Lot 3050 - A189 Schweizer Kunst - Freitag, 28. Juni 2019, 14.00 Uhr

GIOVANNI GIACOMETTI

(Stampa 1868–1933 Glion)
Panorama von Muottas Muragl. 1898.
Öl auf Leinwand.
Insgesamt 4 Teile: Äussere Bildfelder: je 67 × 105 cm.
Innere Bildfelder: je 67 × 150 cm. Total: 67 x 510 cm.

Provenienz:
- Anna von Planta, beim Künstler direkt erworben.
- Sammlung Anton von Salis.
- Schweizer Privatbesitz, als Leihgabe im Bündner Kunstmuseum, Chur, Inv. 428.1–4.52.

Ausstellungen:
- Chur 1961, Bündner Kunstsammlung. Neuerwerbungen, Geschenke und Leihgaben 1950–1960, Kunsthaus Chur, 5.3.–16.4.1960, Nr. 34.
- St. Moritz 1982/83, Giovanni Segantini (1859–1899) - Giovanni Giacometti (1868–1933). Vergleichsausstellung, Museum Segantini, 3.8.1982–30.4.1983, Nr. 28, als "Oberengadiner Panorama vom Muottas Muragl aus".
- Chur 1983, Giovanni Giacometti, Chur, Bündner Kunstmuseum, 10.7.–4.9.1983, Nr. 6.
- Lausanne 1997, Giovanni Giacometti 1868–1933, Musée cantonal des Beaux-Arts, 8.3.–1.6.1997.

Literatur:
- Elsbeth Esther Köhler: Giovanni Giacometti 1868–1933. Leben und Werk, Zürich 1969, S. 16, Nr. 35.
- Ausst.-Kat. Giovanni Segantini (1859–1899) - Giovanni Giacometti (1868–1933). Vergleichsausstellung, Museum Segantini, St. Moritz 1982/83, S. 8, Nr. 28.
- Hansjakob Diggelmann: "Katalog der Gemälde und Katalog der Aquarelle und der Zeichnungen", in: Ausst.-Kat. Giovanni Giacometti im Bündner Kunstmuseum, Chur 1983, S. 18–19, Nr. 6, datiert 1897/98.
- Hansjakob Diggelmann und Georg Germann: Einleitung, in: Ausst.-Kat. Giovanni Giacometti im Bündner Kunstmuseum, Chur 1983, S. 8.
- Beat Stutzer: Waldhaus Flims: Tradition, Flims 1987, S. 6 (mit Abb.), als "Oberengadiner Panorama vom Muottas Muragl aus", datiert 1898.
- Beat Stutzer: "Voglio videre le mie montagne", in: Ausst.-Kat. Das Engadin Ferdinand Hodlers und anderer Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts, Bündner Kunstmuseum und Museum Segantini, Chur/St. Moritz 1990, S. 13, Abb. 7., datiert 1897/98.
- Dieter Schwarz: "Giovanni Giacometti – Leben und Werk", in: Paul Müller, Viola Radlach und Dieter Schwarz: Giovanni Giacometti 1868–1933, Zürich 1996, Bd. I, S. 44 (mit Abb. Ausschnitt).
- Dieter Schwarz: "Giovanni Giacometti. Sa vie, son oeuvre", in: Ausst.-Kat. Giovanni Giacometti 1868–1933, Kunstmuseum Winterthur, Musée cantonal des Beaux-Arts und Bündner Kunstmuseum, Winterthur/Lausanne/Coire 1997, S. 51 und S. 52 (mit Abb. Ausschnitt).
- Paul Müller, Viola Radlach und Dieter Schwarz: Giovanni Giacometti 1868–1933. Werkkatalog der Gemälde, Zürich 1997, Bd. II, S. 164, Nr. 1898.10 (mit Abb.).
- Beat Stutzer: "Giovanni Giacometti - Zur Sammlungsgeschichte", in: Paul Müller, Viola Radlach und Dieter Schwarz: Giovanni Giacometti 1868–1933. Werkkatalog der Gemälde, Zürich 1997, Bd. II, S. 51.

