Lot 3074 - A194 Gemälde Alter Meister & des 19. Jhs. - Freitag, 25. September 2020, 14.00 Uhr

CARL WILHELM DE HAMILTON

(Brüssel 1668–1754 Augsburg)
Gegenstücke: Waldstück mit Eichhörnchen und Insekten/Waldstück mit Schleiereule.
Öl auf Leinwand.
Je 72 × 56 cm.

Provenienz:
- Sammlung Lieb-Stähelin.
- Sammlung Theophrast Lieb-Kaiser bis 1987.
- durch Erbfolge an vorherige Besitzer.
- Antiquités Segal, Basel, bis 2012.
- Auktion Koller, Zürich, 23.6.2012, Los 296 (als Nachfolger des 18. Jahrhunderts von Otto Marseus van Schrieck).
- Schweizer Privatbesitz.

Die hier angebotenen Gegenstücke stellen zwei Waldstücke dar – ein Motiv, das verschiedene Genre, wie Stillleben, Tiermalerei und Landschaft vereint. In beiden Gemälden interagieren verschiedene Tiere miteinander: Ein Eichhörnchen frisst Nüsse am Fusse eines Baumstamms, von dem ein Vogel gerade abfliegt, während auf der linken Seite eine Echse versucht einen Schmetterling zu fangen, der auf einer Blume ruht. Eine Eidechse liegt im Vordergrund neben einen Sumpffrosch vor einer Gruppe von Pilzen, die mit verwelkten Blättern bedeckt sind.
Im zweiten Gemälde ziehen eine imposante Eule und ihre tote Beute – eine kleine, auf dem Rücken liegende Meise – die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Die Wiedergabe ihres Gefieders ist äusserst detailreich ausgeführt und sorgt für eine illusionistische Textur. Links davon kommt ein neugieriges Eichhörnchen hinter einer Eidechse vor, die einen auf einer Distel ruhenden roten Admiral fangen möchte.

Solche Waldstücke wurden Mitte des 17. Jahrhunderts vom niederländischen Künstler Otto Marseus van Schrieck (um 1621–1678) entwickelt. Wie V. E. Mandrij untersucht, griffen in der Nachfolge zahlreiche Künstler das Genre in verschiedenen Variationen auf. Dabei spielte Hamilton eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Genres im 18. Jahrhundert in Europa, da er von Belgien nach Deutschland emigrierte, wo er als Hofmaler in verschiedenen Städten arbeitete. So malte Carl Wilhelm de Hamilton mehrere kleinformatige Waldstücke in den 1730er-Jahren, darunter ein Waldstück mit Distel und Salamander, das sich im Musée des Beaux-Arts de Lyon befindet (Inv.-Nr. A114, Öl auf Holz, 30,5 × 22,5 cm). Grossformatige Beispiele, wie die hier angebotenen Gegenstücke, sind bei Hamilton hingegen eher selten. Stilistisch lassen sie sich mit dem 1739 datierten Waldstillleben mit Jagdbeute vergleichen, welches sich im Staatlichen Museum in Schwerin befindet (Inv.-Nr. G2897, Öl auf Leinwand, 124 × 86 cm).

In mehreren seiner Gemälde griff Hamilton auf Marseus van Schriecks Technik zurück, sich natürlicher Materialien zu bedienen und diese auf seinen Gemälden "abzudrucken". So stellt Mandrij fest, dass Hamilton das Moos durch die Verwendung von in Farbe getauchtem realem Moos auf die Leinwand übertrug, sodass die genau Struktur dieser Vegetationsart übernommen wurde. Ebenso bestehen die Flügel der Schmetterlinge und Motten aus den echten Schuppen dieser Tiere, die jedoch mit der Zeit ihre Farbe verloren haben. Sichtbar ist heute noch der weisse Klebstoff, wahrscheinlich Bleiweiss, das als Imprimatura aufgetragen wurde, sowie der Abdruck der Membran. Der auf der Distelblüte ruhende rote Admiral im Eulenbild ist besonders gut mit seinen ursprünglichen Schuppen erhalten. Dabei hat der Maler teilweise den farblichen Effekt der Flügel mit blauen und roten Lasuren verstärkt und wahrscheinlich die Teile vervollständigt, bei denen einige Schuppen nicht auf die Leinwand übertragen wurden.

In der Frühen Neuzeit wurden solche Gemälde in Kuriositätenkabinetten zusammen mit verschiedenen wunderschön gefertigten Artefakten und wunderbaren Naturelementen gesammelt. Heute sind Gemälde mit originalen Schmetterlingsschuppen sehr selten und wertvoll, da sie durch ihre besondere Materialität an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft stehen.

Dr. Fred G. Meijer bestätigt die Eigenhändigkeit unserer Gemälde anhand einer Fotografie, wofür wir ihm danken.

Wir danken V. E. Mandrij für die wissenschaftliche Unterstützung bei der Katalogisierung dieser Gemälde.

CHF 25 000 / 35 000

€ 23 360 / 32 710