Lot 3118 - A192 Von Corot bis Purrmann - Freitag, 19. Juni 2020, 15.30 Uhr

LOVIS CORINTH

(Tapiau 1858–1925 Zandvoort)
Maske im weissen Kleid. 1902.
Öl auf Leinwand.
Oben rechts signiert: Lovis Corinth.
78,5 × 63,5 cm.

Provenienz:
- Lotte Cassirer-Fürstenberg, Johannesburg, ab 1933.
- W. Seehoff, Johannesburg.
- Auktion Sotheby's, New York, 24.5.1984, Los 88.
- Galerie Dr. Hans-Peter Bühler, München, wohl an obiger Auktion erworben.
- Schweizer Privatsammlung, 1984 bei obiger Galerie erworben.

Ausstellungen:
- Berlin 1913, Berliner Sezession, Nr. 70 (dat. 1903).
- Sofia 1918, Deutsche Kunstausstellung, Nr. 66.
- Berlin 1923, Nationalgalerie Berlin, Nr. 26.
- London 1925, 29. Exhibition, Nr. 277.

Literatur:
- Charlotte Berend-Corinth: Lovis Corinth. Die Gemälde. Werkverzeichnis, München 1992, S. 89, Nr. 236 (mit Abb. S. 429).
- Charlotte Berend-Corinth: Die Gemälde von Lovis Corinth. Werkkatalog, München 1958, S. 83, Nr. 236 (mit Abb. S. 399).
- Gert von der Osten, Lovis Corinth, 1950, S. 72 (mit Abb.).

Das vorliegende Porträt entsteht in einem besonders leidenschaftlichen Moment in Lovis Corinths Leben. Es hält den Abend fest, an dem er Charlotte Berend-Corinth das erste Mal küsst. Ab 1901 besucht sie seine Malklasse und Corinth bezeichnet sie als Lieblingsschülerin. Die innige Beziehung der beiden zunächst als Lehrer und Schülerin, später als sich Liebende und Verheiratete wird einerseits in zahlreichen Porträts, andererseits in den Erinnerungen von Charlotte Berend-Corinth dokumentiert. Sie schreibt diese nach dem Tod ihres Ehemannes als Tagebuch zwischen 1925 und 1937 und veröffentlicht 1948 das Buch mit dem Titel „Mein Leben mit Corinth“. Hier wird geschildert, wie sie durch Corinth in die Berliner Gesellschaft eingeführt wird und so Ende des Jahres 1902 an zwei kurz auffeinanderfolgende Bälle eingeladen wird.

Nach dem frühen Tod ihres Vaters sind die finanziellen Mittel der Familie knapp. Ihre Mutter weiss jedoch Rat, trotzdem zu einem schönen Kleid zu kommen. In den folgenden Sätzen beschreibt die Porträtierte dieses Kleid, das sie in dem Gemälde mit Maske trägt: „Mama besprach sich mit der – Schneiderin. Das ist ein zu stolzer Titel. In der Ansbacher Strasse, fünf Treppen hoch! Es wurde beschlossen, weisse leichte (hm!) Seide zu kaufen und als Zwischensatz Klöppelseide zu fünfundsiebzig Pfennig das Meter, die es bei Schönberger gab und die so fabelhaft echt aussehen solle, dass selbst Kennerinnen sich nicht auskennen würden! Wir kauften ein, und es wurde ein weisses, für meine Begriffe geradezu himmlisches Kleid“ (Charlotte Berend-Corinth, Mein Leben mit Lovis Corinth, Hamburg 1948, S. 77).

Während des ersten Balls unterhält Charlotte sich kurz mit Corinth, dieser ist von ihrer Ausgelassenheit beeindruckt, doch sie verliebt sich in den Sohn der Gastgeber, der sie dann an den zweiten Ball begleitet. Hier geschieht schliesslich die ihr Leben entscheidend verändernde Annäherung ihres Lehrers:

„Nach einigen Wochen folgte eine grosse Redoute im Theater von Wolzogen. (…). Da sass mein Herr Lehrer mit vielen Leuten lachend am Tisch. Ich wünschte Guten Abend. „Sie hier, nanu Fräulein Berend, nu tanzen wir aber mal zusammen!“ Wir stiegen herunter, ich weiss nicht mehr, was wir tanzten, aber zum Schluss zog er mich an sich und küsste mich plötzlich auf den Mund. Ich tat den dummen Quietscher der jungen Mädchen, war aber doch wirklich überrumpelt gewesen. „Still doch, still“, sagte er, „und niemand verraten“, und lief davon. Da war mir doch etwas seltsam zumute. Geküsst vom Herrn Lehrer! Ich war verwirrt. Noch etwas durcheinander steuerte ich instinktiv wieder der Bühne zu. Ich war übermütig und wie von mir selbst berauscht. Da sagte der alte Kunsthändler, Herr Caspar, und diese Worte gedenke ich ihm in alle Zukunft: „Corinth, malen Sie doch das hübsche Mädel, so wie sie da ist! Ich kaufe Ihnen das Bild ab“ (ebd., S. 78-79).

CHF 100 000 / 150 000

€ 87 720 / 131 580

Verkauft für CHF 189 400 (inkl. Aufgeld)
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