An einem Oktobermorgen des Jahres 1897 machten sich die Maler Giovanni Segantini und Giovanni Giacometti in aller Früh zu Fuss in Begleitung eines Fotografen auf den Weg nach Muottas Muragl, einem Ausflugsberg mit einer Höhe von 2453 südöstlich von Samedan. Der Bergrücken bietet einen atemberaubenden Ausblick über das Oberengadin mit der Engadiner Seenplatte. Grund ihres Ausflugs war das Anfertigen von Skizzen für ein gigantisches Rundgemälde, das an der Pariser Weltausstellung von 1900 präsentiert werden sollte. Giovanni Giacometti, für den der zehn Jahre ältere Segantini ein Mentor war, hatte begeistert seine Mitarbeit zugesagt, auch Cuno Amiet und Ferdinand Hodler waren als Mitarbeiter vorgesehen. Das von der Tourismusbranche unterstützte Projekt musste jedoch aus finanziellen Gründen aufgegeben werden. Segantini zeigte in Paris als reduziertes Projekt das Triptychon „Werden – Sein – Vergehen (La Vita – La Natura – La Morte)“, wobei „La Natura“ den Ausblick von der Segantini-Hütte etwas oberhalb von Muottas Muragl wiedergibt.

Giovanni Giacometti konnte seine auf Muottas Muragl gemachten Studien für einen anderen Auftrag verwenden: Noch im Oktober 1897 bat ihn Anna von Planta, ihr Chalet in St. Moritz-Bad dekorativ auszugestalten. Von den zehn Bildern, die Giacometti in der Folge malte, bildet das hier angebotene vierteilige Panorama von Muottas Muragl, das für das Esszimmer bestimmte Herzstück. Das erste Bildfeld gibt den Blick von Muottas Muragl in südlicher Richtung auf das Rosegtal wieder. Zwischen dem Piz Chalchan links und dem Piz Surlej rechts erhebt sich die schneebedeckte Sellagruppe mit den damals noch markanten Gletscherzungen des Sella- und Roseggletschers. Giacometti malte die Ansicht in der divisionistischen Stricheltechnik, wie er sie von seinem Vorbild Segantini gelernt hatte. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Waldpartien, deren sattes Grün mit komplementärem Rot durchsetzt sind. Die Felspartien, die nicht aus stumpfem Grau, sondern aus einer reichen Palette von Gelb, Grün, Blau und Rosa aufgebaut sind, weisen den Schöpfer als Meister der Farbe aus. Als Giacometti 1894 erstmals ein Bild von Segantini sah, schrieb er begeistert an Cuno Amiet: "Ich habe zum Beispiel noch nie einen blauen Himmel gesehen, der wie der seine gemalt wäre. Es ist nicht, wie ich es in Italien habe machen sehen, mit einem in die blaue Farbe eingetauchten Pinsel gemalt und mit dem Wischer geglättet. Es sind kleine fette, in tausend Farben vibrierende Pinselstriche, und so ist das ganze Bild gemalt." (Cuno Amiet – Giovanni Giacometti. Briefwechsel, hrsg. von Viola Radlach, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich 2000, S. 169 und 170f, Nr. 67). Giacometti malte den Himmel, der die vier Bildfelder zusammenbindet und oben abschliesst, ebenfalls nicht als kompakte Fläche, doch im Unterschied zu Segantini mit langen, fadenartigen Strichlagen, die dem Blau eine lebendige Struktur verleihen. Giacometti blieb der divisionistischen Maltechnik noch bis über den Tod seines älteren Freundes hinaus treu, doch kündet sich in der aufgehellten Palette bereits die Lichtfülle seiner späteren Landschaftsgemälde an. Segantinis Farbwahl dagegen war schwerer, erdverbundener.

