenn bar. Linien, Ritzungen und kleine Störungen durchbrechen die Einheit der Form und öffnen sich ins Ungewisse.
Mitte der 1950er-Jahre zog er nach Mailand, in eine vom Aufbruch geprägte Stadt, deren Kunstszene von Lucio Fontana und der Nachkriegsavantgarde beeinflusst war. Hier entwickelte Pomodoro seine charakteristische Sprache: Reliefs, deren metallene Haut von Zeichen, Rissen und Fragmentierungen durchzogen ist, als ob man eine Schicht nach der anderen abtragen könnte, ohne je zum Ende zu gelangen. Auch literarische und künstlerische Einflüsse – Kafka, Hemingway, Klee – stärkten sein Gespür für Schrift, Symbol und die Vieldeutigkeit von Zeichen.
Ein entscheidender Schritt folgte mit seinen USA-Reisen: die Begegnung mit monumentaler Skulptur, mit Brancusi, Moore und Nevelson. Von da an konzipierte Pomodoro seine Arbeiten nicht mehr als Objekte, sondern als Räume, in denen sich Mechanisches, Architektonisches und Poetisches überschneiden und in Dialog treten. Bronze wurde zu seinem bevorzugten Material, da es Festigkeit, Glanz und Verletzbarkeit vereint: Es ist polierbar, aber auch offen für Patina, Risse und Spuren.
© Antonio Bario
© Veronica Gaido
Arnoldo Pomodoro starb im Sommer 2025 – einen Tag vor seinem 99. Geburtstag. Das im Jahr 2010 entstandene, grossformatige «Continuum» markiert einen Höhepunkt in seinem Spätwerk. Die Struktur, neun gleichgrosse, nebeneinander montierte Tafeln, verstärkt den Eindruck des Seriensystems und verweist auf liturgische wie auch architektonische Traditionen. Seine Bronzeoberfläche zeigt Linien und Gravuren, die weder Ruhe noch Leere kennen. Alles ist Bewegung, Spur, Verdichtung. Manche Partien reflektieren das Licht, andere liegen matt im Schatten – eine Oberfläche, die wie eine Schrift gelesen werden kann, als Palimpsest von Geschichte und Erinnerung. Die Teilung verweist auf Altarbilder und verbindet sich zugleich mit dem Gedanken des Seriellen. Der Titel selbst, «Continuum», beschreibt, was Pomodoros Werk im Kern ausmacht: das Unabgeschlossene, den Prozess, die Offenheit für Vergangenheit und Zukunft. Das Relief ist Rückschau und Summe, Archiv und Neuanfang, eine Verdichtung seiner künstlerischen Zeichen und zugleich eine Einladung, diese immer wieder neu zu lesen.
Pomodoros Skulpturen sind keine stummen Körper im Raum, sondern Texte aus Bronze: zu lesen, zu entziffern, ohne sie je vollständig zu verstehen. In ihrer semiotischen Offenheit und der Verbindung von Strenge und Bruch spiegeln sie die Fragen einer Epoche wider, die nach neuen Formen der Sprache, der Erinnerung und der Weltordnung sucht. «Continuum» ist somit nicht nur ein monumentales Relief, sondern auch ein Sinnbild der Moderne: Bewegung, Fragment, Spur und zugleich der Versuch, inmitten aller Brüche eine Form des Zusammenhangs zu stiften.
REINE
GEGENWÄRTIGKEIT
Der in Korea geborene Lee Ufan prägt die japanische Mono-ha-Bewegung – die «Schule der Dinge». Seine Kunst lebt vom Dialog zwischen Material, Raum und Wahrnehmung. Geprägt von Zen und Daoismus strebt Lee in seinen Werken nach der Balance von Präsenz und Leere. In Serien wie «From Line» oder «Correspondence» verdichtet er diese Haltung zu stillen, meditativen Bildern. Auch seine Raumarbeiten – etwa die weisse Leinwand mit einem Stein davor – entfalten eine poetische Spannung zwischen Natur, Denken und reiner Gegenwärtigkeit.
Lee Ufan (geb. 1936).
Ohne Titel.
Acryl auf Leinwand und Stein. 227 × 182,5 cm;
Stein: 45,5 × 64 × 52 cm.
Schätzung: CHF 40 000/70 000
© 2025, ProLitteris, Zurich
PORTAL IN DIE UNENDLICHKEIT
John McCrackens «Tech Beat» erinnert an ein Stück Ozean oder Himmel. Seit den 1960ern erforscht er in seinen «Planks» die Beziehung zwischen Fläche und Raum. Es sind weder Wandarbeiten noch Skulpturen, sondern etwas dazwischen. Die spiegelnde, blau schimmernde Front erzeugt Tiefe, während die mattweissen Seiten das Werk im Hier und Jetzt verankern. Aus Holz, Polyesterharz, Fiberglas und Acryl formt McCracken transluzente, beinah spirituelle Objekte, die zwischen materieller Präsenz und immaterieller Suggestion schweben.
John McCracken (1934–2011).
Tech Beat. 1999.
Polyesterharz, Fiberglas und Sperrholz.
198 × 121 × 15 cm.
Schätzung: CHF 80 000/140 000
WECHSELSPIEL VON NÄHE & DISTANZ
Seit 2008 arbeitet Not Vital in Caochangdi und setzt Köpfe als zentrales Motiv in Skulpturen, Zeichnungen und Gemälden ein. «Head No.1» erkundet die Grenze zwischen abstrakter und figurativer Form. Der glänzende Edelstahlkörper mit PVD-Beschichtung spiegelt Umgebung und Betrachter, schafft ein Wechselspiel von Nähe und Distanz und löst beinahe Schwindeleffekt eaus. Archaisch und futuristisch zugleich, verbindet die Arbeit Vergangenheit und Zukunft, Form und Material. Rätselhaft bleibt sie ein eindringliches, projektionsfähiges Objekt.
Not Vital (geb. 1948).
Head No.1. 2013.
Edelstahl mit PVD-Beschichtung. 3/3.
150 × 130 × 105 cm.
Schätzung: CHF 40 000/60 000



