Lot 3023 - A156 Gemälde Alter Meister - Freitag, 01. April 2011, 15.00 Uhr

JACQUES DE ROUSSEAUX

(Tourcoing um 1600–1638 Leiden)
Selbstbildnis in Phantasietracht. 1635.
Öl auf Holz.
Mittig links monogrammiert und datiert: JR (ligiert) 1635.
57 × 44,5 cm.

Provenienz:
- Privatsammlung, Liechtenstein.
- Europäische Privatsammlung.

Literatur:
- Walther Bernt: Die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts, München 1980, Bd. III, Nr. 1052 mit S/W Abb. 1980.
- Werner Sumowski: Gemälde der Rembrandt-Schüler, Landau 1983, Bd. IV., Nr. 1686, S. 2507, Farbabb. S. 2522.

Dieses exquisite und seltene Selbstbildnis in Phantasietracht von Jacques de Rousseaux befand sich lange in einer Privatsammlung und ist nach vielen Jahrzehnten nun erstmals wieder auf dem Kunstmarkt. Es gilt als Hauptwerk dieses Malers französischer Herkunft. Über das Leben des Künstlers ist wenig bekannt. Er wurde um 1600 im flandrischen Toorcoing geboren und kehrte 1627 von einer Italienreise zurück. Als selbständiger Maler muss er ab 1630 tätig gewesen sein, und bis 1636 lassen sich datierte Werke nachweisen. Sein Sohn erhält am 5. März 1638 seinen Onkel zum Vormund, woraus auf 1638 als Todesjahr des Malers geschlossen wird. Der früh verstorbene Künstler hat nur wenige Werke hinterlassen, von denen sich viele im Museumsbesitz befinden, wie Alter Mann mit Bart (1630, Den Haag, Museum Bredius), Mann mit Barett und Halskette (1635, Rotterdam, Museum Boymans van Beuningen), Mann mit Barett und Halskette und Alte Frau mit perlenbesetzter Mütze (Leiden, Stedelijk Museum De Lakenhal) oder Bärtiger Kreis mit Barett (München, Bayrische Staatsgemäldesammlungen). Uneinig ist sich die Wissenschaft, ob, wie die ältere Forschung annimmt, Rousseaux ein Rembrandt-Schüler war oder er sich an den Werken des jüngeren Jan Lievens (1607-1674) orientierte, wie heute eher angenommen wird,. Rembrandt und Lievens hatten beide bei dem angesehnen Historienmaler Pieter Lastman gelernt und arbeiteten später in einer gemeinsamen Werkstatt zusammen. Jacques de Rousseaux wird zum Umkreis Rembrandts gezählt. Die vermutete Verbindung zu Jan Lievens ist deshalb für das hier angebotene Selbstbildnis in Phantasietracht von besonderer Bedeutung, weil wohl Lievens in den 1620er Jahren in Leiden die ersten Tronien als eigenständige Kunstwerke gemalt hat und sich einige solche Tronien in Rousseaux' Werk finden. Auch Rembrandt muss diese Anregung aufgegriffen haben. Davon geht jedenfalls die neueste Forschung aus, die ihr Interesse auf das Tronie als Bildgattung mit ihren speziellen Charakteristika gerichtet hat. Der niederländische, aus der Rembrandt-Zeit stammende Begriff kann mit "Kopf" oder "Gesicht" übersetzt werden und bezeichn et ein Bildnis nach einem lebenden Modell, jedoch kein Portrait. Portraits wurden häufig zu Repräsentationszwecken in Auftrag gegeben und zeichneten den Dargestellten oft mit besonderen Attributen aus, die auf seinen Stand oder seine Profession verwiesen. Herrscher wurden auch in antikisierenden Kostümen abgebildet, die ihre Person nobilitieren sollten. Höchster Wert wurde dabei auf eine präzise, detaillierte Maltechnik gelegt, die den Portraitierten würdevoll, bestens ausgeleuchtet und mit eher zurückhaltender Mimik zeigte. Tronien dagegen stellen das Modell tendenziell ohne besondere Zeichen des Standes dar; die Bekleidung verliert sich im Ungewissen. Die Betonung liegt ausschliesslich auf dem Gesicht, das oft emotionsgeladen gezeigt und mit effektvollem Hell-Dunkelkontrast betont wird. Der Malduktus ist freier und ungezwungener als beim Portrait. Entwickelt haben sich die Tronien, so wird vermutet, aus Kopfstudien, die zur Vorbereitung grösserer Werke dienten. Die Bildnisse lösten sich aber bald von dieser Hilfsfunktion und wurden zum attraktiven Verkaufsobjekt, mit dem junge Maler ihr künstlerisches und malerisches Können demonstrierten. Wählten sie sich selbst als Modell, konnten sie ihre potentielle Kunden gleich noch mit dem eigenen Aussehen vertraut machen: Zielgruppe: eine kunstinteressierte Käuferschaft aus dem gebildeten Bürgertum, dem diese vergleichsweise unorthodoxen und experimentellen Gemälde als willkommene Ausweise eigener Kennerschaft dienten. Auch die Auftraggeber selbst, so lässt sich nachweisen, liessen sich ab den 1630er Jahren so darstellen. Und zeigten sich die Modelle auch noch im exotischen Phantasiekostüm, wurde das Tronie zum Gegenentwurf des höfischen Herrscherbildnisses. Das bürgerliche Kostümportrait entstand. Jacques de Rousseaux' Selbstbildnis in Phantasietracht kann als herausragendes Beispiel dieses neuen, attraktiven Bildtypus gelten. Der Maler wählt dafür eine klassische Dreiviertelansicht seines Kopfes, die ihm ermöglicht, seine linke Gesichtshälfte hell zu erleuchten, die rechte dagegen in einen scharfen Schlagschatten zu setzen. Das fein schimmernde Inkarnat der Gesichtshaut und das Aufstrahlen der Perlenverzierung an seinem Barett sind Zeugnisse seiner hohen malerischen Fähigkeiten und beweisen ebenso wie der vorsichtig zurückhaltende, taxierende Blick des Dargestellten, also die psychologisierende (Eigen)Darstellung, dass sich Rousseaux auf der Höhe der damaligen Portraitkunst befand. Gleichzeitig nimmt sich der Maler in diesem Selbstbildnis in Phantasietracht alle Freiheiten des Tronie heraus, indem er das Halstuch und das Barett noch sorgfältiger ausarbeitet, jedoch die Schulter- und Brustpartie nur noch andeutet. Weder Beigaben wie Staffelei oder Palette zeichnen ihn als Maler aus, er muss sich nicht durch Bücher oder antike Statuetten als belesen erweisen oder durch das Portraitieren der Gottesmutter Maria legitimieren, wie dies Maler der vorhergehenden Generationen mit Hinweis auf den Schutzpatron der Maler getan hatten.. Seine sorgfältig ondulierten Haare, der gepflegte Schnauzer und die wachen dunklen Augen sind dezente, doch klare und ausreichende Hinweise auf Bildung, Verstand und Standesbewusstsein. Weiterführende Literatur zum Tronie: Gottwald, Franziska: Das Tronie. Muster – Studie – Meisterwerk. Die Genese einer Gattung der Malerei vom 15. Jahrhundert bis zu Rembrandt. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2009. Hirschfelder, Dagmar: Tronie und Porträt in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. Mann, Berlin 2008.

CHF 350 000 / 500 000

€ 307 020 / 438 600

Verkauft für CHF 526 000 (inkl. Aufgeld)
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