Auf dem zweiten Bildfeld blickt rechts ein Hirte mit einer Herde auf den St. Moritzersee mit St. Moritz und Sankt Moritz-Bad herunter. Darüber erhebt sich das 3380 m hohe Juliermassiv und rechts der etwas zu massig geratene Piz Bever. Auch sonst hat sich der Maler für die Topografie in diesem Bildfeld reichlich künstlerische Freiheiten herausgenommen. So wird der St. Moritzersee von Muottas Muragl aus als diagonal liegende, nicht als horizontale Fläche wahrgenommen. Die Unterschiede zur Realität erklären sich womöglich teilweise dadurch, dass Giovanni Giacometti die Gemälde im Winter 1897/98 auf der Oschwand bei seinem Freund Cuno Amiet und nicht vor Ort ausgeführt hat. Zwar bat er Ende 1897 Giovanni Segantini um die auf Muottas Muragl gemachten Fotografien, doch ging es ihm nicht um die sklavische Wiedergabe der Wirklichkeit, denn er schrieb: "Als Motiv für die Komposition habe ich die Aussicht von Muottas Muragl gewählt, wenigstens was die Bergkette und die Wälder betrifft." (Giovanni Giacometti, Briefwechsel mit seinen Eltern, Freunden und Sammlern, hrsg. von Viola Radlach, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich 2003, S. 150, Nr. 89).
Beeindruckt von einem Gemälde Segantinis schrieb Giacometti, dass ein Maler den Eindruck und die Gefühle, die man in der Landschaft empfindet, wiedergeben solle, fotografische Exaktheit sei nicht gefordert. (Cuno Amiet – Giovanni Giacometti. Briefwechsel, hrsg. von Viola Radlach, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich 2000, S. 169 und 171, Nr. 67). Die Auftraggeberin Anna von Planta verstand aber nicht, dass ein Kunstwerk eigenen Gesetzmässigkeit zu folgen hat und bedauerte, dass Giacometti in Hellsau malte, "weil der ganze Character dieser Gegend ein grundverschiedener ist. Die Beleuchtung ist eine Andere, die Luft, die Berge die Thiere fehlen & Sie können doch wohl nicht Alles aus der Erinnerung malen?" (Giovanni Giacometti, Briefwechsel mit seinen Eltern, Freunden und Sammlern, hrsg. von Viola Radlach, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich 2003, S. 151, Nr. 90).

Der Vordergrundstreifen des dritten Bildfelds wird von einem Hirten dominiert, der die ihn umstehenden Schafen füttert. Der Blick geht nun Richtung Westen, wo am linken Rand der Piz Saluver erscheint und rechts davon der Piz Ot mit 3246 m den höchsten Punkt markiert.

Das letzte Bildfeld schliesst das Panorama mit dem Blick ins Val Bever ab. Auffallend ist das Fehlen des Fernblicks auf Silvaplanersee, Silsersee und die Bergeller Berge, ein Segment, dass man eigentlich zwischen dem ersten und zweiten Bildfeld erwartet. Eine Studie in Privatbesitz legt jedoch nahe, dass Giacometti den Blick auf die Seen zunächst vorgesehen hatte. Der Bruch im Raumkontinuum wird vom Betrachter allerdings kaum bemerkt und schadet dem einheitlichen Bildeindruck keineswegs. Giacometti gelingt dies durch das Durchziehen des Terrains im Vordergrund und durch die horizontalen Streifen der topografisch frei platzierten Seen sowie durch die symmetrisch auf das Zentrum mit dem Hirten bezogenen Schafe.

Wenige Jahre nach dem Panorama von Muottas Muragl hat Giacometti der Schönheit der Bündner Berge mit dem Panorama von Flims erneut ein Denkmal gesetzt. Die dreiteilige Komposition wurde 2016 von Koller Auktionen versteigert und kann heute in der Fondation Saner in Studen bewundert werden.

Wir danken Paul Müller, Co-Autor des Werkverzeichnisses Giovanni Giacometti, für diesen Katalogbeitrag.

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