Lot 3219 - A195 Impressionismus & Moderne - Freitag, 04. Dezember 2020, 16.00 Uhr

ERNST BARLACH

(Wedel/ Holstein 1870–1938 Rostock)
Mutter mit Kind II. 1935.
Bronze, braune Patina. Guss von 1978.
Hinten auf dem Sockel signiert und nummeriert: E. Barlach 6/6, sowie mit dem Giesserstempel: H. NOACK BERLIN.
H 59 cm.

Provenienz:
- Ernst Barlach Lizenzverwaltung, Ratzeburg.
- Privatsammlung Deutschland.

Literatur:
- Elisabeth Laur: Das plastische Werk: Werkverzeichnis. Ernst Barlach, Güstrow 2006, Ernst Barlach Stiftung, S. 262, Nr. 590 (mit s/w Abb.).
- Ausst.-Kat. Ernst Barlach, 51 Bronzen, Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath Gmbh, Frankfurt 1981 (mit Abb.).
- Ausst.-Kat. Barlach, Unbekannte Bronzen, Bank für Gemeinwirtschaft und Ernst Barlach Gesellschaft e.V., Hamburg 1983.
- Ausst.-Kat. Denkzeichen: eine Ausstellung im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf Schleswig, hrsg. von dem Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf, Berlin 1989.
- Ausst.-Kat. Ernst Barlach. Plastische Meisterwerke, hrsg. von E. A. Seemann, Leipzig 1996.
- Ausst.-Kat. Ernst Barlach. Zwischen Himmel und Erde. Plastiken und Graphik, Schloss der pommerschen Herzöge Stettin, hrsg. von Volker Probst, Stettin 2005, Nr. 15.

„Donnerwetter, da sitzen Bronzen“ sagt Barlach, als er 1906 mit seinem Bruder eine Reise durch Südrussland unternimmt und das erste Mal das russische Volk in der Steppenlandschaft zu Gesicht bekommt. Es ist die Einfachheit dieser Menschen, die Bauern, Hirten und die Bettler, die ihn überwältigen und die sein plastisches Auge formen und ihn zur Bildhauerei inspirieren. Diese drei Monate in der russischen Steppe werden zum Schlüsselerlebnis des Künstlers. (E.A. Seemann 1996, S. 8)

„Ich halte es für überflüssig, die Legende zu leugnen, dass ich "nur durch Russland" dazu gebracht wurde, mich dreidimensional auszudrücken - oder wie auch immer dies formuliert worden ist. Tatsache bleibt, dass für meine Augen die Wirklichkeit dreidimensional war und dass ich eine unbefriedigte Sehnsucht, die Bereitschaft und die Fähigkeit, die plastischen Werte wahrzunehmen, mitbrachte. Russland gab mir seine Formen... Gestalt - bloß Gestalt... Nein, die unglaubliche Erkenntnis dämmerte mir: Alles, was dein ist, das Äußere, das Innere, die fromme Geste, die unbändige Geste der Wut, darfst du ohne Zögern wagen, denn alles, sei es das höllische Paradies oder die paradiesische Hölle, hat seinen Ausdruck, wie in Russland, wo das eine oder das andere verwirklicht wurde" (zitiert in: Ernst Barlach Handzeichnungen: Die Sammlung Niescher, Hamburg 1972)

Barlachs Werke der 1930er-Jahre sind eine direkte Anknüpfung an diese Russlandreise und schliessen sowohl geistig als auch motivisch unmittelbar an die Reise an. Das vorliegende Werk „Mutter mit Kind II“ entsteht im Zuge einer Werkserie, die Barlach 1935 schafft, wobei die unsrige die letzte Mutter mit Kind Plastik darstellt. Dem Motiv muss er während seiner Reise mehrfach begegnet sein, denn bereits 1907, ein Jahr nach seinem Aufenthalt in Russland, nimmt Barlach das Thema auf und schafft die Plastik “Russische Bettlerin mit Kind“. Typisch für seine von eben diesen russischen Bettlerinnen inspirierten Frauenfiguren, die stilistisch der gotischen Skulptur nahestehen, bleibt der Körper blockartig von einem langen Gewand verhüllt. Das Gesicht ist frei und Ausgangspunkt aller Emotionen.

Drei der sechs Bronzeabgüsse von „Mutter mit Kind II“ befinden sich heute in Deutschen Museen, die anderen drei sind in privaten Sammlungen. Unsere Bronzeskulptur ist die erste, die auf dem Auktionsmarkt auftaucht.

CHF 40 000 / 60 000

€ 37 380 / 56 070

Verkauft für CHF 67 400 (inkl. Aufgeld)
Angaben ohne Gewähr